Archive for September, 2005

Kein Unterschied zwischen privat und öffentlich

Tuesday, September 27th, 2005

Zwei Themen sind für die Nutzer der Google-Gesellschaft zentral: Universal Access, der uneingeschränkte Zugriff auf Wissen, und die informationelle Autonomie, die Fertigkeit für und Kontrolle über die eigenen Informationshandlungen zu besitzen.

Es geht dabei nicht nur darum, alle Antworten aus dem Netz selbstbestimmt zu filtrieren, sondern auch darum, bewusst zu kontrollieren, welche Daten über einen selbst an Dritte gehen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von heute (27.9.2005) steht der Datenschutzbeauftragte Spiros Simits der Redaktion Rede & Antwort. Mit seiner These, dass die Unterschiede zwischen dem Privaten und Öffentlichen und letztlich das Bewusstsein für den Datenschutz verschwinden, markiert er die wichtigen Probleme seiner Arbeit.

Gibt es noch ein Verständnis für den Datenschutz, wie ihn das Bundesverfassungsgericht 1983 im Volkszählungsurteil entwickelt hat? (…)

(…) Die Entscheidung des Verfassungsgerichts (…) ist nicht in erster Linie wegen des Streits über die Volkszählung zustande gekommen. Vielmehr war die Reaktion der Betroffenen eine Reaktion auf den radikalen Wandel der Technologie. Diese Technologie hat aber heute dazu geführt, daß wir uns tagein, tagaus daran gewöhnt haben, daß wir permanent Daten preisgeben. Das heißt, wir als Individuen geben unsere Privatheit ständig auf.

…bewußt…

Bewußt. Angefangen bei den Kundenkarten in den Geschäften, fortgesetzt über das Handy, mit dem Sie alles hinausposaunen, was Sie über sich selbst und andere zu sagen haben. Selbst wenn Sie heute einen Handwerker bestellen, der online arbeitet, teilen Sie vorher seiner Firma so viele Daten über sich selbst mit, wie Sie es früher nie getan haben. Was also verschwindet, das ist unser Verständnis von Privatheit. Datenschutz kann nicht existieren, wenn nicht gleichzeitig das Bewußtsein für Privatheit besteht.

Die Datensammlung durch Private ist demnach heute das größere Problem?

Erstens: Die meisten Daten werden durch Private erhoben. Zweitens, und das ist viel wichtiger: Es gibt keinen Unterschied zwischen privat und öffentlich mehr. Der Staat braucht keine Daten mehr zu erheben. Er kann jederzeit auf alles zurückgreifen, was Private gesammelt haben. (…)

(…)

Ich glaube nicht, daß der Bürger freiwillig etwas preisgibt. Wir spielen da mit einem weiteren Begriff, der eine Fiktion ist. In unserer Gesellschaft ist die Preisgabe von Daten Teil des alltäglichen Lebens. (…) Es ist selbstverständlich, daß Sie keine Leistungen bekommen, wenn Sie nicht ein Mindestmaß an Informationen weitergeben. Sie geben sie weiter, aber zu welchem Zweck werden die Daten verarbeitet? Wenn der Zweck jederzeit modifiziert werden kann - mit Hilfe solcher abstrakten Formulierungen - dann ist es mit dem Datenschutz vorbei.

Zu dem Thema ein Hinweis auf die EU-Vorratsdatenspeicherung bei Spiegel Online.

Nachtrag: Eine Meldung zum Interview findet sich auch bei heise.

Eine Plattform für Vielfalt

Tuesday, September 27th, 2005

Der SuMa-eV, eine Initiative rund um den Metager-Gründer Wolfgang Sander-Beuermann, hat sich u.a. der Entwicklung von alternativen Suchmaschinentechnologien verschrieben.

Zahlreiche Projekte hat sich der Verein in recht kurzer Zeit auf die Fahnen geschrieben: Zum Beispiel die P2P-Suchmaschine YaCy, die Metager-Weiterentwicklung MetaGer2 und die Nachrichtensuchmaschine Romso. Diese und weitere Projekte sind unter http://suma-lab.de zum Test freigegeben.

Mit einem weiteren Projekt geht der Suma-eV nun an die Öffentlichkeit: Allen interessierten Entwicklern stellt der Verein mit Sitz in Hannover eine technische Plattform zur Verfügung:

Auf Initiative der Gitec Technologie- und Wirtschaftsberatung GmbH (Berlin, Hannover) bietet der SuMa-eV nun eine neue Testplattform SuMa-Inno kostenlos für alle an, die eine Suchmaschinen-Idee in die Tat umsetzen wollen.

Beim Experimentieren soll es aber nicht bleiben: Hoffnungsvolle Ideen sollen mit dem Deutschen Preis für Suchmaschinentechnologie ausgezeichnet werden.

Weiterhin plant der SuMa-eV die Prämierung der aussichtsreichsten Testanwendung mit dem „Deutschen Preis für Suchmaschinentechnologie“. Interessenten können Ihre Ideenskizze an info@suma-ev.de mailen. Die Skizze sollte auch Angaben über den voraussichtlichen Resourcenbedarf enthalten und sollte für den Anfang nicht länger als ca. eine Seite DINA4 sein. SuMa-eV wird dann ggf. weitere Fragen im Dialog klären und das Vorgehen besprechen.

Weitere Details beim SuMa-eV.

Die neue Wirklichkeit des Codes

Friday, September 23rd, 2005

Wie die Neuen Medien unseren Blick auf die Welt verändern und ob der medial ausgerichtete Blick eine ganz neue Welt erschafft, ist Thema eines von Thomas Temme und mir initiierten Netzprojekts.

Das Projekt “Ueberflaechen” erkundet, wie die Wirklichkeit, unser Blick und die Macht des Codes grundsätzlich zusammenhängen (dies ist ja auch Thema der Google-Gesellschaft, die nicht nur im 2. Prinzip nach der medialen Erschaffung der Wirklichkeit fragt).

Unter dem experimentellen Stichwort „Ueberflaechen“ trifft Medientheorie auf Digitalkunst, kreuzt sich Text mit Bild. Der ungewohnten „periwissenschaftlichen“ (peri = über etwas hinaus) Perspektive entsprechen auch Design und Navigation der Seite. Sie sind vorsätzlich gewöhnungsbedürftig. Nicht nur weil Themen und Thesen alles andere als trivial sind, sondern auch weil die aufgeworfenen Fragen nach zukünftiger Gestalt und Gestaltung der digitalen Wissensgesellschaft in der Gegenwart weder empirisch noch praktisch beantwortet werden können. Zukunftsweisende Antworten und Darstellungsweisen sind gefragt.

Erste systematische und assoziative, theoretische und künstlerische Annäherungen finden sich auf www.ueberflaechen.de

Informationsgesellschaft 2005

Thursday, September 22nd, 2005

Was die einen akademisch gerne als Globales Gehirn bezeichnen, kann sich empirisch schnell als Sackgasse erweisen. OliverG musste am eigenen Leib erfahren, welche Fallstricke mangelnde Kommunikations- Internetkompetenz mit sich bringt.

Wer googeln und chatten kann…
… braucht nicht lesen zu können. Ein Beitrag zur überlegenen Internet-Kompetenz der nachwachsenden Generationen.

Bürgerblogs

Thursday, September 22nd, 2005

Nicht nur CEOs und Großkonzerne wissen, wie sich Blogs sinnvoll einsetzen lassen. Der Hauptstadtblog hat in einem Artikel beschrieben, wie Bürger- & Kiezinitiativen Weblogs (und das Internet) nutzen können, um sich besser in der Nachbarschaft zu vernetzen - am Beispiel Charlottenburg.

Die Charlottenburger Bürgerinitiativen sind im politischen Berlin bewundert und gefürchtet zugleich. Ständig mischen sie sich ein und man kommt an ihnen nicht vorbei. Allerdings hatte man in Weblogs bis vor kurzem davon noch nicht viel bemerkt. Obwohl – eine kritische Stimme aus dem Kiez zu bilden – dazu eignen sich Weblogs wunderbar.

Über die Frage, wie sich globale Themen organisieren lassen, wurde schon viel diskutiert. Aber wie weit sich auch lokale Räume durch das Netz verändern, wurde bisher kaum beleuchtet.

Wahl05 - Was bleibt?

Wednesday, September 21st, 2005

Der Wahlkampf ist formal zwar vorbei, aber Dresden, Düsseldorf und langwierige Querelen K-Verhandlungen werden die Republik noch einige Zeit beschäftigen. Zeit, sich zu fragen: Was bleibt vom Online-Bundestagswahlkampf 2005 hängen?

In den vergangenen Monaten wurde das Netz vornehmlich als Informationskanal und Kommentarbühne, weniger als Mobilisierungsplattform wie MoveOn.org im US-Wahlkampf genutzt. Der Medienbeobachtungsdienst Ausschnitt hat in einer ersten (und zweiten) wenn auch eher oberflächlichen Bewertung Politiker-Blogs analysiert. Die Macher resümieren bei politik-digital:

„Weblogs sind keine Partei-Homepage, sie sollen die persönliche Sicht auf die Dinge zeigen, wie der Blogger selbst sie hat. Wichtig ist, dass aktuell und intensiv gebloggt wird.“ Die meisten Politiker tun sich jedoch schwer damit, einen persönlichen Zugang zum jeweiligen Thema zu entwickeln, wird in der Untersuchung festgestellt: „Nur ein knappes Drittel aller Beiträge hat persönliche Erfahrungen und Erlebnisse als Aufhänger.“

Spannende Frage: Welche Politker werden auch in den nächsten Monaten weiterbloggen? An vielen Orten wgeschieht dies schon, aber noch ist es zu früh, um abschätzen zu können, wer das Experiment Bürgernähe wirklich weiterführen wird. Zumindest bei Blog4Berlin, das Weblog der CSU, wurden schnelle Entscheidungen getroffen. Die Website war schneller vom Netz als Merkel Fraktionsvorsitzende. Vorher war schon wegen massiver Proteste gegen die Massenmails der CDU und CSU die Kommentarfunktion abgestellt worden.

Eines bleibt zu hoffen: Dass durch die Erfahrungen mit den Neuen Medien die Politikerinnen und Politiker dem Thema Netzpolitk eine neue Aufmerksamkeit schenken werden.

Unternehmen in der Google-Gesellschaft

Wednesday, September 21st, 2005

Kurzr Hinweis auf einen Beitrag, den ich schon vor ein paar Tagen im prblogger veröffentlichte: Unternehmen in der Google-Gesellschaft.

Das Watzlawicksche »Man kann nicht nicht kommunzieren« ändert sich. Künftig heißt es vielmehr: »Man kann nicht nicht-sichtbar sein«. Und entsprechend: »Man kann nicht nicht-finden«. Auch Google als einer von vielen Motoren dieses Wandels musste dies feststellen, als C-Net mit simplen Recherchen dem faktischen Monopolisten auf die Füße trat. Google-Vorstand Eric Schmidt musste erkennen: Die kommunikative Wirklichkeit wird neu strukturiert.

Good-bye Technorati?

Tuesday, September 20th, 2005

Hier, hier und dort ist ja schon kurz über Google Blog Search geschrieben worden. Zwar werden Blogs bereits über die Websuche von Google gefunden, doch die neue Suchfunktion kramt gezielt nach Weblogs in der Datenbank. Zudem erfasst Google Blog Search neue Einträge über die RSS-Feeds und kann die Datenbank deutlich schneller aktualisieren, als dies über eine standardmäßige Websuche mögliche wäre.

Wenig zu lesen war bisher über die Folgen dieses neuen Angebots, waren doch bisher Anbieter wie Technorati (mit 17,5 Mio. Blogs) oder Feedster auf dieses Gebiet spezialisiert. Die Vermutung liegt nahe, das Google nun Technorati & Co. microsofted. Ähnlich wie bei dem Software-Monopolisten aus Redmond ist befürchten, dass neue Angebote und Geschäftsfelder von Google deutlich bei konkurrierenden Anbietern aufräumen wird. Aus den Platzhirschen (so Spiegel Online) dürften durch den Frischling Google Blogsearch schnell graue Mäuschen werden.

Noch bietet Technorati mehr als eine reine Suche.

Technorati displays what’s important in the blogosphere — which bloggers are commanding attention, what ideas are rising in prominence, and the speed at which these conversations are taking place. Technorati makes it possible for you to find out what people on the Internet are saying about you, your company, your products, your competitors, your politics, or other areas of interest — all in real-time. All this activity is monitored and indexed within minutes of posting. Technorati provides a live view of the global conversation of the web.

Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Google mit Funktionen wie Google Blog News nachlegen wird. Noch am 4. September behauptete das Wall Street Journal über Technorati & Co.:

The race is on to become the Google of blogs.

Mit dem Beta-Start von Google Blogsearch nur wenige Tage später dürfte dieser Satz hinfällig sein. Und auch das Verhältnis von (altem) David zu (neuem) Goliath dürfte die Zukunft Google-alternativer Blogsuchen in kritischem Licht erscheinen lassen:

The new blog-search sites draw only a sliver of the visitors that Google, Yahoo and Microsoft’s MSN do. Most of them didn’t have enough traffic in July to register on the radar of Internet-tracking firm Nielsen/NetRatings. Technorati did, with 642,000 unique visitors. But its traffic still made up less than 1% of Google’s visitors that month.

Nachtrag

Hier ein paar Diskussionen in der Blogosphäre:

Kommt jetzt das Multimedia-Wiki?

Tuesday, September 20th, 2005

Wikis revolutionieren die Art, wie wir Texte schreiben können. Statt eines einzelnen Autors sind es in Wikis Gruppen von Personen, die gemeinsam an Dokumenten schreiben. Zur Zeit lässt das Wiki-Prinzip aber in erster Linie Texte zu. Andere Medien können zwar eingebunden werden, aber nicht “verwikit”, d.h. kollektiv bearbeitet werden. So ist die freie Mediensammlung Wikimedia Commons noch auf externe Editoren angewiesen. Dies könnte sich jedoch bald ändern.

Grund dafür sind die eingeschränkten Editiermöglichkeiten unseres Interface: des Browsers. Kann ein Browser, je nach Plugin-Ausstattung, nahe zu jede Medienart anzeigen, sieht es mit den Bearbeitungsmöglichkeiten ganz anders aus. Das höchste der Gefühle ist der Rich Text Editor, mit dem sich zumindest Texte ansprechend gestalten lassen.

Ein Blick in die Zukunft bietet jetzt MagnoliaQT. Ein auf Quicktime basierendes Content-Management-System, welches in der Lage ist Multimediadaten zu bearbeiten. In der gerade erschienen Beta-Version sind die Editiermöglichkeiten noch rudimentär. Vorhanden sind Funktionen wie skalieren, beschneiden und komprimieren. Aber dies alles geschieht im Browser, der lediglich über ein Quicktime-Plugin verfügen muss.

Welches Potential in einer kollektiven Anwendung dieser Multimediabearbeitung liegen würde, lässt sich erahnen wenn man das Netzkunstprojekt Saptakam betrachtet.

Google (Purge) ist alles!

Thursday, September 15th, 2005

Unlängst wurde hier und hier über die SatireGoogle Announces Plan To Destroy All Information It Can’t Index” des US-Magazins THE ONION berichtet. Demnach solle das neue Produkt Google Purge nach und nach alle von Google nicht indexierbaren Daten vernichten.

Hinter der Geschichte steckt aber mehr als nur ein netter Lacher, ein ernster Kern sozusagen. Schauen wir einmal in den Plot.

As a part of Purge’s first phase, executives will destroy all copyrighted materials that cannot be searched by Google.

A year ago, Google offered to scan every book on the planet for its Google Print project. Now, they are promising to burn the rest,” John Battelle wrote in his widely read “Searchblog.” “Thanks to Google Purge, you’ll never have to worry that your search has missed some obscure book, because that book will no longer exist. And the same goes for movies, art, and music.”

“We believe that Google Desktop Search is the best way to unlock the information hidden on your hard drive,” Schmidt said. “If you haven’t given it a try, now’s the time. In one week, the deleting begins.”

Ausgangspunkt dieser kleinen, feinen Story ist eine ernst gemeinte Aussage des Unternehmens aus Mountain View, dem so genannten Mission Statement: Das Ziel von Google besteht darin, die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen.

Was so flockig daher kommt, lässt jeden Wissenssoziologen unruhig schlafen. Denn: Die Informationen der Welt sind in ihrer Gesamtheit keine Ware, die sich ähnlich praktisch zu Pyramiden stapeln lässt wie Obstkonserven. Mit viel Leidenschaft, einer Menge guter Ideen und jeder Menge Venture Capital verbreitet Google seinen Charme und Info-Segen auf der ganzen Welt (denn mit weniger gibt sich Google ja nicht zufrieden). Ähnlich naiv versucht ein George W. Bush aus Washington, Demokratie zu organisieren.

Dennoch hat jede Satire auch ein Fünkchen Wahrheit. Googles faktisches Monopol, das in Deutschland und anderen westlichen Ländern (aber nicht in China) besteht, formt aus Informationsbedürfnissen Tatsachen: Was bei Google nicht steht, existiert eben nicht. Gleiches gilt längst für alle Suchergebnisse in den Trefferlisten jenseits des 25. Eintrags. Zahlreiche Studien (PDF) bestätigen dies.

Informationen, die zukünftig bei Google im Netz nicht stehen oder nicht auf Anhieb gefunden werden, werden für die Nutzer nicht existieren. Dies wird auch auf klassische Offline-Medien wie Bücher ausstrahlen. Warum also sollte sich Google die Arbeit machen, extra ein Programm dafür zu schreiben, das diese Infos vernichtet, wenn für uns bald Google alles ist? ;-)