Archive for December, 2005

Interview: »Bloggende Unternehmen sind arme Seelen«

Tuesday, December 20th, 2005

Interview mit Thomas Knüwer, Handelsblatt

Thomas Knüwer ist Redakteur beim Handelsblatt. Mit seinem Weblog »Indiskretion Ehrensache« berichtet er mit bissiger Feder über die spannenden Nebensächlichkeiten seiner Arbeit. Dieses Interview ist eine leicht erweiterte Fassung eines Interviews, das in Einblicke, der Agenturzeitung von wbpr Public Relations, erschienen ist.

E-Mail, WWW und Google haben unsere Sicht auf die Welt verändert. Nun kommen mit Weblogs und Podcast neue Möglichkeiten hinzu. Ist das Internet revolutionär?
Revolution würde umstürzen bedeuten. Das Internet ist eine Evolution, wie so viele technische Neuerungen zuvor. Auch glaube ich nicht, dass Google & Co. unsere Sicht verändert haben (außer mit Satellitenbildern), sondern unsere täglichen Abläufe. Weblogs sind ein Szene-Ding mit dem Potenzial, einer Menge Menschen Spaß zu bringen. Die Medienwelt aus den Angeln heben werden sie aber nicht.

Welchen Beitrag kann das Internet für eine demokratischere Gesellschaft leisten?
Ohne Frage einen großen. Durch seine Anonymität kann das Internet unterdrückten Menschen zum Sprachrohr werden.

Google spielt eine zunehmend stärkere Rolle im Netzalltag der Nutzer. Die ausufernde Produktstrategie des Suchspezialisten aus Mountain View und der hohe Marktanteil unter den Suchmaschinen lassen aber zunehmend kritische Töne aufkommen. Sind die Medien bisher zu google-gläubig mit dem Wunderkind umgegangen?

Nein, es gab und gibt ausreichend kritische Stimmen. Auch das indiskutable Vorgehen beim Börsengang wurde ausreichend beleuchtet. Trotzdem wurde er ein Riesenerfolg: Gier macht manchmal eben taub.

Auch Unternehmen und PR-Agenturen springen auf das Thema Weblogs an. Ist das der Beginn des großen Dialogs?
Bloggende Unternehmen sind in der Regel von Unternehmensberatern fehlgeleitete, arme Seelen. Außer dem Blog von Frosta gibt es kein gelungenes Beispiel in Deutschland für ein Firmen-Weblog. Niemand muss dieses Instrument nutzen, man kann auch ohne prima leben. Wenn es Manager gibt, die mit Herzblut Lust darauf haben – herzlich willkommen! Aber dafür ist ein Maß an Offenheit nötig, dass sich nur schwer mit dem Wirtschaftsalltag vereinbaren lässt.

Nur eine Ausnahme erkenne ich: Weblogs lassen sich exzellent und mit geringem technischen Aufwand für die Krisen-PR nutzen. Sie sind leichter handhabbar als die bisher aufgestellten Black Sites.

Und Ihr eigenes Weblog, welche Erfahrungen machen sie damit?
Für fest angestellte Print-Journalisten wie mich ist Bloggen immer nur ein nettes Nebenbei. Ich verwende nicht mehr als eine Stunde täglich darauf. Vielleicht wird es irgendwann auch in Deutschland möglich sein, wesentliche Teile des Einkommens über Bloggen hereinzuholen – ich bin da aber sehr skeptisch.

Mit dem Wandel durch das Internet verändert sich auch die Kommunikation von Unternehmen. Welche Lektionen müssen diese noch lernen?
Unternehmen haben noch nicht begriffen, dass durch private Veröffentlichungen ihr Image Schaden nehmen kann. Dies betrifft vor allem Konsumgüterfirmen: Wer sich über die Qualität eines neuen oder bisher nicht bekannten Produktes informieren will, sucht bei Google. Wenn er dann auf negative Erfahrungsberichte stößt, hat das Unternehmen ein Problem.

Unternehmen wie Frosta, Sun und BMW nutzen Weblogs zur Kommunikation mit ihren Stakeholdern. Wann sollten Unternehmen auf Weblogs verzichten?
Wenn Sie nicht bereicht sind, sich zu öffnen. Und das ist auch kein Problem: Man MUSS kein Weblog haben.

In Ihrem Weblog »Indiskretion Ehrensache« kommen PR-Agenturen oft nicht gut weg. Mit Ihrer Serie »Die kleine PR-Agentur am Rande der Stadt« haben Sie sogar eine Weblog-Soap geschaffen. Sind Sie manchmal nicht auch ungerecht in Ihren Kommentaren?
Nein. Der Großteil dessen, was ich von PR-Agenturen bekomme ist unprofessioneller Mist. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die meisten sind nachvollziehbar. Nur: PR-Leute haben zwei Kunden – ihren Auftraggeber und mich. Und mich als Kunde interessiert nicht, welche Probleme PR-Agenturen haben, die mir meine Zeit stehlen. Ich werde nicht dafür bezahlt, Verständnis zu haben, sondern meinen Job zu machen. Genauso übrigens muss kein PR-Mensch Verständnis für meine Fehler haben. Wir sind im Business und nicht auf der Walldorf-Schule.

Thomas Knüwers Weblog findet sich unter http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/

Das Borg-Syndrom voraus?

Friday, December 9th, 2005

Vorgestern erschien bei Telepolis ein zwar launiger, aber im Kern vielleicht doch ernst gemeinter Essay: Telekommunikativ Überfordert?
Wolf-Dieter Roth berichtet darin über die neue Furcht vor der Kommunikationssucht, die sich – wie sollte es anders sein – in den USA auszubreiten scheint:

„Die New York Times [extern] verkündet dieser Tage, dass zwischen sechs und zehn Prozent der etwa 189 Millionen Internetnutzer in den USA einer Abhängigkeit von diesen Kommunikationsmedium entwickelt haben, die so zerstörerisch sein kann wie Alkohol oder Drogen.

Die Entzugsymptome ähneln denen anderer Süchte, so die Medizinerin Dr. Cash, die eine Klinik für Internet- und Computersüchtige betreibt: Von Schwitzen über Angstzustände bis zu ausgewachsener Paranoia sei alles vertreten. Ebenso Schlaflosigkeit ([local] Wenn die Nächte nicht enden wollen…), dafür bleierne Müdigkeit am Tag und Antriebslosigkeit bis zur Depression. Nicht ohne Grund wird der PDA [extern] Blackberry ja auch gerne [extern] Crackberry genannt, doch auch mit ganz gewöhnlichen Handys wird regelmäßig heimlich unter Schulbank oder Bürotisch gesimst.

Diejenigen, die einsehen, dass sie ein Problem haben und sich deswegen in Behandlung begeben, haben dabei das Problem, dass Kommunikations- beziehungsweise Internetsucht bislang nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist und deswegen die Krankenversicherungen auch nicht die Kosten für die Behandlung übernehmen, so die New York Times.“

Diese ‚Gefahrenwahrnehmung‘ ist nicht neu. Und sie stammt tatsächlich aus den USA, wo der Psychiater Ivan Goldberg 1994 in einer Mailinglist einen scherzhaft gemeinten Beitrag über eine neue von im „Internet Addiction Disorder“ genannte Krankheit lieferte. Zu seiner eigenen Überraschung nahmen viele Leser und Leserinnen seinen Scherz jedoch überaus ernst: die Internetsucht war geboten. Diese und andere Details finden sich in dem Aufsatz „Internetsucht – eine konstruktionistische Fallstudie“, die Susanne Walter und ich im Jahre 2003 für die Zeitschrift Soziale Probleme verfasst hatten (ist leider immer noch nicht online zugänglich).

Auf den ersten Blick also: nichts Neues. Jenseits der ‚konstruktionistischen Fallstudie‘ darf man natürlich trotzdem fragen: Was ist dran an der These der kommunikativen Überforderung? Kommt zur Möglichkeit permanenter Kommunikation nun der Zwang hinzu, diese auch zu nutzen?

Richtig ist sicherlich, dass wir uns heute selbst in ein immer lückenloseres Kommunikationsnetz einbinden, das uns kontinuierlich mit anderen Menschen, aber auch mit Programmen und Maschinen verlinkt. Aktuell beobachten wir den Siegeszug der mobilen Kommunikatoren. Mit ihnen wird der Informationsaustausch völlig unabhängig von Orten und sozialen Situationen. Zumindest wahrscheinlich ist, dass diese neuen Möglichkeiten auch einen sozialen Zwang zur Kommunikation hervorbringen werden. Wer seine Emails nur unregelmäßig beantwortet, keinen Anrufbeantwortet besitzt oder sein Handy ausgeschaltet lässt, hat bereits heute schnell den Ruf weg, unkommunikativ, möglicherweise sogar unsozial zu sein. Er wird auch immer häufiger von seinem sozialen Umfeld gerügt oder anderweitig abgestraft. Was wir beobachten ist zweifellos die Entstehung einer sozialen Norm, nach der jedes Mitglied der Google-Gesellschaft jederzeit ‚online‘ zu sein hat – erreichbar in jeder Lebenssituation, am Tage und in der Nacht.

Mit dieser Norm korrespondiert allerdings auch der innige Wunsch vieler, gerade aber der jugendlichen Gesellschaftsmitglieder, dieser Norm zu folgen. Diesen Wunsch, jederzeit auch mit weit entfernten Mitmenschen via Handy und SMS, Email und Chat verbunden zu sein, beschreibt Roth in seinem Artikel.

Aber bringt uns dieser Wunsch nach permanentem Austausch gleich einer Kollektiv-Zivilisation näher, wie wir sie bislang nur aus der Science-Fiction kennen? Wird diese so aussehen müssen, wie das Kollektiv der „Borg“, das die Fernsehserie Startrek einst als negativen Gegenhorizont zur menschlichen Individualität zeichnete? Und gilt auch hier: Widerstand ist zwecklos? Fraglich ist, ob ein Wunsch immer gleich zum inneren Zwang erklärt werden sollte und gesellschaftliche Besorgnis auslösen muss. Krankhafter Drang zur medial vermittelten Kommunikation? Ich bin kein Anhänger solcher Pathologisierungen. Und an all die in den letzten Jahren ausgerufen und mit dem Suffix ‚Sucht‘ gebildeten sozialen Probleme mag ich ohnehin nicht so recht glauben. Ich gebe allerdings zu, dass ich (leider) auch nicht zur Berufsgruppe gehöre, die mit immer neuen Alarmmeldungen und Therapievorschlägen ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Aber, liebe Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Psychiater, wenn Ihr denn meint, eine neue psychosoziale Gefahr ausrufen zu müssen, lasst mir wenigstens den Ruhm der Namensgebung: Nieder mit der Kommunikationssucht – es lebe das „Borg-Syndrom“ … nach Schetsche (2005) .
;-)