Archive for November, 2005

Wenn das Netz sich schneller dreht…

Tuesday, November 29th, 2005

…als man selbst!

Zum Jahresende wird es gerne etwas stressig: Projekte wollen abgeschlossen und Weihnachtseinkäufe getätigt sein. Nur Weblogs drängen sich wie ein permant unbeschriebenes Blatt in das schlechte Gewissen: Nach dem Posting ist vor dem Posting.

Und auch das Netz steht nicht still (auch wenn es sich eigentlich gar nicht bewegt - nur in sich höchstens). Anbei eine kleine Zusammenschau über die Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen spannend fand…

Politik Online
Politik Digital hat zu einer Diskussion zum Thema “E-Participation in Election Times - a suitable Tool for Voter Relationship Management”. Jan Schmidt war vor Ort und stellt in seinem Blog die Tools vor, die Tom Steinberg von mysociety.org “mitbrachte”: WriteToThem und Pledgebank. Auch heise online war dort:

“Das Internet taugt ganz schlecht zu Wahlkampfzwecken”, zugleich sei es aber “die einzige Hoffnung zur Rettung der Demokratie, die wir haben”. Auf diese widersprüchliche Formel brachte Tom Steinberg, einer der herausragenden Akteure der britischen e-Democracy-Debatte, auf einer Veranstaltung von Politik-Digital in Berlin den Stand der Erkenntnisse in Sachen Politik und Neue Medien. In Wahlkampfzeiten richteten die Parteimanager alle Anstrengungen darauf, die noch unentschlossenen Wähler zu mobilisieren und auf ihre Seite zu ziehen, “da sind die Massenmedien nicht zu schlagen”, meint der Brite. Denn das Web biete keine Möglichkeiten, die Unentschlossenen gezielt zu erreichen, und auch die Möglichkeiten des Blogging als Gegenöffentlichkeit würden maßlos überschätzt. “Meinung ist billig, Fakten sind teuer”, begründet Steinberg, warum die Weblog-Initiativen einzelner nur in Ausnahmefällen einen Einfluss auf die politischen Auseinandersetzungen ausüben könnten.

Weblogs
Selbiger Jan Schmidt wie oben zeichnet auch für die Sonderausgabe des Online-Journals kommunikation@gesellschaft mitverantwortlich. Thema der Ausgabe: “Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung”

Die europäische Google-Gesellschaft
Eurostat, die Erbsenzähler der EU, haben die Internetnutzung in Europa untersucht (PDF). Wie zu Erwarten war, gibt es eine Digitale Kluft, die vor allem durch Faktoren wie Alter, Stellung im Erwerbsleben und Bildungsniveau bedingt ist. Dies sind insgesamt alte Befunde, die z.B. auch der (N)ONLINER Atlas der Initiative D21 herausgreift. Schön dennoch mal die Unterschiede im europäischen Verleich zu sehen:

Die größte bildungsbedingte Kluft gibt es laut Eurostat in Portugal, wo zwar 84 Prozent der Personen mit hohem, aber nur 13 Prozent der Personen mit geringem Bildungstand das Internet nutzten. Lediglich in Schweden (70 Prozent), Dänemark (64 Prozent), Finnland (54 Prozent) und Deutschland (51 Prozent) habe mehr als die Hälfte der Personen mit geringerem Bildungsstand im ersten Quartal 2004 das Internet genutzt, während der Anteil der Personen mit höherer Bildung nur in Litauen (38 Prozent) und in Griechenland (48 Prozent) unter 50 Prozent gelegen habe. (heise)

In diesem Zusammenhang ein kurzer Hinweis auf den Wettbewerb “Wege ins Netz 2005″, den ich mit Kollegen für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (so hieß es da noch) durchgeführt habe. Der Wettbewerb zeichnet Projekte aus, die eben jene Digitale Kluft überwinden soll, die Studien immer wieder beschreiben.

Politik Online II
Keine Teilhabe ohne Bürgerengagement, meldet Politik Online.

“Kommunikationsexpertin Anna Paucher hat sich mit Informations-, Kommunikations- und Partizipationsleistungen der Bundesregierung im Netz befasst und Vorschläge fuer eine Erweiterung der partizipativen Elemente des Portals bundesregierung.de aufgestellt.”

Globales Gehirn?

Thursday, November 24th, 2005

„Können wir das Internet als eine Art globales Gehirn verstehen?“ Dies war eine der Fragen, über die ich vor zwei Tagen ausführlich mit dem Neurobiologen Prof. Dr. Gerhard Roth (Direktor des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen und gleichzeitig Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs) diskutieren konnte.

Das Gespräch unter dem Motto „Soziologie trifft Neurobiologie“ hatte die Zeitschrift GALORE organisiert. Weitere Themen des Gesprächs waren die Folgen der Internetnutzung für Individuum und Gesellschaft, die mögliche Rolle der Kommunikation bei der menschlichen Evaluation und die Veränderungen der Produktion wissenschaftlichen Wissens durch die Netzwerkmedien.

Der Interview-Dialog zwischen dem Neurobiologen und dem sozialwissenschaftlichen Cyberforscher erscheint in einem Sonderheft der Zeitschrift GALORE über „Technikwelten“ – allerdings erst im März nächsten Jahres.

Bis dahin sei über die Ergebnisse des langen Gesprächs nur etwas hinsichtlich der Eingangsfrage verraten: Neurobiologe und Soziologe waren sich einig darüber, dass manche ‚hübsche‘ Analogien das Denken eher in die Irre führen. Ansonsten bitte ich um Geduld bis März…

Google obzön?

Monday, November 21st, 2005

Bei blick online entdeckt, angeblich vom Infam-Blog gefunden (dort aber nicht gefunden):

Gebt doch einmal “Riesenkamel” bei Google ein ;-)

Die Innovationskraft des Internets

Monday, November 21st, 2005

Warum das Internet so erfolgreich ist und was seinen weiteren Siegeszug gefährden könnte, fragte sich Barbara van Schewick in ihrer Dissertation “Architecture and Innovation: The Role of the End-to-End Arguments in the Original Internet”. Die Wissenschaftlerin im Fachgebiet Telekommunikationsnetze an der Technischen Universität Berlin sieht das Internet am Scheideweg stehen (gefunden via golem.de).

Das Internet sei mit Entwicklungen wie E-Mail oder der Internet-Telefonie ein Tummelplatz für Innovationen - noch, so van Schewick. Denn, so die Wissenschaftlerin laut Pressemeldung, der bisherige Garant des Fortschritts, die Offenheit der Übertragungsnetze, drohe ins Wanken zu geraten:

“Die Offenheit der Netze ist daher die Grundvoraussetzung, um weiterhin eine Vielfalt von Innovationen im Internet zu ermöglichen. Das Internet steht nun am Scheideweg. Wettbewerb alleine ist nicht die Lösung. Es geht darum, welche Architektur sich in Zukunft durchsetzen wird”

Betreut wurde die Dissertation von bekannten Wissenschaftlern wie Bernd Lutterbeck und Lawrence Lessig.

Dies erinnert mich an eine Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung im letzten Jahr zum Thema Open Innovation.

Innovation ist mit der modernen, fortschrittsorientierten Gesellschaft unauflösbar verbunden. Die Politik redet von ihr gerade dann immer, wenn es hakt mit dem Fortschreiten. Doch auch Innovationsmodelle fallen nicht vom Himmel und müssen dem Neuen, das nicht zuletzt durch die technische und mediale Entwicklung möglich geworden ist, Raum geben. Die Konferenz Open Innovation! lotete aus, welche Anregungen für eine zeitgemäße Innovationsoffensive aus dem Geist des Internet zu gewinnen sind, der wichtigsten Basisinnovation der vernetzten, digitalen Gesellschaft.

Hierzu sollte eigentlich längst auch ein Reader unter der Federführung von Stefan Krempl erscheinen…

Digitale Ungleichheit? Tagung am Bielefelder Kompetenzzentrum Informelle Bildung

Friday, November 18th, 2005

Alexandra Klein, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin des Beitrags über Online-Beratung für Jugendliche in der Google-Gesellschaft, bereitet sich derzeit gerade auf die Fachtagung „Grenzenlose Cyberwelt? Digitale Ungleichheit und neue Bildungszugänge für Jugendliche“ vor, die vom 9. bis 11. Februar in Bielefeld stattfinden wird.

„Das Internet gilt heute als zentrale Wissens- und Informationsressource. Damit verbunden ist zunehmend die Vorstellung, dass sich jeder über dieses Medium entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse bedienen kann und soll. Doch ganz so einfach stellt sich dieser Anspruch in der Praxis nicht dar. Es zeigt sich, dass der soziale Hintergrund eine entscheidende Rolle bei der Nutzung des Internet spielt“, heißt es in der Tagungseinladung.

In Bielefeld werden zahlreiche Expertinnen und Experten aus Deutschland, den USA, der Schweiz, Großbritannien, Israel, den Niederlanden und Australien nach dem demokratischen Potenzial des virtuellen Raums fragen und über die Bedeutung der Zugangsmöglichkeiten von Jugendlichen zum Internet sowie die innergesellschaftlichen wie die interkulturellen Ungleichheiten bei der Netznutzung diskutieren.

Die Teilnahme an der Tagung ist noch möglich – nähere Informationen dazu gibt’s auf der Tagungsseite des Kompetenzzentrums Informelle Bildung der Universität Bielefeld.

WSIS läuft

Thursday, November 17th, 2005

Der UN-Gipfel zur Informationsgesellschaft in Tunis hat mehr schlecht als recht begonnen. Repressalien vor Ort gegen Pressevertreter und Aktivisten der Zivilgesellschaft sind mehr als nur an der Tagesordnung.

Vor Ort sind zahlreiche deutsche Netzaktivisten - u.a. Markus Beckedahl, der sehr ausführlich bei netzpolitik.org aus Tunesien berichtet. Deswegen schaut dort in die spannenden Berichte und hört in die Podcasts/Interviews rein. Mehr gibt es nicht zu sagen, oder?

Nun doch, Markus hat es schon beklagt, dass neben dem ICANN-Streit kaum noch ein anderes Thema in der Öffentlichkeit und auf dem Kongress stattfindet. Alexander Svensson von Wortfeld hat sich einmal darüber ausgelassen, was es von diesem Thema hält: Netzmythen in den Medien

Die aktuelle Berichterstattung über WSIS und ICANN ist bislang für weite Teile des deutschen Journalismus kein Ruhmesblatt. “Och, da bleibt ja in Sachen ICANN fast alles beim alten”, tönt es überall. Glückwunsch: In Tunis ging es nur um die Frage, ob alles beim alten bleibt, weil der Kompromiss so lautet oder weil kein Kompromiss gefunden wird. Den Entscheidungskampf um die Internet-Weltherrschaft gibt es nur in den Köpfen von Journalisten — auch die EU zählt zu ICANNs Eltern und will an der Organisation festhalten.

Blogs: Ein Geschenk von Mütterchen Russland

Monday, November 14th, 2005

Russland nimmt nicht nur bezüglich einer Blogger-Zahl von ca. 170 000 registrierten Nutzern einen engagierten Platz ein, sondern beansprucht neuerdings für sich auch, Blogs erfunden zu haben: Ein findiger russischer Blogger hat herausgefunden, dass das Phänomen bereits 1837 vom russischen Prinzen Wladimir Odojewskij vorausgesagt wurde.

In einer utopischen Schrift entwarf dieser ein Bild der russischen Gesellschaft im Jahre 4438, in dem die Häuser durch magnetische Telegraphen verbunden sein würden, die es weit voneinander entfernt lebenden Menschen erlauben würden, miteinander zu kommunizieren. Außerdem würde jeder Haushalt eine Art Tagesjournal veröffentlichen und unter ausgewählten Bekannten verbreiten:

Viele Haushalte hier veröffentlichen Journale, die die gewöhnliche Korrespondenz ersetzen. Solche Journale stellen in der Regel Informationen über die gute oder schlechte Gesundheit, Familienneuigkeiten, verschiedene Gedanken und Kommentare, kleine Erfindungen und Einladungen zu Empfängen bereit.

Russische Blogger sehen hierin einen Beweis für den berechtigten Glauben an das russische Genie, der laut Moscow News eine der grundlegenden Eigenheiten der russischen Mentalität sei – zumal der technologische Fortschritt Odojewskijs Vision für das Jahr 4438 einen großen Schritt näher an seine eigene Lebenszeit gerückt hat.

Jonet-Tag (16): Das bleibt vom jonet-Tag

Sunday, November 13th, 2005

Das Wichtigste vorweg: Einen herzlichen Dank an das jonet-Team für die viele Arbeit, um 400 diskussionswütigen Medienmenschen ein Forum zu bieten. Ich bin gut erhalten und inhaltlich angereichert wieder in Berlin angekommen.

Was bleibt mir, der nicht (mehr) als Journalist sein Brot verdient, vom jonet-Tag?

(1) Als aller erstes erst einmal eine nüchterne Sicht auf die deutsche Medienlandschaft: Ich bin überrascht über die Ehrlichkeit, mit der die Situation des deutschen Journalismus diskutiert wurde.

Dieser befindet sich nach meinem Eindruck zwischen zwei Fronten: Auf der einen Seite der dynamische Meinungsmarkt, in dem neben Unternehmen, Verbände, PR-Agenturen und Politik die Journalisten eine schwierigere werdende Aufgabe und ein schlechter werdendes Standing haben. Auf der anderen Seite sind die vielen “Mikromedien”, wie sie auf dem jonet-Tag hießen: Wikis, Blogs, Podcasts - alle machen den klassischen Medien ordentlich Dampf unter’m Arsch. Dabei, auch das ist wichtig, ist die Lage der freien Journalisten um einiges dramatischer als das der meist gut situierten festangestellten Redakteure.

Was sagt uns das für die Google-Gesellschaft? Öffentlichkeiten sind im Umbruch, eben auch weil Mikromedialisten und Politagitatoren viel leichter Meinungen machen können und sich am sozialen Aushandlungsprozess über “Tatsachen” ordentlich einmischen.

(2) Wenn Blogger übers Bloggen bloggen sprechen, wird es nicht automatisch spannend. Ich plädiere an alle Tagungsorganisatoren: Ladet Blogger ein, aber lasst sie nicht unter sich diskutieren. Und: Ladet Menschen ein, die sich für Umwelt, Politik oder Nachbarschaft engagieren und darüber bloggen. Lasst sie berichten, was sich für sie in ihrer Arbeit ändert. Nämlich dann lässt sich auch nachzeichnen, wie die Neuen Medien Gesellschaft verändern.

Alle Blogger-Blogger rufe ich auf, mehr über die eigenen Standards zu diskutieren. Was ist ein ethisches und handwerkliches Mindestgerüst, um die neue Kulturtechnik Bloggen verantwortungsvoll zu betreiben? Wer mag mit mir einen Vorschlag in die Runde werfen?

(3) Live-Blogging ist spannend, verwegen und anstrengend.

Bei technorati mehr zum

Jonet-Tag (15): PR und Journalismus VIII

Saturday, November 12th, 2005

Christoph Fischer wurde gerade etwas lauter und regte sich wortgewaltig über Garbowskis Vorschlag auf, schlechte Medien umtauschen zu können bzw. eine Gewährleistungspflicht für Medien einzuführen.

Von der Muppet Show zu Spitting Image…

Er konnte nur mit Mühe beruhigt werden. Erinnert mich an einen Text über Choleriker, den ich letztens auf einem Poetry Slam hörte.

So weit, ich gebe zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Jonet-Tag (14): PR und Journalismus VII

Saturday, November 12th, 2005

Langsam lehnt sich das Publikum gegen das Podium auf… Vielleicht kommt die zwar durchaus unterhaltsame Alt-Herren-Erzählweise der moralisierende Plauderton doch nicht so gut an ;-)

Stilistisch, weniger inhaltlich, ist das Panel wie eine doppelte Muppet-Show: In der Mitte Frau Hucke, links und rechts zwei alte Herren in bester Laune.

: Alle Statements wurden natürlich nicht mit den Rednern gegengecheckt.