Googles Herausforderung

Googles HerausforderungRund ein Jahr, nachdem das französische Original erschienen ist, kam dieser Tage mit “Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek” die deutsche Übersetzung Jean-Noel Jeanneneys Streitschrift heraus. Mit einer Buchpräsentation in der französischen Botschaft in Berlin stellte der Präsident der französischen Nationalbibliothek seine Sicht vom Kampf der Digitalisierung von Büchern dar. Eine kurze Zusammenfassung der Buchvorstellung findet sich bei Face2Net.
Bei Googles Herausforderung geht es um die zentrale Frage, wie wir zukünftig unser kulturelles Gedächtnis definieren; wie wir es aufbereiten, speichern und zugänglich machen wollen. Mit Googles Ankündigung, 15 Millionen Bücher einschannen zu wollen, bekam die erlahmte Diskussion um die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen in Europa neue Fahrt. Mit Google Book Search gibt es ein konkretes Angebot, Bücher digital zu durchsuchen.

Das zugrundeliegende Thema ist hochspannend: Wenn Bücher unser zentrales kulturelles Gedächtnis darstellen, ist die Frage erlaubt, wie deren Digitalisierung nicht nur unsere Zugriff darauf verändert, sondern auch, wie sich dadurch die inhaltlichen, kulturellen Synapsen neu verbinden. Jean-Noel Jeanneney fragt deshalb zu Recht: Welche Bücher sollen zukünftig vom alten Medien Buch in das neue kulturelle Gedächtnis übertragen werden?

Insgesamt hinterlässt das Buch aber einen zweispältigen Eindruck: Allzu essayistisch schwadroniert Jeanneney über die kulturellen Werte, befasst sich dabei wenig mit den spannenden Details und zaubert so manches abgedroschenes Klischee hervor. Schade eigentlich, denn das Thema hat bessere Argumente verdient.
Jörg Plath schreibt in der taz vom 16. März:

In kultureller Hinsicht warnt Jeanneney vor zusammenhanglosen Wissensbrocken, vor der Bevorzugung und der Dominanz des Englischen, vor der Konzentration auf die Massenkultur sowie der Vernachlässigung des Neuen, Unbekannten und Minoritären.

Er befürchtet gar ein Erstarken der Privatwirtschaft gegenüber dem öffentlichen Sektor. Ungeklärt sei angesichts des rapiden Veraltens von Computerprogrammen die Haltbarkeit der Daten und was mit ihnen geschehe, falls Google Bankrott gehe. Wichtige und streitbare Einwände stehen in diesem unübersichtlich argumentierenden Pamphlet neben den zumindest hierzulande skurril wirkenden: Jeanneney zitiert den seligen Charles de Gaulle mit der Warnung, wer sich dem Markt unterwerfe, werde von den Amerikanern kolonisiert.

Ein Mann, der sich um “die künftigen globalen Machtverhältnisse” sorgt, sorgt sich nicht um so kleinliche Fragen wie Kosten, Urheberrechte oder die einzusetzende Digitalisierungstechnik. Über diese Quantités negligeables schreibt Jeanneney einige bürokratische Seiten, die zusammenzufassen nur alten Hasen der Parlamentsberichterstattung gelingen dürfte. Glücklicherweise gibt es ein informatives Nachwort von Klaus-Dieter Lehmann.

Durch Googles Anstoss gibt es nun eine Reihe von Diskussionen und Initiativen rund um die Frage der Digitalisierung von Bibliotheksbeständen. Die zahlreichen verstreuten Projekte in den EU-Regionen beginnen sich anscheinend besser zu vernetzen. Auf EU-Ebene wird das Thema zentral im Rahmen der Inititiave i2010 (Infos bei euractiv) diskutiert. Mit am Tisch: Google selbstverständlich. ;-)

Eine Übersicht zum Buch findet sich bei perlentaucher.de.

Jean-Noël Jeanneney: “Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek”. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger und Sonja Fink. Wagenbach Verlag, Berlin 2006, 116 Seiten, 9,90 €

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