Lebendige Links I: Cyber-Archäologie

Von Christian Schliekeram 30.04.06 um 23:04

Durch das Web2.0 sind eine Reihe von neuen Website-Arten entstanden, die uns helfen sollen mit der vielbeschworenen, durch altbewährte Selektionsmechanismen jedoch immer wieder ausgeblendeten, Informationsflut fertig zu werden. In einem Netz, in dem Nutzer den Content von Blogs und Wikis selber erstellen können, verknüpfen Tags thematisch verwandte Menschen, Bilder und Melodien. Auch die alte Bookmarkliste hat ausgedient, über Social Bookmark-Dienste wie digg oder den, in meiner jetzigen Agentur entwickelten, Mister-Wong wird das Sammeln von Links zu einem kollektiven Prozess.
Der Hintergedanke dabei ist älter als das Web selber: Wie lässt sich der Zugriff auf Wissen effektiv und intelligent organisieren, damit Nutzer genau die Informationen finden, die sie benötigen?

Ein erster Gehversuch auf dem Gebiet kollektiv organisierter Linksammlungen war das 2000 gestartete CNF-Projekt Soziosphäre. Auf den ersten Blick handelte es sich um eine Ressourcepage, die Links zu diversen cybersoziologischen Gebieten sammeln sollte. Statt jedoch nur eine redaktionell festgelegte Sammlung von Links zu sein, sollten die Nutzer Einfluss auf die gesammelten Links haben. Diese Besonderheit wurde durch das Konzept der Living Links realisiert: Die monatlich Anzahl von Klicks auf einen Link wurde registriert und als Maß des Nutzerinteresses gewertet. Living Links, die nur geringe Aufmerksamkeit bekamen, “starben” und wanderten auf eine Sonderseite, den Friedhof, um dort eine Zombie-Existenz zu führen. An ihre Stelle traten neue Links, die von Nutzern oder den Administratoren (DISC-Jokeys genannt) vorgeschlagen wurden.

Theoretische Grundüberlegung war eine Kombination der Ende der 90er beliebten Theorie der Aufmerksamkeitsökonomie und der Mem-Theorie: Letztere überträgt den evolutionären Gedanken der DNA-Auslese auf den gesellschaftlichen Wissensvorrat. Wissen, das über bestimmte Erfolgsfaktoren wie Nützlichkeit, Koheränz (Übereinstimmung) mit bestehendem Wissen, etc. verfügt und an die Sprache des Medienraumes angepasst ist verbreitet sich erfolgreicher, als Wissen dem diese Eigenschaften fehlen.
Die Aufmerksamkeitsökonomie postuliert in einer Welt des Medienüberflusses die Zunahme der Bedeutung von Aufmerksamkeit. Nicht länger ist Information ein knappes Gut, sondern die Bereitschaft der Nutzer diese aufzunehmen, wird zum Schlachtfeld von Websites, Bloggern und Werbern. Auch wenn die theoretischen Fundamente beider Theorien immer wieder in die Kritik geraten sind, liefern sie dennoch gute Erklärungsansätze für die Funktionsweisen des Netzes.

Thematisch fokussiert lieferte die Dynamischen Informationsportale für sozialwissenschaftliche Cybertheorie (DISC) eine bunte Sammlung von cybertheorischen Ressourcen, jedoch blieb der erhoffte Effekt einer sich selbsttragenden Community aus. Auch wenn einige Portale heute noch weitergepflegt werden, wurde das Gesamtprojekt aufgrund fehlender Beteiligung Anfang 2004 eingestellt. Gründe für das Scheitern waren:

  • Zu enger thematischer Fokus. Hand aufs Herz, wie groß ist schon die Zielgruppe für cybertheoretische Betrachtungen? Auch ein halbes Jahrzehnt nach Projektstart führt die sozialwissenschaftliche Erforschung der Netzwerkmedien, abgesehen von einigen Ausnahmen, immer noch eine Randexistenz.
  • Ein zu komplizierter Mechanismus der Linkaufnahme, dem vielleicht auch ein Misstrauen gegenüber den Nutzern zu Grunde lag und der daher diametral dem Offenheits-Prinzip des Netzes gegenüber stand.
  • Intransparentes Interface. Wie moderne Webanwendungen zeigen, hängt die Beteiligungsbereitschaft und das Vertrauen der Nutzer in eine Webandwendung, davon ab, dass eine Anwendung sichtbar und schnell Ergebnisse produziert. Wie diese zu Stande kommen ist hingegen nicht weiter wichtig, siehe Google.

Im nächsten Teil dieser Artikel-Serie werden die aktuellen Entwicklungen im Bereich kollektiv organisierter Links untersucht und wie Social Bookmarks unseren Zugriff auf Wissen verändern.

Eingeordnet unter: (Cyber-)Soziologie, Wissenschaft |

1 Kommentar Eigenen Kommentar verfassen.

  • 1. Michael Schetsche  |  2.05.06 um 7:35

    Dank an Christian für diese Hinweis auf ein Projekt, das seiner Zeit konzeptionell offenbar um einige Jahre voraus war. Um so schöner ist es, wenn die Ideen, die wir damals - fast im Geheimen - hatten, heute eine breite Durchsetzung erfahren. Wirklich ein Beitrag zu einer noch zu schreibenden ‘Archäologie’ des Cyberspace. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt.
    M. Sch.

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