Archive for February, 2006

Der kleine Unterschied - ist weg

Tuesday, February 14th, 2006

tiananmen, tianamen oder Tiananmen (Platz des Himmlischen Friedens) - das ist war hier die Frage.

Rund um den Start des chinesischen Google-Ablegers gab und gibt es viele Diskussionen zum Buckeln der Mountain Viewer vor dem schnöden Mammon der chinesischen Regierung und ihrer Bereitstellung gefilterter, staatskonformer Ergebnisse. Während unterschiedliche Schreibweisen (groß/klein z.b.) in der letzten Woche noch unterschiedliche Ergebnisse brachten, sind diese nun harmonisiert, wie man im Politikdeutsch sagen würde.

Peter Schlegel hat es in seinem Kommentar zum entsprechenden Beitrag auf Netzpolitk.org vorhergesehen:

Die hier oefters geaeusserte Freude darueber, dass Googles Filter (und die von anderen Anbietern ja auch) noch nicht “zufriedenstellend” funktionieren, ist schon ein bisschen naiv…das wird sich aendern. Deshalb sind solche Filter generell zu aechten.

Rund 400 Treffer sind bei Google.cn’s Bildersuche zum Stichwort tiananmen zu finden. Im US-amerikanischen Angebot von Google sind es rund 22.000 Bilder und Grafiken.

Die Initiative OpenNet, die Filter und Zensur im Netz anpragert, veranschaulicht die Ergebnisse der schizophrenen Google-Philosophie: Unter http://opennet.net/google_china/lassen sich die chinesische und die amerikanische Google-Datenbank vergleichend durchforsten. Hier die Beispiele für den Begriff Tibet. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Dont’t be evil
Google zieht damit mit der Konkurrenz MSN und Yahoo! gleich. Bisher waren Suchergebnisse von us-amerikanischen Google-Servern zwar ebenfalls eingeschränkt, aber deutlich weniger umfangreich. Der Wechsel erfolgt nun wegen der Performance-Probleme. Chinesische Nutzer können nun wesentlich schneller nichts finden.

Google rechtfertigt sein Verhalten damit, dass es besser sei, den chinesischen Nutzern nur Teile von Informationen zur Verfügung zu stellen als gar keine. Welchen Teil diese aber bekommen und welchen nicht, bleibt für die Nutzer im Unklaren. Zudem argumentiert Google immer wieder damit, dass das Unternehmen nationale Gesetzgebung zu befolgen habe.

Wie weit diese Logik gehen kann, blieb auch auf der Buchpräsentation der Google-Gesellschaft offen: Google-Pressesprecher Stefan Keuchel wurde auf dem Podium gefragt, inwieweit das Unternehmen mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hätte. Auch wenn dies damals mit einem Raunen des Publikums beantwortet wurde, legt die Frage doch den Finger in die Wunde: Wie universell sind Menschenrechte?

Googles Argument, lediglich ein Technologieunternehmen zu sein und nicht politisch zu handeln, trägt offensichtlich nicht. Technik ist aber nie unpolitisch - und auch nicht per se gut. Zum Revoltionspotenzial des Internets schrieb das Handelsblatt im September 2005:

Zwar wird das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung im Internet theoretisch realisiert. Jeder kann sich in Blogs und Chaträumen allen anderen Interessierten mitteilen. Doch allein durch sein Vorhandensein, das zeigt sich derzeit in China, löst das World Wide Web keine Demokratisierungsprozesse aus. Es ist ein neutrales Medium, das demokratische Werte und Normen zwar transportieren, aber bei entsprechendem Handeln der Akteure auch in genau die andere Richtung wirken kann.

Um Politik dürfte es Google aber in der Tat nicht gehen, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg. Immerhin hängt Google auf dem so genannten Zukunftsmarkt China deutlich hinter dem lokalen Favoriten Baidu hinter her, wie heise online zu berichten weiß.

Dagegen mag die Debatte um die Herausgabe aggregierte Daten an die US-Regierung wie ein PR-Gag wirken. Denn hierbei sind weit aus weniger sensible Daten angefragt worden, als sie in der Regel von allen Suchmaschinenbetreibern und Internet-Service-Providern bei Ermittlungsfällen längst tagtäglich an die Behörden weitergegeben werden. Der Kern ist ein anderer: Sowohl bei Google China und den Daten in den USA geht es um das Geschäft. Googles Kapital sind die nämlich eben diese aggregierten Daten über das Nutzungsverhalten von Milliarden Menschen weltweit. Dass sie diese nicht rausrücken wollen, hängt sicherlich nicht mit dem schrägen Datenschutzverständnis der Mountain Viewer zusammen.

Technik beschränkt, Technik beflügelt
Peter Schlegel ergänzt zu Googles Filterungen bei netzpolitik.org:

Der einzig gangbare Weg scheint sich in den USA anzubahnen, naemlich den Suchmaschinenbetreibern den Einsatz von Filtertechniken / Zensur zu verbieten. Dieses Verbot ist auch auf Tochtergesellschaften im Ausland auszudehnen. Vergleichbare Gesetze existieren z.B. beim Handel mit Kriegsmaterial, der nicht einfach ueber Tochtergesellschaften in im Ausland abgewickelt werden kann, wenn es dem Mutterhaus nicht erlaubt ist, direkt zu liefern.

Durch ein solches Verbot waeren auch Google und Yahoo fein raus und koennten sich nicht mehr durch repressive Regimes erpressen lassen.

Dass China einfach auf den Gebrauch von Suchmaschinen “verzichten” wuerde, ist kaum anzunehmen. Auch die chin. Wirtschaft und Forschung ist auf diese mehr und mehr angewiesen, sonst waeren sie schnell mal weg vom Fenster. Natuerlich versuchen solche Regimes, eigene Suchmaschinen zu entwickeln, deren Effizienz wird aber noch lange hinter Google hinterherhinken.

Im uebrigen lassen sich Filter einfach umgehen, auch in D-Land: Anleitung Zensur und Ueberwachung umgehen

Welche Lücken und Nischen de chinesischen Bürgerinnen und Bürger in der Zukunft finden, wird sich zeigen. Ideale Voraussetzungen für eine demokratische Bewegung sind das jedenfalls nicht.

Quaero ergo sum: Ich suche, also bin ich

Monday, February 13th, 2006

„[Quaero] wird die erste echte Multimedia-Suchmaschine sein, die die globale Kampfansage der amerikanischen Giganten Google und Yahoo annehmen wird. Aus diesem Grund rufen wir die europäische Suchmaschine Quaero ins Leben. Heute wird die Karte des Wissens und der Kultur neu gezeichnet. Morgen wird all das, was nicht online verfügbar ist, Gefahr laufen, für die Welt unsichtbar zu werden“.

Mit starkem politischem Gewicht schlug das europäische Suchmaschinenprojekt Quaero (lat., ich suche) im Neuen Jahr auf: Kein geringerer als Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac schrieb sich das Projekt in seiner Neujahrsansprache auf die Fahnen. Quaero ist als Multimedia-Suchmaschine konzipiert und soll ein Gegengewicht zur Dominanz von Google, Yahoo! und MSN bilden.

Quaero wurde zwischen Frankreich und Deutschland initiiert und scheinbar auf deutscher Seite von Siemens und Bertelsmann (über die Tochterfirma Empolis) getragen. Auf französischer Seite sind u. a. Thomson und France Telekom mit an Bord. Die Deutsche Telekom beobachtet lediglich als Juniorpartner das Projekt. Ein umfangreicher Hintergrundartikel findet sich bei Euractiv.

Die politische Dimension einer Suchmaschine
Spannender ist die Frage, was wir für die Google- Quaero-Gesellschaft rausziehen können.

Eines lässt sich festhalten: Die Bedeutung von Suchmaschinen ist endlich auch von europäischen Regierungen akzeptiert.

„Politisch verbirgt sich dahinter wahrscheinlich ein unangenehmes Gefühl, dass der Zugang zu Wissen und die gefilterten Informationen, auf die man über Suchmaschinen Zugriff bekommt, von außerhalb [kommen]. […] Hinzu kommt der Wunsch, Suchtätigkeiten zu bereichern und dies betrifft vor allem multimediale und mehrsprachige Informationen“, sagt Alex Waibel, Direktor des Zentrums InterACT der Universität Karlsruhe laut Euractiv.

Die technologisches Kluft
Auch wenn es zu keinem “Sieg” von Quaero über Google kommen wird, legt das Projekt den Finger in die Wunde:

Technologisch steht Europa bei der Suchtechnologie hintenan: Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. betont, dass es in Europa kein Unternehmen gäbe, dass in der Lage wäre, die Server-Cluster mit mehreren 10.000 Rechnern zu betreiben.

Drei US-Firmen beherrschen momentan 90 Prozent des weltweiten Suchmarktes: Google, Yahoo! und MSN. Dabei sind World Wide Web, Linux und MP3 europäische Erfindungen und zeigen, dass auch innovative Produkte vom alten Kontinent stammen können.

Sander-Beuermann spricht in einem Interview mit der Netzeitung davon, dass Europa das Thema Suchmaschinen völlig verschlafen habe. Quaero, so der Metager-Entwickler und Suchmaschinenexperte, sei die einzige und letzte Chance für Europa, dem Monopol etwas entgegenzusetzen.

“Es ist vier nach zwölf. Wenn wir jetzt nicht anfangen, können wir die USA nicht mehr einholen, und Fernost ebenso wenig. Es ist die letzte Chance, alle vorhandenen Kräfte auf diesem Gebiet zu bündeln.”

Wohin solls gehen?
In Asien gibt es mit den Anstrengungen der japanischen Regierung und Chinas Suchmaschine Baidu eigene Projekte, um Such-Know-how aufzubauen. Damit Quaero ein paar brauchbare Ergebnisse zu Tage fördert, darf es nun nicht in den Mühlen der EU-Bürokratie untergehen, sondern muss schnell und flexibel auf den Markt reagieren können. Wenn dann am Ende kein Sieg über Google dabei herauskommt, aber wenigstens europäisches Know-how, spezialiserte Lösungen und junge Start-Up-Unternehmen, ist viel gewonnen. Im Sinne einer Open Innovation sollte Quaero deshalb sein Wissen teilen und viele Ideen und tatkräftige Menschen befruchten.

Googles Offerte
Google lässt sich von der potenziellen Konkurrenz natürlich nicht aus der Reserve locken. Es belächelt lieber das europäische Projekt, in dem sie es als Nischenangebot deklarieren - wie in einem dpa-Interview geschehen: “Wir möchten gerne mit Spezialanbietern kooperieren, damit die Google-Anwender den bestmöglichen Zugriff auf die Informationen und Inhalte bekommen”, sagte CEO Eric Schmidt (gefunden bei heise online).

Professur mit Fun

Monday, February 13th, 2006

Digitale, soziale Mikrowelten entstehen nicht erst mit dem Internet. Computerspiele sind seit jeher kultureller Ausdruck und Spiegelbild der Zeit - und eben nicht nur der technischen Möglichkeiten. An der Universität Ilmenau wird jetzt eine Professur für Computerspiele eingerichtet. Erforscht werden soll die Konzeption, Nutzung, Vermarktung und Wirkung von digitalen Spielen. Dabei sollen sozial-, technik- und wirtschaftswissenschaftliche Kompetenzen interdisziplinär verzahnt werden, um der Komplexität digitaler Spiele Rechnung zu tragen, weiß heise online zu berichten.

Münchener Kreis: Vorträge online

Thursday, February 9th, 2006

Der Münchener Kreis lud am 1. Februar zu einer Konferenz zum Thema “Suchen und Finden im Internet”. Mit von der Partie waren u.a. Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. und Prof. Dr. Hendrik Speck von der Fachhochschule Kaiserslautern - beides Buchautoren der Google-Gesellschaft.

Erfreulicherweise sind alle Vorträge als Videoclips mit Folienpräsentation dokumentiert. Vorbildlich! Also, wer nicht dabei sein konnte: Anschauen.

Das Netz ist unabhängig

Thursday, February 9th, 2006

Vor 10 Jahren erklärte Perry Barlow das Internet für unabhängig. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verlas der Netzpionier seine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, die dort nur wenig Gehör fand, wie Detlev Borches auf heise online zu berichten weiß.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Und er benannte auch die Konfliktlinien, die sich mit der Kommerzialisierung und Regulierung des Internets ergaben:

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Auf zwei weitere grundlegende Erklärungen zum Cyberspace weist Borchers noch hin: Die Magna Charta des Informationszeitalters und die 95 Thesen des Cluetrain Manifests. Ich möchte einen weiteren Text hinzufügen, der hinterfragt, wie und wann wir das Netz verstehen können: Die Vision der Creative Network Factory, die eine Reihe Bremer Cybersoziologen, u.a. Michael Schetsche und ich, vor einigen Jahren schrieben.

Innerhalb weniger Jahre haben die Netzwerkmedien die wissensverarbeitenden und kommunikativen Prozesse in unserer Gesellschaft signifikant verändert. Der Einfluß dieser netzwerkbasierten Technologien auf das zukünftige Zusammenleben der Menschen läßt sich heute in seinen ganzen Konsequenzen noch nicht abschätzen. Sicher ist jedoch, daß die Netzwerkmedien - gemeinsam mit anderen Anwendungsweisen des Computers - eine ökonomisch-soziale Revolution ausgelöst haben, die in ihren Auswirkungen der industriellen Revolution in nichts nachstehen wird. Die neuen Medien werden nicht nur Informations-, Kommunikations- und Wissensvorgänge verändern, sondern auch vielfältige ökonomische und soziale Prozesse neu ordnen. Gleichzeitig lassen sie neue Arten von Lebensräumen und Sinnwelten entstehen, die den Menschen bislang unbekannte Formen des kollektiven wie individuellen Handelns ermöglichen. Das sich entfaltende Kommunikationspotential der Netzwerkmedien sowie die Einverleibung der traditionellen Individual- und Massenmedien erzeugen einen neuartigen globalen Kommunikations- und Interaktionsraum mit originären sozialen Regelungsmechanismen, den Cyberspace.

Ein Recht auf Existenz? Der Fall BMW

Monday, February 6th, 2006

Ein wenig Schadenfreude schwingt hier und dort schon mit, wenn die Blogosphäre über BMWs Rauswurf aus dem Google-Index berichtet. Die “Manipulaton” der eigenen Website, um Google besser zugefallen, wird dabei immer wieder als Old-Economy vs. New Economy gedeutet. Dabei dürfte Google durchaus als Gegner auf Augenhöhe gelten und sollte langsam in den Kommentaren sein Garagen-Image verlieren.

Spannend bei diesem Beispiel ist die Frage: Besitzen Unternehmen, Personen oder Themen ein digitales Existenzrecht? Denn wer bei Google nicht erscheint, existiert nicht. Das hat auch schon der französische Staatspräsident Jaques Chirac begriffen:

Heute entsteht eine neue Geographie des Wissens und der Kulturen. Was morgen nicht online verfügbar ist, läuft Gefahr, unsichtbar zu werden”, so Chirac in seiner Neujahransprache.

Gibt es ein einklagbares Recht, bei Monopolführer Google gelistet werden zu müssen?

Natürlich glaubt niemand daran, dass dieses “Aussperren” von langer Dauer sein wird. Doch was ist mit den vielen kleinen Unternehmen, die sich keine teure Optimierung leisten können? Was mit denen, die auf Platz 100 landen? Machen die schlechtere Arbeit?

Die PR-Inszenierung von Google zeigt dagegen, wie relevant es heutzutage ist, bei Google gelistet zu sein. Warum hat Google eigentlich nicht einfach die BMW-Site auf Platz 1.000 gesetzt. Das wäre der gleiche Effekt, aber weniger Spektakel. In Sachen Guerillia-Marketing hat Google damit wieder mal gepunktet.