Der kleine Unterschied - ist weg

tiananmen, tianamen oder Tiananmen (Platz des Himmlischen Friedens) - das ist war hier die Frage.

Rund um den Start des chinesischen Google-Ablegers gab und gibt es viele Diskussionen zum Buckeln der Mountain Viewer vor dem schnöden Mammon der chinesischen Regierung und ihrer Bereitstellung gefilterter, staatskonformer Ergebnisse. Während unterschiedliche Schreibweisen (groß/klein z.b.) in der letzten Woche noch unterschiedliche Ergebnisse brachten, sind diese nun harmonisiert, wie man im Politikdeutsch sagen würde.

Peter Schlegel hat es in seinem Kommentar zum entsprechenden Beitrag auf Netzpolitk.org vorhergesehen:

Die hier oefters geaeusserte Freude darueber, dass Googles Filter (und die von anderen Anbietern ja auch) noch nicht “zufriedenstellend” funktionieren, ist schon ein bisschen naiv…das wird sich aendern. Deshalb sind solche Filter generell zu aechten.

Rund 400 Treffer sind bei Google.cn’s Bildersuche zum Stichwort tiananmen zu finden. Im US-amerikanischen Angebot von Google sind es rund 22.000 Bilder und Grafiken.

Die Initiative OpenNet, die Filter und Zensur im Netz anpragert, veranschaulicht die Ergebnisse der schizophrenen Google-Philosophie: Unter http://opennet.net/google_china/lassen sich die chinesische und die amerikanische Google-Datenbank vergleichend durchforsten. Hier die Beispiele für den Begriff Tibet. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Dont’t be evil
Google zieht damit mit der Konkurrenz MSN und Yahoo! gleich. Bisher waren Suchergebnisse von us-amerikanischen Google-Servern zwar ebenfalls eingeschränkt, aber deutlich weniger umfangreich. Der Wechsel erfolgt nun wegen der Performance-Probleme. Chinesische Nutzer können nun wesentlich schneller nichts finden.

Google rechtfertigt sein Verhalten damit, dass es besser sei, den chinesischen Nutzern nur Teile von Informationen zur Verfügung zu stellen als gar keine. Welchen Teil diese aber bekommen und welchen nicht, bleibt für die Nutzer im Unklaren. Zudem argumentiert Google immer wieder damit, dass das Unternehmen nationale Gesetzgebung zu befolgen habe.

Wie weit diese Logik gehen kann, blieb auch auf der Buchpräsentation der Google-Gesellschaft offen: Google-Pressesprecher Stefan Keuchel wurde auf dem Podium gefragt, inwieweit das Unternehmen mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hätte. Auch wenn dies damals mit einem Raunen des Publikums beantwortet wurde, legt die Frage doch den Finger in die Wunde: Wie universell sind Menschenrechte?

Googles Argument, lediglich ein Technologieunternehmen zu sein und nicht politisch zu handeln, trägt offensichtlich nicht. Technik ist aber nie unpolitisch - und auch nicht per se gut. Zum Revoltionspotenzial des Internets schrieb das Handelsblatt im September 2005:

Zwar wird das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung im Internet theoretisch realisiert. Jeder kann sich in Blogs und Chaträumen allen anderen Interessierten mitteilen. Doch allein durch sein Vorhandensein, das zeigt sich derzeit in China, löst das World Wide Web keine Demokratisierungsprozesse aus. Es ist ein neutrales Medium, das demokratische Werte und Normen zwar transportieren, aber bei entsprechendem Handeln der Akteure auch in genau die andere Richtung wirken kann.

Um Politik dürfte es Google aber in der Tat nicht gehen, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg. Immerhin hängt Google auf dem so genannten Zukunftsmarkt China deutlich hinter dem lokalen Favoriten Baidu hinter her, wie heise online zu berichten weiß.

Dagegen mag die Debatte um die Herausgabe aggregierte Daten an die US-Regierung wie ein PR-Gag wirken. Denn hierbei sind weit aus weniger sensible Daten angefragt worden, als sie in der Regel von allen Suchmaschinenbetreibern und Internet-Service-Providern bei Ermittlungsfällen längst tagtäglich an die Behörden weitergegeben werden. Der Kern ist ein anderer: Sowohl bei Google China und den Daten in den USA geht es um das Geschäft. Googles Kapital sind die nämlich eben diese aggregierten Daten über das Nutzungsverhalten von Milliarden Menschen weltweit. Dass sie diese nicht rausrücken wollen, hängt sicherlich nicht mit dem schrägen Datenschutzverständnis der Mountain Viewer zusammen.

Technik beschränkt, Technik beflügelt
Peter Schlegel ergänzt zu Googles Filterungen bei netzpolitik.org:

Der einzig gangbare Weg scheint sich in den USA anzubahnen, naemlich den Suchmaschinenbetreibern den Einsatz von Filtertechniken / Zensur zu verbieten. Dieses Verbot ist auch auf Tochtergesellschaften im Ausland auszudehnen. Vergleichbare Gesetze existieren z.B. beim Handel mit Kriegsmaterial, der nicht einfach ueber Tochtergesellschaften in im Ausland abgewickelt werden kann, wenn es dem Mutterhaus nicht erlaubt ist, direkt zu liefern.

Durch ein solches Verbot waeren auch Google und Yahoo fein raus und koennten sich nicht mehr durch repressive Regimes erpressen lassen.

Dass China einfach auf den Gebrauch von Suchmaschinen “verzichten” wuerde, ist kaum anzunehmen. Auch die chin. Wirtschaft und Forschung ist auf diese mehr und mehr angewiesen, sonst waeren sie schnell mal weg vom Fenster. Natuerlich versuchen solche Regimes, eigene Suchmaschinen zu entwickeln, deren Effizienz wird aber noch lange hinter Google hinterherhinken.

Im uebrigen lassen sich Filter einfach umgehen, auch in D-Land: Anleitung Zensur und Ueberwachung umgehen

Welche Lücken und Nischen de chinesischen Bürgerinnen und Bürger in der Zukunft finden, wird sich zeigen. Ideale Voraussetzungen für eine demokratische Bewegung sind das jedenfalls nicht.

2 Responses to “Der kleine Unterschied - ist weg”

  1. Peter Schlegel Says:

    Realsatyre pur - ich bin soeben bei einer Googlesuche auf diesen Blogeintrag gestossen. Offenbar werde ich noch nicht herausgefiltert …

    Was mir gegenwaertig noch mehr Sorgen macht als alle Suchmaschinenfilter sind die Filter, mittels derer die “Boesen” von den “Guten” getrennt werden sollen:

    Die verdachtsunabhaengige Vorratsdatenspeicherung steht vor der Tuere! Allerdings laeuft dagegen eine Online-Bundestags_petition.

    Ich bitte alle deutschen Staatsbuerge, sie zu unterzeichen.

    Infos bei Heise:

    Proteste gegen Bundestagsbeschluss zur Vorratsdatenspeicherung

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/69780

    Direkter Link zur Petition ( Die Seite wird an der Uni Edingbourgh gehostet, ist OK)

    http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/view_petition.asp?PetitionID=60

    Vor acht Tagen noch 200 Unterzeichner, jetzt sind es bereits 7830.

    Weitersagen bitte.

    Vielen Dank, Peter Schlegel / opensky.cc

  2. . segert.net weblog . Says:

    Google Capitalism

    Zu den Befindlichkeiten im Land der Wutlosen gehört, die Google-Kooperation mit dem chinesischen Staat als ein “Besser als nichts” zu verteidigen. Es spielt keine Rolle, ob die chinesischen Machthaber brutal und korrupt sind. Es ist unerh…

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.