Blackbox Suchmaschine (VII)
Von Kai Lehmannam 2.11.05 um 16:34
Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. beschäftigt sich mit der Entwicklung von Suchmaschinen und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen im Netz. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft”.
Wie können Alternativen zu Wissensmonopolen aussehen?
Alternativen müssen möglichst unabhängig und frei, und allein durch ihre Organisation und Struktur prinzipiell kaum monopolisierbar sein. Dazu sehe ich drei Möglichkeiten:
1. Die öffentlich-rechtliche Suchmaschine: Unabhängigkeit könnte einerseits der Staat durch eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine etablieren, genauso wie er das seit langen Jahren in den konventionellen Medien tut – es ist eigentlich nahe liegend, dies für die Neuen Medien zu übernehmen. Wesentlich ist dabei jedoch, dass dann nicht »der Staat selbst« wiederum Monopolist wird – also müsste die Unabhängigkeit einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine durch Gremien und Beiräte abgesichert werden, was etliche Folgeprobleme aufwirft.
2. Peer-to-Peer: Auf der anderen Seite eines Spektrums möglicher Alternativen steht das genaue Gegenteil: ein unstrukturiertes Gebilde aus lose kooperierenden kleinen Suchmaschinen, die sich zu einem großen Datenraum zusammenschließen. Technisch kann so eine Lösung durch eine Peer-to-Peer (P2P)-Software realisiert werden; hierzu gibt es auch bereits einen funktionierenden Ansatz, das YACY-Projekt von Michael Christen.
Der Vorteil einer solchen unstrukturiert verteilten Suchmaschinen-Infrastruktur ist seine inhärente Nicht-Monopolisierbarkeit: Niemand kann ein solches Gebilde in seiner Gesamtheit kontrollieren. Der Nachteil ist, dass diese strukturell in ihren Wegen nicht vorab definierten Datenflüsse nicht unbedingt effektiv, also meist zeitaufwändig sind – der Nutzer muss länger auf das Ergebnis warten. Die von Google gewohnten Antwortzeiten unter einer Sekunde sind illusorisch.
3. Kombinationen aus beiden Ansätzen. Sie stehen zwischen den beiden genannten Enden des Spektrums. Am sinnvollsten erscheint mir, ein Verbund aus Hunderten von kleinen Suchmaschinen (Mini-Suchern) teilt den zu erfassenden Datenraum unter sich auf; diese Absprache kann in der Anfangsphase tatsächlich durch verbale Kommunikation geschehen, sollte später aber automatisiert zwischen den beteiligten Rechnern ablaufen. Betreiber solcher Mini-Sucher können nun einerseits Privatpersonen oder Vereine sein, andererseits aber Organisationen des »öffentlich-rechtlichen Raumes«, wie Bibliotheken und Universitäten.
Letztere bieten Verlässlichkeit staatlicher Institutionen, sind aber in Grenzen durchaus unabhängig. Private Betreiber können ihrerseits auch Peer-to-Peer-Datenquellen einspeisen und so die weitere Unabhängigkeit sichern. Um diesen Verbund für den Nutzer zusammenzuführen, und einen einfachen Einstieg zu ermöglichen, können Meta-Sucher als zentrale Einstiegspunkte dienen. Dreh- und Angelpunkt ist die Organisation und das kooperative Zusammenwirken aller Teilnehmer: Jeder kann mitmachen, muss sich aber in Schnittstellen einpassen und kann bei Missbrauch ausgeschlossen werden.
Was ist das Besondere an dem Projekt Nutch?
Nutch ist eines von mehreren Projekten, die freie Suchmaschinensoftware auf Open-Source-Basis entwickeln – neben »Mngosearch« und »Aspseek«, die für bis zu ein paar Millionen Webseiten geeignet sind. In den USA wurde im Umfeld von www.archive.org »Heritrix« entwickelt, mit bereits deutlich höheren Ambitionen. Allein Nutch aber hat das hohe Ziel, eine Alternative zu Google zu werden und viele Milliarden Webseiten zu erfassen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich halte es für unrealistisch, diesen Weg gradlinig verwirklichen zu können: Allein die zu bewegenden Datenströme verlangen immense Ressourcen. Aber Nutch könnte in einem »Konzert von vielen die erste Geige spielen«.
Wo sehen Sie die digitale Informationskultur im Jahre 2010?
Wenn ich einen pessimistischen Tag habe, dann sehe ich das, was an Informationskultur noch übrig bleibt, in der Hand von ein oder zwei globalen Konzernen, die damit unser Denken und unser Weltbild beliebig formen können. Meist aber sehe ich die Welt optimistisch und als eine kooperative Wissensinfrastruktur, an der jeder teilnehmen kann – als Konsument, Lieferant und Mitgestalter. Aber Optimismus allein genügt nicht, um Visionen zu realisieren. Daher habe ich im Juli 2004 den »Gemeinnützigen Verein zur Förderung der Suchmaschinentechnologie und des freien Wissenszugangs« initiiert, kurz SuMa-eV .
Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Ein Interview mit Marcel Machill ist hier zu lesen: IV, V. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.
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1 Kommentar Eigenen Kommentar verfassen.
1. Bloogle » Von China&hellip | 22.04.06 um 9:06
[…] Unter dieser Perspektive macht der ‚Fall China’ nur noch einmal für die allgemeine Öffentlichkeit klar, was in der Szene der Suchmaschinenprofis (vgl. das Interview mit Wolfgang Sander-Beuermann) schon lange bekannt war: Der Zugang zum Wissen wird heute von Unternehmen beherrscht, die nur ein Motiv haben und nur eine einzige Zielsetzung kennen – die Maximierung ihrer Profitrate. Wozu heute eben insbesondere die Positionierung auf den globalen Wachstumsmärkten gehört. Fragen von Demokratie, Menschenrechten und Grundfreiheiten sind für Unternehmen stets nur von strategischer Bedeutung. Man führt sie vor, wenn sie in einem bestimmten Umfeld nützlich sind (wie Googles „Zehn Gebote“ in den westlichen Demokratien), ignoriert sie jedoch, wenn man Geschäfte in Staaten machen will, in denen eine weniger demokratische Staatsräson gilt. Verlogen, mögen die einen sagen – nur konsequent erfolgsorientiert, werden die anderen entgegnen. […]
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