Vorgestern erschien bei Telepolis ein zwar launiger, aber im Kern vielleicht doch ernst gemeinter Essay: Telekommunikativ Überfordert?
Wolf-Dieter Roth berichtet darin über die neue Furcht vor der Kommunikationssucht, die sich – wie sollte es anders sein – in den USA auszubreiten scheint:
„Die New York Times [extern] verkündet dieser Tage, dass zwischen sechs und zehn Prozent der etwa 189 Millionen Internetnutzer in den USA einer Abhängigkeit von diesen Kommunikationsmedium entwickelt haben, die so zerstörerisch sein kann wie Alkohol oder Drogen.
Die Entzugsymptome ähneln denen anderer Süchte, so die Medizinerin Dr. Cash, die eine Klinik für Internet- und Computersüchtige betreibt: Von Schwitzen über Angstzustände bis zu ausgewachsener Paranoia sei alles vertreten. Ebenso Schlaflosigkeit ([local] Wenn die Nächte nicht enden wollen…), dafür bleierne Müdigkeit am Tag und Antriebslosigkeit bis zur Depression. Nicht ohne Grund wird der PDA [extern] Blackberry ja auch gerne [extern] Crackberry genannt, doch auch mit ganz gewöhnlichen Handys wird regelmäßig heimlich unter Schulbank oder Bürotisch gesimst.
Diejenigen, die einsehen, dass sie ein Problem haben und sich deswegen in Behandlung begeben, haben dabei das Problem, dass Kommunikations- beziehungsweise Internetsucht bislang nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist und deswegen die Krankenversicherungen auch nicht die Kosten für die Behandlung übernehmen, so die New York Times.“
Diese ‚Gefahrenwahrnehmung‘ ist nicht neu. Und sie stammt tatsächlich aus den USA, wo der Psychiater Ivan Goldberg 1994 in einer Mailinglist einen scherzhaft gemeinten Beitrag über eine neue von im „Internet Addiction Disorder“ genannte Krankheit lieferte. Zu seiner eigenen Überraschung nahmen viele Leser und Leserinnen seinen Scherz jedoch überaus ernst: die Internetsucht war geboten. Diese und andere Details finden sich in dem Aufsatz „Internetsucht – eine konstruktionistische Fallstudie“, die Susanne Walter und ich im Jahre 2003 für die Zeitschrift Soziale Probleme verfasst hatten (ist leider immer noch nicht online zugänglich).
Auf den ersten Blick also: nichts Neues. Jenseits der ‚konstruktionistischen Fallstudie‘ darf man natürlich trotzdem fragen: Was ist dran an der These der kommunikativen Überforderung? Kommt zur Möglichkeit permanenter Kommunikation nun der Zwang hinzu, diese auch zu nutzen?
Richtig ist sicherlich, dass wir uns heute selbst in ein immer lückenloseres Kommunikationsnetz einbinden, das uns kontinuierlich mit anderen Menschen, aber auch mit Programmen und Maschinen verlinkt. Aktuell beobachten wir den Siegeszug der mobilen Kommunikatoren. Mit ihnen wird der Informationsaustausch völlig unabhängig von Orten und sozialen Situationen. Zumindest wahrscheinlich ist, dass diese neuen Möglichkeiten auch einen sozialen Zwang zur Kommunikation hervorbringen werden. Wer seine Emails nur unregelmäßig beantwortet, keinen Anrufbeantwortet besitzt oder sein Handy ausgeschaltet lässt, hat bereits heute schnell den Ruf weg, unkommunikativ, möglicherweise sogar unsozial zu sein. Er wird auch immer häufiger von seinem sozialen Umfeld gerügt oder anderweitig abgestraft. Was wir beobachten ist zweifellos die Entstehung einer sozialen Norm, nach der jedes Mitglied der Google-Gesellschaft jederzeit ‚online‘ zu sein hat – erreichbar in jeder Lebenssituation, am Tage und in der Nacht.
Mit dieser Norm korrespondiert allerdings auch der innige Wunsch vieler, gerade aber der jugendlichen Gesellschaftsmitglieder, dieser Norm zu folgen. Diesen Wunsch, jederzeit auch mit weit entfernten Mitmenschen via Handy und SMS, Email und Chat verbunden zu sein, beschreibt Roth in seinem Artikel.
Aber bringt uns dieser Wunsch nach permanentem Austausch gleich einer Kollektiv-Zivilisation näher, wie wir sie bislang nur aus der Science-Fiction kennen? Wird diese so aussehen müssen, wie das Kollektiv der „Borg“, das die Fernsehserie Startrek einst als negativen Gegenhorizont zur menschlichen Individualität zeichnete? Und gilt auch hier: Widerstand ist zwecklos? Fraglich ist, ob ein Wunsch immer gleich zum inneren Zwang erklärt werden sollte und gesellschaftliche Besorgnis auslösen muss. Krankhafter Drang zur medial vermittelten Kommunikation? Ich bin kein Anhänger solcher Pathologisierungen. Und an all die in den letzten Jahren ausgerufen und mit dem Suffix ‚Sucht‘ gebildeten sozialen Probleme mag ich ohnehin nicht so recht glauben. Ich gebe allerdings zu, dass ich (leider) auch nicht zur Berufsgruppe gehöre, die mit immer neuen Alarmmeldungen und Therapievorschlägen ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Aber, liebe Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Psychiater, wenn Ihr denn meint, eine neue psychosoziale Gefahr ausrufen zu müssen, lasst mir wenigstens den Ruhm der Namensgebung: Nieder mit der Kommunikationssucht – es lebe das „Borg-Syndrom“ … nach Schetsche (2005) .