Archive for November 2nd, 2005

Google über alles

Wednesday, November 2nd, 2005

Drüben bei Beobachtungen zur Medienkonvergenz fragt sich Andreas Göldi, ob Google nicht als erstes eine echte Künstliche Intelligenz erschaffen wird.

Da gefällt mir die Theorie, dass eigentlich die Aliens hinter Google stecken, viel besser. Star Treck ist mir im Zweifelsfall einfach näher als Wintermute.

Nachtrag: Im CW Notizblog diskutiert Chefredakteur Witte, ob Google nicht überschätzt werde und eigentlich nur ein one-trick-pony sei: Google ist kein Wunderunternehmen. Spannende Frage.

Für die Jugend?

Wednesday, November 2nd, 2005

Hier noch einmal ein Nachschlag zu den Münchener Medientagen. Dort gab es eine Diskussion der deutschen Jugendschützer und ihrer Fans: Jugendschutz im Internet: Erfolg in kleinen Schritten?

Schon in der Ankündigung werden Netzbegeisterte, Regulierungsgegner und die betroffenen Unternehmen als eigentliche Feinde ausgemacht. Monika Ermert von heise online, die sicherlich zu der einen oder anderen dieser Randgruppen zählt, berichtet ausführlich über die Diskussion.

In ihren Forderungen präsentierten die Jugendschützer allerdings nichts Neues: Mehr Flagge zeigen sollten die Internetanbieter. Und eine verstärkte Diskussion über Sperrverfügungen gegen Access-Provider wurde gefordert.

Die vom Vorsitzenden der Kommission für Jugendschutz, Wolf-Dieter Ring, vorgelegte Bilanz kommt nüchtern daher: Von 177 überprüften Angeboten wurden 85 abgestraft als Verstoß gegen das Gesetz bewertet. Im wesentlichen handele es sich dabei um einfache Pornographie (zu dieser Diskussion sei auf Erik Moellers Meinung verwiesen). Auch von Nazi-Seiten war wohl die Rede.

Eine dringende Verteufelung weitere Regulierung des Internets kann ich hieraus aber nicht ableiten.

“Wer uns sagt, das sei sehr wenig, vergisst, dass wir nicht aus dem Bauch heraus entscheiden können”, so Ring. “Wir müssen nach strengen Prüfgrundsätzen vorgehen.” Jugendschutz im Internet bezeichnete Ring als Sisyphos-Aufgabe, denn das Internet mache an Grenzen nicht Halt. Man arbeite daher auch an internationalen Lösungen. (zitiert nach heise)

Wie aber kann eine Lösung aussehen, ohne gleich mit dem Gesetzteshammer zu winken? Wie an verschiedenen Stellen schon erwähnt (u.a. hier), erleben wir momentan einen Werteumbruch, der sich eben nicht mit alten Werkzeugen beantworten lässt. Die lächerlich geringe Anzahl von untersuchten Websites macht das aussichtslose Unterfangen deutlich. Zu Recht wehren sich die Suchmaschinenanbieter, diesem Problem mit Filtermechanismen zu Leibe zu rücken. Erstens haben sich diese immer wieder als unzureichend erwiesen. Zweitens würden sie der Zensur Tür und Tor öffnen.

Wie wäre es mit engagierten Bildungsprogrammen, die ohne Verteufelungen auskommen, sondern auf kompetente und frei entscheidende Bürgerinnen und Bürger setzen?

Wie steht es eigentlich um die Kooperation der FSM, der dort mitarbeitenden Suchmaschinenanbieter und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) ? Hier wurde im Februar 2005 vereinbart, dass die indizierten Webseiten der BPjM aus den Indexen der deutschen Suchmaschinenbetreiber entfernt werden sollten. Hat schon jemand was vermisst?

Hier noch die offizielle Pressemeldung zur Diskussion.

Blackbox Suchmaschine (VII)

Wednesday, November 2nd, 2005

Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. beschäftigt sich mit der Entwicklung von Suchmaschinen und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen im Netz. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft”.

Wie können Alternativen zu Wissensmonopolen aussehen?
Alternativen müssen möglichst unabhängig und frei, und allein durch ihre Organisation und Struktur prinzipiell kaum monopolisierbar sein. Dazu sehe ich drei Möglichkeiten:

1. Die öffentlich-rechtliche Suchmaschine: Unabhängigkeit könnte einerseits der Staat durch eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine etablieren, genauso wie er das seit langen Jahren in den konventionellen Medien tut – es ist eigentlich nahe liegend, dies für die Neuen Medien zu übernehmen. Wesentlich ist dabei jedoch, dass dann nicht »der Staat selbst« wiederum Monopolist wird – also müsste die Unabhängigkeit einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine durch Gremien und Beiräte abgesichert werden, was etliche Folgeprobleme aufwirft.

2. Peer-to-Peer: Auf der anderen Seite eines Spektrums möglicher Alternativen steht das genaue Gegenteil: ein unstrukturiertes Gebilde aus lose kooperierenden kleinen Suchmaschinen, die sich zu einem großen Datenraum zusammenschließen. Technisch kann so eine Lösung durch eine Peer-to-Peer (P2P)-Software realisiert werden; hierzu gibt es auch bereits einen funktionierenden Ansatz, das YACY-Projekt von Michael Christen.

Der Vorteil einer solchen unstrukturiert verteilten Suchmaschinen-Infrastruktur ist seine inhärente Nicht-Monopolisierbarkeit: Niemand kann ein solches Gebilde in seiner Gesamtheit kontrollieren. Der Nachteil ist, dass diese strukturell in ihren Wegen nicht vorab definierten Datenflüsse nicht unbedingt effektiv, also meist zeitaufwändig sind – der Nutzer muss länger auf das Ergebnis warten. Die von Google gewohnten Antwortzeiten unter einer Sekunde sind illusorisch.

3. Kombinationen aus beiden Ansätzen. Sie stehen zwischen den beiden genannten Enden des Spektrums. Am sinnvollsten erscheint mir, ein Verbund aus Hunderten von kleinen Suchmaschinen (Mini-Suchern) teilt den zu erfassenden Datenraum unter sich auf; diese Absprache kann in der Anfangsphase tatsächlich durch verbale Kommunikation geschehen, sollte später aber automatisiert zwischen den beteiligten Rechnern ablaufen. Betreiber solcher Mini-Sucher können nun einerseits Privatpersonen oder Vereine sein, andererseits aber Organisationen des »öffentlich-rechtlichen Raumes«, wie Bibliotheken und Universitäten.

Letztere bieten Verlässlichkeit staatlicher Institutionen, sind aber in Grenzen durchaus unabhängig. Private Betreiber können ihrerseits auch Peer-to-Peer-Datenquellen einspeisen und so die weitere Unabhängigkeit sichern. Um diesen Verbund für den Nutzer zusammenzuführen, und einen einfachen Einstieg zu ermöglichen, können Meta-Sucher als zentrale Einstiegspunkte dienen. Dreh- und Angelpunkt ist die Organisation und das kooperative Zusammenwirken aller Teilnehmer: Jeder kann mitmachen, muss sich aber in Schnittstellen einpassen und kann bei Missbrauch ausgeschlossen werden.

Was ist das Besondere an dem Projekt Nutch?
Nutch ist eines von mehreren Projekten, die freie Suchmaschinensoftware auf Open-Source-Basis entwickeln – neben »Mngosearch« und »Aspseek«, die für bis zu ein paar Millionen Webseiten geeignet sind. In den USA wurde im Umfeld von www.archive.org »Heritrix« entwickelt, mit bereits deutlich höheren Ambitionen. Allein Nutch aber hat das hohe Ziel, eine Alternative zu Google zu werden und viele Milliarden Webseiten zu erfassen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich halte es für unrealistisch, diesen Weg gradlinig verwirklichen zu können: Allein die zu bewegenden Datenströme verlangen immense Ressourcen. Aber Nutch könnte in einem »Konzert von vielen die erste Geige spielen«.

Wo sehen Sie die digitale Informationskultur im Jahre 2010?
Wenn ich einen pessimistischen Tag habe, dann sehe ich das, was an Informationskultur noch übrig bleibt, in der Hand von ein oder zwei globalen Konzernen, die damit unser Denken und unser Weltbild beliebig formen können. Meist aber sehe ich die Welt optimistisch und als eine kooperative Wissensinfrastruktur, an der jeder teilnehmen kann – als Konsument, Lieferant und Mitgestalter. Aber Optimismus allein genügt nicht, um Visionen zu realisieren. Daher habe ich im Juli 2004 den »Gemeinnützigen Verein zur Förderung der Suchmaschinentechnologie und des freien Wissenszugangs« initiiert, kurz SuMa-eV .

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Ein Interview mit Marcel Machill ist hier zu lesen: IV, V. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.