Archive for October, 2005

Geldmaschine Google

Tuesday, October 25th, 2005

Google verblüfft die Börse, meldete vor wenigen Tagen der Tagesspiegel zu den neuen Quartalszahlen aus Mountain View. Anders als Spiegel Online, schafft es Henrik Mortsiefer aber die Zahlen einzuordnen. So relativiert sich der angeblich versiebenfachte Quartalsgewinn von 381 Mio. Dollar, wenn man weiß, dass Google letztes Jahr im Sommer 201 Mio. Dollar an Yahoo! wegen eines Patentstreites zahlen musste. 39 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Google im Ausland. Einen Großteil davon dürfte auf Deutschland entfallen, ist es doch das zweitumsatzstärkste Google-Land.

Der Aktienkurs von Google liegt nun bei 300 Prozent seines Ausgabewertes. Das Unternehmen ist demnach knapp unter 100 Mrd. Dollar wert und ungefähr so teuer wie Daimler-Chrysler, BMW und VW zusammen.

Unklar ist weiterhin, was Google mit seinen Barmitteln in Höhe von 7,6 Milliarden Dollar plant. Gerüchten zufolge soll sich Google um den Kauf von AOL bemühen. Kooperationen mit der NASA und SUN beflügeln zudem die Phantasie. Auch die Hotspot-Ambitionen in San Francisco sind ein völlig neuer Bereich des Suchmaschinenbetreibers.

Das digitale Erbe

Tuesday, October 25th, 2005

Vor rund einem Jahr brannte in Weimar das Weltkulturerbe Anna-Amalia-Bibliothek aus. Das Feuer machte Anfang September 2004 deutlich, wie vergänglich Wissensbestände sein können.

Gedruckte Werke können aber noch als recht robust gegenüber den Zeichen der Zeit gelten. Digitalen Daten dagegen sind nämlich alles andere als pflegeleicht zu archivieren. In der aktuellen Ausgabe der c’t beschäftigt sich Jürgen Rink mit der Frage, wie digitale Inhalte erhalten werden können: Digitales für die Ewigkeit. Die unterschiedlichen Datenformate, aber auch die schiere Menge an Material stellen Archive und Bibliotheken vor ziemlichen Herausforderungen.

Digitale Inhalte verlangen nach ständiger Pflege: Datenträger fehlen nach wenigen Jahrzehnten die Lesegeräte, Formate und Plattformen ändern sich, der Zugang zu digitalen Dokumenten ist wegen Rechtefragen ungleich komplizierter. Außerdem wächst die Datenfülle rasant - welche digitalen Dokumente und welche Teile des Web sollen für die Nachwelt aufgehoben werden?

Das Thema ist auch Gegenstand internationaler Politik seit dem die UNESCO es 2003 das erste Mal breit diskutierte und das Programm Digitales Erbe aus der Taufe hob. Und gleich eine Charta verabschiedete: Charta zum Erhalt des Digitalen Kulturerbes 2003.

Das digitale Erbe der Welt ist in Gefahr, für die Nachwelt verloren zu gehen. (…) Die Veränderungen in der professionellen und politischen Haltung haben nicht mit den technologischen Veränderungen Schritt gehalten. Die digitale Evolution war zu schnell und zu kostspielig, als dass Regierungen und Institutionen rechtzeitig intelligente Erhaltungsstrategien hätten entwickeln können. Die Bedrohung für das ökonomische, soziale, intellektuelle und kulturelle Potenzial des Erbes – die Bausteine der Zukunft - ist daher nicht in vollem Umfang erkannt worden.

Zahlreiche Initiativen und Programme existieren mittlerweile, um Strategien für die Langzeitarchivierung zu entwicklen oder konkrete Archivierungen vorzunehmen. In Deutschland koordiniert vor allem das Kompetenznetzwerk Nestor die Bemühungen. Unter www.langzeitarchivierung.de findet sich ein reiches Angebot an Informationen zu konkreten Initiativen.

Wohin geht die Reise? Rink meint:

Viel Geld wird auch die Digitalisierung von Papierbeständen verschlingen. Bevor Unternehmen wie Google und Yahoo, die in den USA Millionen von Büchern scannen wollen, auch in Europa den finanzschwachen Bibliotheken unter die Arme greifen können, sind wohl noch viele Diskussionen notwendig. Public-Private-Partnerships sind Neuland für das europäische Bibliothekswesen, aber eine Alternative dazu ist zurzeit nicht in Sicht.

P.S.: Gestern feierte die Bibliothek ihr Richtfest, der Aufbau geht zügig voran.

Zehn für die Zukunft

Monday, October 24th, 2005

Wer hätte gedacht, dass in der Religion die Rettung der Wissensgesellschaft verborgen liegt? Der Apparatschik, alias Thomas Hillenbrand, verkündet auf SpOn, die Erlösung in wenigen Schritten: Googles Zehn Gebote. Und ich dachte immer, Religion und Wissen wären ein Widerspruch ;-)

1. Du sollst nie weniger als drei Begriffe eingeben
2. Du sollst Artikel und Hilfsverben ächten
3. Du sollst Nomen bevorzugen
4. Du sollst “Phrasen in Anführungszeichen” setzen
5. Du sollst Wörter gebrauchen, die Du in Deinen Ergebnissen zu finden erwartest
6. Du sollst die Syntax des Heiligen Boole (AND, OR, NOT) in Ehren halten und sie stets GROSS SCHREIBEN
7. Du sollst alles andere klein schreiben
8. Du sollst auch die ehrwürdigen Verzeichnisse befragen
9. Du sollst andere Suchmaschinen haben neben mir
10. Du sollst auch der Auskunft und dem Telefonbuch huldigen

Der Pirat des Wissens

Monday, October 24th, 2005

Wiederentdeckt bei Telepolis: Eine kurze Einführung in die Gedankenwelt des französischen Medienphilosophen Michel Serres samt eines Kurzinterviews aus dem Jahre 2001 - von Frank Hartmann und Bernhard Rieder.

Wer an der theoretischen Erschließung der Netzwelten interessiert ist, dem seien die Arbeiten von Serres wärmstens empfohlen. Die Einstimmung dazu findet sich hier

Sie sind also Optimist, wenn es um die neuen Technologien geht, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung vom Zugang ausgeschlossen ist und die westliche Welt über Patentrechte und Ähnliches das Wissen in der abendländischen Hemisphäre halten will.

Michel Serres: Natürlich gibt es Hindernisse, aber diese Hindernisse wären ohne die neuen Technologien noch viel größer als mit ihnen. Denn wenn man über keine neuen Technologien verfügt, wird alles kostenintensiver - nehmen wir nur einmal den universitären Campus alten Stils. Es gäbe ohne Technologien gar keine Möglichkeit, das Wissen überhaupt aus unseren Breiten in die Welt hinauszubringen. Die digitale Kluft ist also wesentlich kleiner, als es die Kluft davor gewesen ist.

Meinen Sie, mit “parasitären” Strategien wie illegalem Download oder Hacken von Wissen ließe sich die Kluft noch weiter verringern?

Michel Serres: Das ist natürlich eine ziemlich gute Sache. Es wird vielleicht der Moment kommen, da die dritte Welt eine Piratenflagge hisst. Und auch das wäre eine gute Sache. In meinen Augen ist es niemals ein Verbrechen Wissen zu stehlen. Es ist ein guter Diebstahl. Stehlen Sie doch das pythagoräische Theorem, das würde mir gefallen.

Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich ein Schiff bauen, das so hieße: Pirat des Wissens. Was in der Wissenschaft derzeit schlimm ist, ist dass die Firmen ihr Wissen kaufen und es deshalb geheim halten wollen. Und deshalb werden die Piraten morgen die sein, die im Recht sind. Man wird das Geheimnis piratieren.

Blackbox Suchmaschine (V)

Monday, October 24th, 2005

Prof. Dr. Marcel Machill von der Universität Leipzig hat im Rahmen eines Projekts für die Bertelsmann Stiftung an der Entwicklung eines »Code of Conduct« (CoC) mitgewirkt. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft” (Teil I hier).

Studien belegen regelmäßig, dass das unreflektierte Nutzerverhalten erheblich zur Situation beiträgt. Wie ist hier Abhilfe zu schaffen?
Mediennutzung muss bereits in den Schulen stärker verankert werden, nicht nur das Internet betreffend, sondern auch im Hinblick auf Bücher, Zeitschriften und den Rundfunk. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, und da gilt mehr denn je: »Wissen ist wissen, wo’s steht«. Hierfür brauchen wir kein neues Fach, aber eine leichte Korrektur aller Fächer – wir müssen den Schülern vernünftiges Recherchieren beibringen.

Wie verhält sich Google als führende Suchmaschine zum CoC?
Aus der Technologieführerschaft von Google ergibt sich automatisch, dass man sich – vor allem im Hinblick auf die Transparenz des Ranking – bedeckt hält. Auch kollidiert die Forderung nach Datensparsamkeit teilweise mit Googles Geschäftsmodellen, bspw. AdSense. Hier besteht großer Nachholbedarf. Andererseits ist Google bei der Kennzeichnung von bezahlten Links, sprich Werbung, sehr vorbildlich zu nennen.

Der CoC plädiert dafür, bestimmtes Wissen auszublenden, indem die Suchergebnisse gefiltert werden. Wie steht es um das Recht auf einen freien Informationszugang?
Es geht vor allem darum, nach geltendem Recht als illegal eingestufte Inhalte auszublenden, bspw. Nazi-Seiten, die Auschwitz leugnen oder Seiten mit Kinderpornographie, also Informationen, auf die sie auch in der Offline-Welt kein Recht auf Informationszugang besitzen. In puncto Jugendschutz muss man fragen, was mehr wiegt: das Recht der Jugend auf eine ungestörte Kindheit oder das der Erwachsenen auf einfache, möglichst kostenlose Triebbefriedigung? Ich plädiere für eine publizistische Verantwortung der Suchmaschinenbetreiber, nicht für Zensur.

Wer entscheidet, welches Wissen für welche Nutzer gesperrt wird?
Die Entscheidung über den Ausschluss bestimmter Seiten sollte eine politisch wie wirtschaftlich unabhängige Kontrollinstanz wie die FSS ausüben. Es müssen im Vorfeld klare Richtlinien gesetzt werden, welche Inhalte ausgeschlossen werden können, und es muss explizit das Recht geben, dass man gegen diese Entscheidung vor Gericht ziehen kann und auf Wiederaufnahme der Seite in den aktiven Suchmaschinenindex klagt.

Lässt sich der Zugang zu Wissen im Netz effizient einschränken?
Wer technisch versiert ist, kann sich immer Zugang zu Informationen beschaffen. Sie können bspw. die deutschen Google-Seiten umgehen, indem sie einfach auf google.com/ncr wechseln, dann steht ihnen nämlich der gesamte US-Index für ihre Suche offen. Das ist aber kein Argument dafür, den Jugendschutz nicht zu verbessern. Sonst müsste man nämlich mit ähnlicher Argumentation jegliche Strafverfolgung einstellen, nur weil es uns nicht gelingt, eine verbrechensfreie Gesellschaft zu schaffen.

Welches Fazit ziehen Sie für den CoC im Jahre 2005? Dient er nicht viel zu sehr als Feigenblatt für die teilnehmenden Suchmaschinen?
Die Idee des CoC war von Anfang an mit der Idee einer unabhängigen Kontrollstelle verbunden, die dessen Einhaltung kontrolliert. Insofern ist der derzeitige Stand nicht befriedigend. So lange es keine FSS gibt, wird auch die Umsetzung des CoC in einigen Fällen nur Lippenbekenntnis bleiben. Hauptproblem bei der Schaffung einer Freiwilligen Selbstkontrolle Suchmaschinen ist wohl die Finanzierung.

Wo sehen Sie die Informationskultur im Jahre 2010?
Die Nutzer werden sich viele Freiräume im Netz, die heute kommerzialisiert sind, zurückerobern. Der Firefox-Browser ist nur ein Beispiel dafür. Die Open-Source-Bewegung wird ihr Pendant auch in der Informationswelt finden. Schon heute wird eifrig an einer Open-Source-Suchmaschine gearbeitet. Das revolutionäre an Google 1998 war ja, dass die riesigen Datenmengen auf einem handelsüblichen Rechner verwertet werden konnten. So wie Tausende Nutzer am Seti@Home-Projekt teilnehmen, ist auch eine dezentrale Suchmaschine denkbar, der die Nutzer dann die freie Rechenzeit ihres Computers spendieren können.

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.

Generation G

Sunday, October 23rd, 2005

Jakob Nielsen, Altvater des nutzerfreundlichen Webdesigns, hat die 10 klassischen Fehler eines Weblogs aufgeschrieben. Philipp Lenssen von Google Blogoscoped hat sich die Ratschläge zu Herzen genommen und die Rubrik Klassiker eingeführt.

Darunter: Der Beitrag Generation G aus dem Jahre 2003. Sozusagen ein unterhatsamer Vorläufer der Google-Gesellschaft.

Aging Beatniks and Baby-boomers. Forgotten Hippies and Yuppies. Punk, Post- and Retro-Punk, and Coupland’s Generation X, dissolving into history books. Recently, Generation Y — the Millennials, the Echo Boomers.
Or is it the Google Generation; Generation Google?
(…)
So maybe then, it’s “Generation G”.
“G” for “Go look it up yourself”.

Zukunft voraus! (2)

Friday, October 21st, 2005

Wie wollen wir eigentlich leben?, fragte ich gestern und stellte die Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft mit ihren Zielen vor.

Die Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures & Commerce hat nun eine weitere Charta für eine zukünftige Wissensgesellschaft aufgestellt: Die Adelphi-Charta für Kreativität, Innovation und geistiges Eigentum zielt dabei auf die Frage, welche Balance zwischen dem Schutz von geistigem Eigentum und der freien Wissenszirkulation einzuhalten sei.

Creativity and investment should be recognised and rewarded. The purpose of intellectual property law (such as copyright and patents) should be, now as it was in the past, to ensure both the sharing of knowledge and the rewarding of innovation. The expansion in the law’s breadth, scope and term over the last 30 years has resulted in an intellectual property regime which is radically out of line with modern technological, economic and social trends. This threatens the chain of creativity and innovation on which we and future generations depend.

Ebenso wie bei der Charta der Bürgerrechte werden neun Prinzipien eingefordert, die Regierungen zukünftig beachten sollten:

1) Gesetze zur Regelung von geistigem Eigentum müssen zur Erreichung kreativer, sozialer und wirtschaftlicher Ziele dienen, anstelle selbst das Ziel zu sein.

2) Diese Gesetze und Regelungen müssen den grundlegenden Menschenrechten auf Gesundheit, Bildung, Arbeit und kulturellem Leben dienen. Sie dürfen sie nicht untergraben.

3) Das öffentliche Interesse benötigt eine Ausgewogenheit zwischen Gemeinfreiheit und privaten Rechten. Es benötigt ebenso eine Ausgewogenheit zwischen dem freien Wettbewerb, der für eine wirtschaftliche Dynamik unverzichtbar ist, und den Monopolen, die durch Gesetze zum geistigen Eigentum gewährt werden.

4) Der Schutz von geistigem Eigentum darf nicht auf abstrakte Ideen, Fakten oder Daten ausgedehnt werden.

5) Patente dürfen nicht auf mathematische Modelle, wissenschaftliche Theorien, Computercode, Lehrmethoden, Geschäftsprozesse, medizinische Diagnose-, Therapie- und Operationsmethoden ausgedehnt werden.

6) Urheberrechte und Patente müssen befristet sein und ihre Geltungsdauer darf nicht darüber hinausreichen, was angebracht und notwendig ist.

7) Regierungen müssen auf breiter Basis politische Regelungen schaffen, um Zugang und Innovation zu stimulieren, einschließlich nicht-proprietärer Modelle wie Lizenzen von Open Source-Software und dem freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur.

8) Gesetze über geistiges Eigentum müssen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände von Entwicklungsländern berücksichtigen.

9) Regierungen sollten sich in der Debatte über Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums an diese Regeln halten:

    • Es muss eine automatische Vermutung gegen die Schaffung neuer Bereiche im Schutz geistigen Eigentums, der Ausweitung bestehender Privilegien oder der Verlängerung der Schutzdauer geben.
    • Die Beweispflicht in solchen Fällen muss den Vertretern der Gesetzesänderung auferlegt werden.
    • Änderungen dürfen nur erlaubt sein, wenn eine strenge Analyse deutlich aufzeigt, dass diese die grundlegenden Rechte des Volks und das wirtschaftliche Wohl verbessern.
    • Es sollte dabei eine durchgängige Einbeziehung der Öffentlichkeit und eine verständliche, objektive und transparente Einschätzung von öffentlichem Nutzen und Schaden geben.


Übersetzung “geklaut” bei Freie Software Presseagentur. Original hier.

Die Adelphi-Charta wurde von einer internationalen Gruppe von Experten erstellt, u.a. Lawrence Lessig, Cory Doctorow von der Electronic Frontier Foundation, der Nobelpreisträger Sir John Sulston. Die Kommission der Charta gehört zur 1754 gegründeten britischen Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures & Commerce (RSA).

Hier die heise-Meldung zum Thema.

Wissen bei Böll

Thursday, October 20th, 2005

Nachdenken!Unverzeihlich, dass bisher ein Link zu www.wissensgesellschaft.org der Heinrich-Böll-Stiftung fehlte. Dies sei hiermit nun nachgeholt.

Nicht Rechnerleistungen und Miniaturisierung werden die Qualität der künftigen gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen. Entscheidend wird die Auswahl des Nützlichen und die Fähigkeit zum Aushalten von Ambivalenzen und Unsicherheit sein, die Gestaltung des Zugangs zu Wissen und der fehlerfreundliche Umgang mit dem Nichtwissen.

Hier finden interessierte Leser eine ganz Reihe grundlegender Artikel, die auf die Tagung “Gut zu Wissen - links zur Wissensgesellschaft” zurückgehen.

Folgende Themen werden aufgegrffen:

  • Orientierung
  • Demokratie
  • Global Commons
  • Biopolitik / Bioethik
  • Kunst & Wissenschaft
  • Bildung
  • Wissen regional
  • Governance of Science
  • Wissen & Risiko
  • Wissensökonomie

Zukunft voraus!

Thursday, October 20th, 2005

Der World Summit on the Information Society (WSIS) geht vom 16.-18. November 2005 in Tunis in die zweite Runde. Die von der UNO ausgerufene Weltkonferenz wurde bisher von zahlreichen deutschsprachigen Initiativen begleitet. Ein wichtiges Ergebnis ist die Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft.

Zentral in einer lebendigen Diskussion um die zukünftige Gesellschaft - ob nun mit Informations-, Wissens- oder Google-Präfix - sollte die Frage sein: Wie wollen wir eigentlich leben? Oder: Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben möchten?

Die Herausforderung der Wissensgesellschaft besteht darin, den Menschen das Wissen anderer über den Zugang zu Information offen zu halten und sie so auf einer sicheren Grundlage handlungsfähig zu machen.

Um dieses Ziel und weitere zu erreichen, so die Autoren der Charta, sei es wichtig, erstrittene Menschen- und Bürgerrechte für die Zukunft elektronisch bestimmter Umwelten zu bewahren und zu fördern. Der Zugang zum Wissen müsse freizügig und inklusiv sein. Kooperative Formen der Wissensproduktion solle eine Basis für Innovationen darstellen.

Dabei dürfe nicht außer acht gelassen werden, dass das Wissen unsere natürlichen Umwelt bewahren soll; helfen soll, dass sich Menschen selbstbestimmt entwickeln können und dass der Zugang zum Wissen der Vergangenheit gewahrt bleibt. Dabei darf die Entwicklung des Nordens nicht weiter zu Lasten des Südens und die von Männern nicht weiter zu Lasten von Frauen gehen.

Die deutschen WSIS-Aktiven haben in ihrer Charta neben diesen grundsätzlichen Dingen neun Bereiche identifiziert, die es in einer bürgerorientierten Wissensgesellschaft zu realisieren gilt:

    1. Wissen ist Erbe und Besitz der Menschheit und damit frei.

    2. Der Zugriff auf Wissen muss frei sein.

    3. Die Überwindung der digitalen Spaltung muss als Politikziel hoher Priorität anerkannt werden.

    4. Alle Menschen haben das Recht auf Kommunikation und Informationsfreiheit.

    5. Die ArbeitnehmerInnenrechte müssen auch in der elektronisch vernetzten Arbeitswelt gewährleistet und weiterentwickelt werden.

    6. Kulturelle Vielfalt ist Bedingung für individuelle und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung.

    7. Mediale Vielfalt und das Angebot von Information aus unabhängigen Quellen sind unerlässlich für den Erhalt einer aufgeklärten Öffentlichkeit.

    8. Offene technische Standards und offene Formen der technischen Produktion garantieren die freie Entwicklung der Infrastrukturen und somit eine selbstbestimmte und freie Kommunikation.

    9. Das Recht auf Achtung der Privatheit ist ein Menschenrecht und ist unabdingbar für die freie und selbstbestimmte Entfaltung von Menschen in der Wissensgesellschaft.

Der vollständige Text der Charta ist hier zu lesen (PDF).

Blackbox Suchmaschine (IV)

Wednesday, October 19th, 2005

Prof. Dr. Marcel Machill von der Universität Leipzig hat im Rahmen eines Projekts für die Bertelsmann Stiftung an der Entwicklung eines »Code of Conduct« (CoC) (PDF-Datei) mitgewirkt. Der CoC legt den Betreibern von Suchmaschinen nahe, sich einer Selbstverpflichtung zu unterziehen. Im Rahmen des Buches “Die Google-Gesellschaft” hat Marcel Machill mir ein Interview gegeben, dass ich wegen der Länge in zwei Teilen veröffentliche.

Herr Machill, der Bundestags-Ausschuss »Neue Medien« bezeichnet die Situation am Suchmaschinenmarkt als unbefriedigend. Wie ernst ist es mit der Monopolstellung von Google?

Der Marktanteil von Google am deutschen Suchmaschinenmarkt liegt je nach Erhebungsmethode zwischen 69 und 83 Prozent. Der größte Mitbewerber Yahoo! erreicht in Deutschland gerade einmal knapp zweistellige Marktanteile. Insofern kann man bei Google durchaus von einem Monopol reden – allerdings mit Einschränkungen, denn niemand ist gezwungen, für eine Suche auf Google zurückzugreifen. Die Nutzer verzichten leider allzu oft darauf, Zweit- oder Drittquellen zu befragen. Alternativen gäbe es genug. Googles technologischer Vorsprung schmilzt aber zusammen und die anderen Suchmaschinen werden wieder aufholen. Dies erklärt die vielen Aktivitäten von Google abseits der Websuche; es geht um die Bindung von Nutzern an die Marke. Auf lange Sicht werden wir uns in Deutschland auf Verhältnisse ähnlich wie in den USA einstellen müssen, wo sich einige große Suchmaschinen den Markt teilen.

Welche Stolpersteine birgt der Umgang mit Suchmaschinen?

Zuerst einmal die Annahme, mit einer Suchmaschine könne man sich einen umfassenden Überblick verschaffen. Google hat mittlerweile über acht Milliarden Internetseiten in seinem Index, aber auch dies ist nur ein Bruchteil des gesamten Netzes. Eine annähernd brauchbare Übersicht über ein Thema erhält nur, wer mehrere Suchmaschinen parallel nutzt. Viele Informationen sind im Netz auch gar nicht auffindbar, sondern machen immer noch den Gang in Bibliotheken notwendig.

Den Nutzern fehlt das Wissen für den Umgang mit Suchmaschinen. Viele arbeiten nur mit wenigen, oft sehr allgemein gehaltenen Schlüsselwörtern. Das führt dazu, dass die Suchmaschine eine Masse von Suchergebnissen präsentiert, von denen der Großteil durch Werbung oder Spam nicht relevant ist. Wie man eine Suche sinnvoll eingrenzen kann, haben viele Menschen nicht gelernt. Hinzu kommt, dass sich in den Ergebnislisten Ergebnisse tummeln, die dort überhaupt nicht hingehören, z.B. Werbung oder Spam.

Wie setzt der von Ihnen erarbeitete Code of Conduct (CoC) hier an?

Die Nutzer brauchen vor allem Transparenz bei den Ergebnissen. Es muss klar sein, wie Suchergebnisse zu Stande kommen, etwa wie die Suchmaschine gewichtet und ob ein Link werbefinanziert ist oder aber aus der freien Websuche stammt. Auch ist der Aspekt des Rückkanals zur Suchmaschine von großer Bedeutung: Die Nutzer brauchen einfach Ansprechpartner, bspw. eine Hotline, wenn sie Probleme haben.
Des Weiteren müssen Bewertungsmechanismen für die Suchmaschinen selbst geschaffen werden. Wir hatten hier ein Gütesiegel und eine Freiwillige Selbstkontrolle Suchmaschinen (FSS) angeregt.

Erleichtern transparente Bewertungsverfahren bei Suchmaschinen den Spammern nicht die Arbeit?

Im Gegenteil – mehr Transparenz erschwert Spammern die Arbeit. Notorische Spammer verfügen auch heute schon über umfangreiches Wissen über die Funktionsweise von Suchmaschinen. Es gibt eine ganze Branche, die Search-Engine-Optimizer (SEO), die im Versuch-und-Irrtum-Verfahren die Funktionsweise der einzelnen Suchmaschinen bis ins Detail auskundschaften, um dann ihre Kunden gezielt in den Ergebnislisten zu pushen. Nun sind SEOs nicht automatisch Spammer, aber sie liefern den echten Spammern oftmals das notwendige Wissen.

Wenn nun aber jeder normale Nutzer durch mehr Transparenz weiß, wie die Suchalgorithmen funktionieren, so kann er seine eigene Internetseite entsprechend gestalten, dass sie auch gefunden wird. Gleichzeitig können die Suchmaschinen viel restriktiver gegen Spam vorgehen. Die Schaffung von Transparenz muss einhergehen mit klaren Regeln, wo Spam beginnt – und dann können sie die Spammer auch sanktionieren, sprich aus dem Index löschen. Diese zwei Seiten der Medaille stehen explizit im CoC.

Einige Suchmaschinen haben sich dem CoC schon verpflichtet. Mehr Transparenz ist aber nicht erkennbar. Wie beurteilen Sie die Umsetzung und Effizienz der CoC-Regeln?

Die Regeln des CoC bedürfen einer neutralen Kontrollinstanz, sprich einer Institution à la FSS. Bisher fehlt diese Instanz jedoch, weshalb die Ergebnisse noch nicht so sind, wie sie sein könnten. Es fehlen noch die Anreize, beispielsweise ein marktwirksames Gütesiegel, damit sich diese Regeln im hart umkämpften Markt stärker durchsetzen werden. Hier könnte die (deutsche) Medienpolitik einiges tun, wenn sie nur wollte.

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert.