Zum Tod von Stanislaw Lem

Von Christian Vaehlingam 4.04.06 um 16:54

Am 27. 3. starb mit Stanislaw Lem einer der großen Denker des Virtuellen. Lem, am Bekanntesten für ambitionierte Science Fiction, etwa die skurille Kurzgeschichtensammlung “Sterntagebücher” (1957, dt. 1961) und den zweifach verfilmten “Solaris” (1961/1972), war einer der brillantesten Analysten des technischen Fortschritts - und des gesellschaftlichen Fortschritts, der normalerweise nicht hinterherkommt.

Als Science-Fiction-Autor wollte Lem nie gelten, obwohl ein großer Teil seiner Romane - und der allergrößte Teil seiner Erfolge - in diesem Gebiet angesiedelt war. Fiktion war ihm vor allem ein Vehikel, um der Zensur im sozialistischen Polen zu entkommen. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus gab es keine Notwendigkeit mehr, der Zensur durch Fiktionalisierung zu entgehen, und Lem konzentrierte sich ganz auf wissenschaftliche Themen. In seinen Geschichten erscheint inzwischen vieles angestaubt oder schlicht überholt - so wird die informationelle Katastrophe in “Memoiren, gefunden in einer Badewanne” (1961/1974) durch
die Vernichtung beinahe allen Papiers ausgelöst.

Aus heutiger Sicht wäre das schade, aber keine Katastrophe. Auch die vielen Anspielungen auf den Kalten Krieg sind als politische Kommentare heute veraltet, wenn sie auch immer noch brauchbare gesellschaftliche Parabeln abgeben.

Aus Netzwerkerperspektive ist besonders interessant, wie früh (seit den Fünfzigern) und konsequent Lem den Sprung in virtuelle Welten beschreibt - aber auch, wie wenig vernetzt die Menschen darin sind. Die Virtualität, oder Phantasmagorik, ist ein Modus der Vereinsamung, denn wenn alles sich simulieren läßt, gilt dies auch für den zwischenmenschlichen Kontakt.

Bestenfalls teilt man eine Wahnvorstellung, wie die als Roboter verkleideten Agenten auf einem angeblich totalitären Roboterplaneten (”Sterntagebücher”), eher lebt man aneinander vorbei wie in “Solaris” oder ist die Projektionsfläche für das Böse der anderen, wie in “Lokaltermin” (1982/1985).

Lem hat vieles vorweggedacht, das wir heute erst zu begreifen scheinen - und hat diese Gedanken weit über das Erträgliche fortgeführt. In “Der futurologische Kongreß” entwirft er - Jahrzehnte vor “Matrix” und weit radikaler - eine Welt, die völlig der Fälschung preisgegeben ist. Auch die Kafkaeske Bürokratie in “Memoiren…” ist in ihrer Künstlichkeit absolut. Die Beschleunigung der Kultur ist bei ihm nicht sexy, sondern schwindelerregend, bedrohlich und ein bißchen ekelhaft. Lems Visionen sind verstörend, weil sie nicht von feindseligen Mächten ausgehen, sondern von Menschen mit besten Absichten, deren Ideen sich verselbstständigen. Und weil am Ende nicht die Rettung durch einen Helden steht, sondern die illusionslose Ernüchterung. Ein solchermaßen warnender Ton fehlt heute - auch weil er nicht mehr zeitgemäß scheint.

Ironischerweise bestätigt gerade das Lems Visionen.

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