Archive for January, 2006

Webwatching: Dunkle Tiefen

Monday, January 30th, 2006

Im Dezember letzten Jahres hatte mich Peter Meyenburg, ein junger Hamburger Journalist, ausführlich zur Google-Gesellschaft befragt. Das Interview „Dunkle Tiefen. Michael Schetsche über gebastelte Wirklichkeiten, hysterische Kontrolldiskurse und die Legitimität des Unsinns“ lässt sich ab sofort in Webwatching nachlesen, einem neuen Online-Interviewmagazin zur Zukunft der Netzkultur.

Webwatching ist ein Projekt des Hamburger (Uni-)Instituts für Journalistik und Kommunikation. Studierende dieses Insituts haben das Projekt unter der Ägide von Prof. Bernhard Pörksen aus der Taufe gehoben. Aufgabe des neuen Journals soll die „Trendbeobachtung im Netz über das Netz, anekdotisch und ernst, streitbar und freizügig“ sein (so die Selbstbeschreibung des gut zwanzigköpfigen Teams).

In weiteren Interviews in der ersten Ausgabe des Magazins werden nicht nur der Medienphilosoph Norbert Bolz und der Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer befragt, sondern auch eine ganze Reihe von Autoren der Google-Gesellschaft: Marcel Machill, Eric Möller, Christoph Neuberger und Peter Wippermann. Ich denke: das kommt nicht von ungefähr.

Die Online-Lektüre des edel gestylten Magazins setzt FlashPlayer 8 voraus; der Startpunkt findet sich hier.

Reinschauen!

Wissen offline - und doch online

Thursday, January 19th, 2006

Ein Aufschrei ging (und geht) durch die Netzwelt: Seit der Nacht vom 17. auf den 18. Januar ging Wikipedia Deutschland scheinbar vom Netz ging. Dabei wurde die Weiterleitung von www.wikipedia.de auf de.wikipedia.org abgeschaltet. Das eigentliche Projekt ist auch weiterhin unter de.wikipedia.org zu erreichen. Stattdessen gibt es nun auf wikipedia.de dieses hier zu lesen:

Liebe Freunde Freien Wissens,

durch eine vor dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg am 17. Januar 2006 erwirkte einstweilige Verfügung wurde dem Verein Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. untersagt, von dieser Domain auf die deutschsprachige Ausgabe der freien Enzyklopädie Wikipedia (wikipedia.org) weiterzuleiten.

Wir lassen derzeit durch unsere Rechtsanwälte alle möglichen Schritte prüfen, um Ihnen schnellstmöglich wieder einen unkomplizierten Zugang zur freien Enzyklopädie Wikipedia zu bieten. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir aus rechtlichen Gründen bis auf Weiteres keine weiteren Stellungnahmen in dieser Sache abgeben werden.

Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.
Berlin, 18. Januar 2006

Neben zahlreichen Verschwörungstheorien gibt es auch inhaltlicheres in zahlreichen Online-Medien wie SPON und tagesschau.de sowie in Weblogs über die wahren Hintergründe zu erfahren: Der Grund ist eine Unterlassungsklage, die einen bestimmten Artikel bzw. die dort auftretende vollständige Namensnennung des Hackers Tron verhindern soll. Weitere Hintergründe bei der deutschsprachigen Ausgabe de.wikipedia.org

So weit, so gut: Der Fall wurde und wird ja in der Netzlandschaft ausgiebig kommentiert werden. Was können wir aber aus Sicht der Google-Gesellschaft darüber lernen?

(1) Prinzipien des Netzes bleiben weiter unverstanden
Einmal ins Netz gestellte Inhalte lassen sich kaum durch richterliche Verfügungen aus dem Netz entfernen. Die Verfügung gegen Wikimedia Deutschland hat letztlich das Gegenteil erreicht: Den Namen ihres Sohnes haben die klagenden Eltern weit in die Google-Gesellschaft hinausgetragen. Als zu zitierendes Beispiel wird der Fall “Wikipedia gegen Tron” ähnliche Popularität erlangen wie der Jamba-Fall.

(2) Werte der Industriegesellschaft treffen auf Werte der Google-Gesellschaft
Deutsche Gerichte glauben immer noch, ein internationales soziales und technisches Gefüge mit nationalem Recht begegnen zu können. Es ist sehr geschickt von den Klägern bzw. dessen Anwalt, die Weiterleitung zu unterbinden. Denn Wikimedia Deutschland kann nicht gezwungen werden, den Beitrag zu entfernen oder ggf. den Namen “zu schwärzen”. Diese Daten liegen irgendwo auf irgendwelchen Servern und unterstehen einem Verein, der in den USA ansässig ist.

Für die Weiterleitung und damit die scheinbare “Verbeitung” in Deutschland glaubt das Gericht aber den Verein haftbar machen zu können. Da hat doch jemand das Internet nicht verstanden.

Bei Spiegel Online wird zu Recht angemerkt: Letztlich also könnte der Streit zu einem regelrechten Präzedenzfall für Wikipedia.de werden, der eine nicht unerhebliche Frage klären könnte: Was ist Wikipedia eigentlich - rein rechtlich? Hier wird deutlich, dass alte soziale Kategorien (wie Presse/keine Presse; Unternehmen/kein Unternehmen) nicht mehr reibungslos funktionieren. Die neue Welt ist eben nicht die alte.

(3) Das Netz hat keine Lobby
Auch wenn dieser Fall wahrscheinlich glimpflich für Wikimedia Deutschland und das gesamte Projekt verlaufen wird, kristalisiert sich doch heraus, dass Netzprojekte (auch wegen des fehlenden Verständnisses) zunehmend mit gerichtlichen Mitteln belangt werden. Hier schießen eben jene alten Werte mit Rechtsmitteln auf die unliebsamen Ausprägungen einer netzwerkmedialen Welt.
Nicht immer sind dabei die Rechtslagen so eindeutig und die Projekte so populär. Schon kleine Strafbescheide über 5.000 Euro können dann Projekte an das finanzielle und tatsächliche Ende bringen.

Dies wird die Netzgesellschaft nicht verhindern, aber in ihrer innovativen Kraft sicherlich behindern und verzögern. Nicht ohne Grund versuchen “alte” Industrien wie die Musik- und Filmbranche ihre Ansichten ins Netz zu pflastern.

Macht Netzluft frei?

Wednesday, January 11th, 2006

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit konnte Leibeigene in manchen Regionen die Freiheit erlangen, wenn Sie sich für ein Jahr und einen Tag in einer Stadt vor ihrem Grundherren verbergen konnten. Aus dieser Zeit stammt wohl der bis heute erhalten Ausspruch „Stadtluft macht frei!“ Gilt etwas ähnliches auch für das Netz? Können wir uns aus der (national-)staatlich reglementieren Sozialwelt in die Welt des Netzes flüchten und dort Freiheit zumindest von geistiger Leibeigenschaft finden?

Manche Nutzer, allen voran die selbstdeklarierten Netizens, hoffen dies. Und die nationalstaatlichen Kontrollinstanzen, wie Polizei und Gerichte und deren Normgeber, suchen ganz genau das zu verhindern. „Das Internet kann und darf kein rechtsfreier Raum sein“, lautet die These, die in diesem Zusammenhang von Politikern, Strafverfolgungsbehören und Gerichten regelmäßig zu hören ist. Nicht nur in autoritären Staaten, sondern gerade auch in traditionellen Demokratien. Folge ist regelmäßig der Versuch, die bisherigen nationalstaatlichen Regelungen – etwa im Bereich des Veröffentlichungsrechts und der ‚Äußerungsdelikte‘ – den neuen Medien ohne Rücksicht auf deren strukturelle Besonderheiten überzustülpen. Ob dies technisch-organisatorisch überhaupt funktionieren kann, ist unter Experten wie engagierten Nutzern seit langem umstritten.

Unumstritten ist hingegen zweierlei: Erstens eröffnen die Netzwerkmedien allen Nutzerinnen und Nutzern Kommunikationsmöglichkeiten, wie sie vorher undenkbar waren. Hinsichtlich der Frage nach dem – im deutschen Grundgesetzes etwa hoch geschätzten – Recht auf Meinungsfreiheit ist dabei insbesondere die Aufhebung der Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten medialer Produkte und der darin enthaltenen Informationen von Bedeutung. Heute kann sich jeder und jede mit eigenen Websites, Postings und Onlinekommentaren an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligen. Eine redaktionelle Kontrolle und die damit regelmäßig verbundene politische und ökonomische Zurichtung von Meinungen findet nicht statt. Eine Nebenwirkungen: Viele traditionelle Formen staatlicher Kontrolle laufen ins Leere. Schöne neue Welt, in der jeder sein eigener Nachrichtenkanal und sein eigener Konstrukteur medialer Wirklichkeit ist. In diesem Sinne macht Netzluft wirklich frei.

Zweitens hat aber auch hier die Freiheit ihren Preis: Es verwischen sich die Grenzen zwischen den Sphären öffentlich und privat (die konstitutiv für die Moderne waren), aus der Möglichkeit kann der (psychische) Zwang zur permanenten Kommunikation entstehen und in der Gier nach Beachtung macht mancher sich abhängig von neuen technischen Normen – etwa Googles Relevanz-Algorithmen. Am schwersten aber wiegt, dass wir uns selbst in mehrfachem Sinne zu gläsernen Nutzern machen. Seit Jahren ist bekannt, dass die Geheimdienste einflussreicher Nationalstaaten, namentlich der USA, permanent große Teile des weltweiten Datenaustausches überwachen. So werden im Rahmen des Programms Echelon von der NSA automatisch sämtliche Emails überwacht, die über internationale Knotenpunkte, Satellitenverbindungen und Kontinentalkabel verlaufen. Das Abhören richtet sich dabei sowohl gegen den Einzelnen wie gegen Unternehmen. Das Echelon-Programm hat nicht nur zu Debatten im EU-Parlament geführt, sondern auch zu Befürchtungen bei manchen westeuropäischen Unternehmen, es ginge hier eben auch um staatliche Wirtschaftsspionage in großem Stil geht. Zu politischen Konsequenzen geführt hat dies bislang nicht.

Ebenso schwerwiegend ist, dass die Teilnahme an der Netzwerkkommunikation permanent Nutzungsdaten erzeugt, die vonverschiedener Seite erfasst und weiterverarbeitet werden können. Solche Datenschatten werden bei weitem nicht nur statistisch, sondern inzwischen auch personen- bzw. unternehmensbezogen ausgewertet. Es entstehen Profile von Nutzern und Nutzerinnen, die eine Vielzahl von Daten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen verknüpfen. Inzwischen ist eine ganze Branche entstanden, die solche Daten systematisch sammelt und für beliebige – legitime wie illegitime – Zwecke weitergibt. Manche Unternehmen und viele Behörden verletzen dabei regelmäßig bestehende Datenschutzbestimmungen. Rechtverletzungen, die in Deutschland von den eigentlich zuständigen Kontrollinstanzen und vom politisch-administrativen System weitgehend ignoriert werden – auch deshalb, weil diese primär damit beschäftigt sind, weltweite Inhalte mit deutschen Moralstandards und Rechtsvorschriften abzugleichen bzw. mit selbstproduzierter Terrorfurcht weitere staatliche Kontroll- und Eingriffsrechte zu legitimieren (vgl. meinen Aufsatz zur Internetkriminatlität).

Die neuen Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheiten des Netzes haben also auch deutliche Schattenseiten. Mehr noch, unter dem Ansturm politischer und ökonomischer Begehrlichkeiten drohen die Gewinne an Freiheit in Verluste an Freiheit umzuschlagen – zumindest hinsichtlich der verfassungsmäßig garantierten Rechte auf freie ‚Rede‘ und informationelle Selbstbestimmung. Am irritierendsten dabei aber ist, dass diese Schattenseite der neuen Freiheit bei der großen Mehrheit der Nutzer und Nutzerinnen kaum auf Interesse stößt. Ob diese spezielle Art von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom seine primäre Ursache in der spezifischen Nutzungslogik des Mediums, in allgemeiner Gleichgültigkeit gegenüber Gefährdungen kollektiver Errungenschaften oder vielleicht auch in klammheimlicher Sehnsucht mancher nach einem fürsorglich-kontrollierenden Staatswesen hat, wäre noch zu untersuchen. Ganz unabhängig von dieser wissenschaftlich zu leistenden Ursachenforschung ist mit politischem Impetus zu mahnen: Auch Freiheit kann zum knappen Gut werden.