Archive for October 29th, 2005

Wo selbst der Mullah postet

Saturday, October 29th, 2005

Auf Telepolis ist der 2. Teil des Beitrags über Weblogs im Iran erschienen: Wo selbst der Mullah postet. Im Fokus stehen iranische Frauen im Netz und die “kulturelle Invasion” des Westens.

Irans Frauen sind von der politischen Macht weitgehend ausgeschlossen und im Alltag unter Kopftuch oder Tschador verborgen. Umso offener und selbstbewusster präsentieren sich die Webloggerinnen und legen erstmal virtuell den Schleier ab. Neben allerlei eigenwilligen Verteidigungen des Schleierzwangs (”Schleier gilt als Zeichen des Widerstands gegen westliche Werte” oder als Möglichkeit, “sich freier zu bewegen”) ist in einem [extern] Blog zu lesen, dass wenn die Frauen den Tschador nicht mehr trügen, “diese koreanischen Fabriken, die jährlich Millionen von Metern schwarzen Stoff in den Iran exportieren (und sonst nirgendwo hin) werden Bankrott anmelden müssen.”

Das Internet wird abgeschaltet

Saturday, October 29th, 2005

Auf der Suche nach einem dramaturgischen Einstieg in einen Vortrag stellte ich mir letztens die Frage, was wohl wäre, wenn das Internet abgeschaltet werden würde. An solch einem Szenario lässt sich gerade vor Berufskommunikatoren deutlich zeigen, wie wichtig das Netz heutzutage ist. Und: Dass es das Leitmedium der Zukunft werden wird.

Aber deswegen schreibe ich das hier gar nicht. Bei den Überlegungen fiel mir nämlich ein, dass ich ja vor Jahren einmal eine sehr lustige Kolumne dazu in der taz Berlin gelesen habe: Die Frau mit den Plastiktüten hat einen Informationsvorsprung.

Die Frau mit den Plastiktüten ist wieder gekommen. Die Tür geht auf und sie steht da, die Tüten schlagen gegen die Beine. Die alte Frau wohnt im Hinterhaus, mit einem schlecht ziehenden Ofen und einem Kassettenrekorder voller Don-Kosaken-Musik. In Friedrichshain ist es nass, kalt und dunkel. Die Frau hätte nicht kommen müssen, sie hätte nicht ihre wattierte Jacke überziehen müssen, die weiße Mütze, über den Hof und raus. Sie hat es trotzdem getan. Weil es sich einfach gehört, dass man den anderen einen Wink gibt, wenn man einen Informationsvorsprung hat. Weil es richtig ist, Signale auszusenden, wenn man von etwas weiß, das die moderne Welt vermutlich zum Einsturz bringt.

Die Frau will die Nachbarn mit den Computern warnen. “Hört zu!”, sagt sie. Mit Anwälten hat sie gesprochen, es in geheimen Dokumenten gelesen und aus dem Telefon erfahren: Die Lage ist ernst. “Das Internet wird abgeschaltet”, flüstert sie in den Raum. “Wahrscheinlich schon nächstes Jahr.” Schnell zieht sie den Kopf ein, dreht sich zum Gehen um. Jetzt ist es raus, sie muss weiter. (…)