Archive for the 'Google-Gesellschaft' Category

Quaero ergo sum: Ich suche, also bin ich

Monday, February 13th, 2006

„[Quaero] wird die erste echte Multimedia-Suchmaschine sein, die die globale Kampfansage der amerikanischen Giganten Google und Yahoo annehmen wird. Aus diesem Grund rufen wir die europäische Suchmaschine Quaero ins Leben. Heute wird die Karte des Wissens und der Kultur neu gezeichnet. Morgen wird all das, was nicht online verfügbar ist, Gefahr laufen, für die Welt unsichtbar zu werden“.

Mit starkem politischem Gewicht schlug das europäische Suchmaschinenprojekt Quaero (lat., ich suche) im Neuen Jahr auf: Kein geringerer als Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac schrieb sich das Projekt in seiner Neujahrsansprache auf die Fahnen. Quaero ist als Multimedia-Suchmaschine konzipiert und soll ein Gegengewicht zur Dominanz von Google, Yahoo! und MSN bilden.

Quaero wurde zwischen Frankreich und Deutschland initiiert und scheinbar auf deutscher Seite von Siemens und Bertelsmann (über die Tochterfirma Empolis) getragen. Auf französischer Seite sind u. a. Thomson und France Telekom mit an Bord. Die Deutsche Telekom beobachtet lediglich als Juniorpartner das Projekt. Ein umfangreicher Hintergrundartikel findet sich bei Euractiv.

Die politische Dimension einer Suchmaschine
Spannender ist die Frage, was wir für die Google- Quaero-Gesellschaft rausziehen können.

Eines lässt sich festhalten: Die Bedeutung von Suchmaschinen ist endlich auch von europäischen Regierungen akzeptiert.

„Politisch verbirgt sich dahinter wahrscheinlich ein unangenehmes Gefühl, dass der Zugang zu Wissen und die gefilterten Informationen, auf die man über Suchmaschinen Zugriff bekommt, von außerhalb [kommen]. […] Hinzu kommt der Wunsch, Suchtätigkeiten zu bereichern und dies betrifft vor allem multimediale und mehrsprachige Informationen“, sagt Alex Waibel, Direktor des Zentrums InterACT der Universität Karlsruhe laut Euractiv.

Die technologisches Kluft
Auch wenn es zu keinem “Sieg” von Quaero über Google kommen wird, legt das Projekt den Finger in die Wunde:

Technologisch steht Europa bei der Suchtechnologie hintenan: Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. betont, dass es in Europa kein Unternehmen gäbe, dass in der Lage wäre, die Server-Cluster mit mehreren 10.000 Rechnern zu betreiben.

Drei US-Firmen beherrschen momentan 90 Prozent des weltweiten Suchmarktes: Google, Yahoo! und MSN. Dabei sind World Wide Web, Linux und MP3 europäische Erfindungen und zeigen, dass auch innovative Produkte vom alten Kontinent stammen können.

Sander-Beuermann spricht in einem Interview mit der Netzeitung davon, dass Europa das Thema Suchmaschinen völlig verschlafen habe. Quaero, so der Metager-Entwickler und Suchmaschinenexperte, sei die einzige und letzte Chance für Europa, dem Monopol etwas entgegenzusetzen.

“Es ist vier nach zwölf. Wenn wir jetzt nicht anfangen, können wir die USA nicht mehr einholen, und Fernost ebenso wenig. Es ist die letzte Chance, alle vorhandenen Kräfte auf diesem Gebiet zu bündeln.”

Wohin solls gehen?
In Asien gibt es mit den Anstrengungen der japanischen Regierung und Chinas Suchmaschine Baidu eigene Projekte, um Such-Know-how aufzubauen. Damit Quaero ein paar brauchbare Ergebnisse zu Tage fördert, darf es nun nicht in den Mühlen der EU-Bürokratie untergehen, sondern muss schnell und flexibel auf den Markt reagieren können. Wenn dann am Ende kein Sieg über Google dabei herauskommt, aber wenigstens europäisches Know-how, spezialiserte Lösungen und junge Start-Up-Unternehmen, ist viel gewonnen. Im Sinne einer Open Innovation sollte Quaero deshalb sein Wissen teilen und viele Ideen und tatkräftige Menschen befruchten.

Googles Offerte
Google lässt sich von der potenziellen Konkurrenz natürlich nicht aus der Reserve locken. Es belächelt lieber das europäische Projekt, in dem sie es als Nischenangebot deklarieren - wie in einem dpa-Interview geschehen: “Wir möchten gerne mit Spezialanbietern kooperieren, damit die Google-Anwender den bestmöglichen Zugriff auf die Informationen und Inhalte bekommen”, sagte CEO Eric Schmidt (gefunden bei heise online).

Professur mit Fun

Monday, February 13th, 2006

Digitale, soziale Mikrowelten entstehen nicht erst mit dem Internet. Computerspiele sind seit jeher kultureller Ausdruck und Spiegelbild der Zeit - und eben nicht nur der technischen Möglichkeiten. An der Universität Ilmenau wird jetzt eine Professur für Computerspiele eingerichtet. Erforscht werden soll die Konzeption, Nutzung, Vermarktung und Wirkung von digitalen Spielen. Dabei sollen sozial-, technik- und wirtschaftswissenschaftliche Kompetenzen interdisziplinär verzahnt werden, um der Komplexität digitaler Spiele Rechnung zu tragen, weiß heise online zu berichten.

Das Netz ist unabhängig

Thursday, February 9th, 2006

Vor 10 Jahren erklärte Perry Barlow das Internet für unabhängig. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verlas der Netzpionier seine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, die dort nur wenig Gehör fand, wie Detlev Borches auf heise online zu berichten weiß.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Und er benannte auch die Konfliktlinien, die sich mit der Kommerzialisierung und Regulierung des Internets ergaben:

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Auf zwei weitere grundlegende Erklärungen zum Cyberspace weist Borchers noch hin: Die Magna Charta des Informationszeitalters und die 95 Thesen des Cluetrain Manifests. Ich möchte einen weiteren Text hinzufügen, der hinterfragt, wie und wann wir das Netz verstehen können: Die Vision der Creative Network Factory, die eine Reihe Bremer Cybersoziologen, u.a. Michael Schetsche und ich, vor einigen Jahren schrieben.

Innerhalb weniger Jahre haben die Netzwerkmedien die wissensverarbeitenden und kommunikativen Prozesse in unserer Gesellschaft signifikant verändert. Der Einfluß dieser netzwerkbasierten Technologien auf das zukünftige Zusammenleben der Menschen läßt sich heute in seinen ganzen Konsequenzen noch nicht abschätzen. Sicher ist jedoch, daß die Netzwerkmedien - gemeinsam mit anderen Anwendungsweisen des Computers - eine ökonomisch-soziale Revolution ausgelöst haben, die in ihren Auswirkungen der industriellen Revolution in nichts nachstehen wird. Die neuen Medien werden nicht nur Informations-, Kommunikations- und Wissensvorgänge verändern, sondern auch vielfältige ökonomische und soziale Prozesse neu ordnen. Gleichzeitig lassen sie neue Arten von Lebensräumen und Sinnwelten entstehen, die den Menschen bislang unbekannte Formen des kollektiven wie individuellen Handelns ermöglichen. Das sich entfaltende Kommunikationspotential der Netzwerkmedien sowie die Einverleibung der traditionellen Individual- und Massenmedien erzeugen einen neuartigen globalen Kommunikations- und Interaktionsraum mit originären sozialen Regelungsmechanismen, den Cyberspace.

Ein Recht auf Existenz? Der Fall BMW

Monday, February 6th, 2006

Ein wenig Schadenfreude schwingt hier und dort schon mit, wenn die Blogosphäre über BMWs Rauswurf aus dem Google-Index berichtet. Die “Manipulaton” der eigenen Website, um Google besser zugefallen, wird dabei immer wieder als Old-Economy vs. New Economy gedeutet. Dabei dürfte Google durchaus als Gegner auf Augenhöhe gelten und sollte langsam in den Kommentaren sein Garagen-Image verlieren.

Spannend bei diesem Beispiel ist die Frage: Besitzen Unternehmen, Personen oder Themen ein digitales Existenzrecht? Denn wer bei Google nicht erscheint, existiert nicht. Das hat auch schon der französische Staatspräsident Jaques Chirac begriffen:

Heute entsteht eine neue Geographie des Wissens und der Kulturen. Was morgen nicht online verfügbar ist, läuft Gefahr, unsichtbar zu werden”, so Chirac in seiner Neujahransprache.

Gibt es ein einklagbares Recht, bei Monopolführer Google gelistet werden zu müssen?

Natürlich glaubt niemand daran, dass dieses “Aussperren” von langer Dauer sein wird. Doch was ist mit den vielen kleinen Unternehmen, die sich keine teure Optimierung leisten können? Was mit denen, die auf Platz 100 landen? Machen die schlechtere Arbeit?

Die PR-Inszenierung von Google zeigt dagegen, wie relevant es heutzutage ist, bei Google gelistet zu sein. Warum hat Google eigentlich nicht einfach die BMW-Site auf Platz 1.000 gesetzt. Das wäre der gleiche Effekt, aber weniger Spektakel. In Sachen Guerillia-Marketing hat Google damit wieder mal gepunktet.

Webwatching: Dunkle Tiefen

Monday, January 30th, 2006

Im Dezember letzten Jahres hatte mich Peter Meyenburg, ein junger Hamburger Journalist, ausführlich zur Google-Gesellschaft befragt. Das Interview „Dunkle Tiefen. Michael Schetsche über gebastelte Wirklichkeiten, hysterische Kontrolldiskurse und die Legitimität des Unsinns“ lässt sich ab sofort in Webwatching nachlesen, einem neuen Online-Interviewmagazin zur Zukunft der Netzkultur.

Webwatching ist ein Projekt des Hamburger (Uni-)Instituts für Journalistik und Kommunikation. Studierende dieses Insituts haben das Projekt unter der Ägide von Prof. Bernhard Pörksen aus der Taufe gehoben. Aufgabe des neuen Journals soll die „Trendbeobachtung im Netz über das Netz, anekdotisch und ernst, streitbar und freizügig“ sein (so die Selbstbeschreibung des gut zwanzigköpfigen Teams).

In weiteren Interviews in der ersten Ausgabe des Magazins werden nicht nur der Medienphilosoph Norbert Bolz und der Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer befragt, sondern auch eine ganze Reihe von Autoren der Google-Gesellschaft: Marcel Machill, Eric Möller, Christoph Neuberger und Peter Wippermann. Ich denke: das kommt nicht von ungefähr.

Die Online-Lektüre des edel gestylten Magazins setzt FlashPlayer 8 voraus; der Startpunkt findet sich hier.

Reinschauen!

Wissen offline - und doch online

Thursday, January 19th, 2006

Ein Aufschrei ging (und geht) durch die Netzwelt: Seit der Nacht vom 17. auf den 18. Januar ging Wikipedia Deutschland scheinbar vom Netz ging. Dabei wurde die Weiterleitung von www.wikipedia.de auf de.wikipedia.org abgeschaltet. Das eigentliche Projekt ist auch weiterhin unter de.wikipedia.org zu erreichen. Stattdessen gibt es nun auf wikipedia.de dieses hier zu lesen:

Liebe Freunde Freien Wissens,

durch eine vor dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg am 17. Januar 2006 erwirkte einstweilige Verfügung wurde dem Verein Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. untersagt, von dieser Domain auf die deutschsprachige Ausgabe der freien Enzyklopädie Wikipedia (wikipedia.org) weiterzuleiten.

Wir lassen derzeit durch unsere Rechtsanwälte alle möglichen Schritte prüfen, um Ihnen schnellstmöglich wieder einen unkomplizierten Zugang zur freien Enzyklopädie Wikipedia zu bieten. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir aus rechtlichen Gründen bis auf Weiteres keine weiteren Stellungnahmen in dieser Sache abgeben werden.

Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.
Berlin, 18. Januar 2006

Neben zahlreichen Verschwörungstheorien gibt es auch inhaltlicheres in zahlreichen Online-Medien wie SPON und tagesschau.de sowie in Weblogs über die wahren Hintergründe zu erfahren: Der Grund ist eine Unterlassungsklage, die einen bestimmten Artikel bzw. die dort auftretende vollständige Namensnennung des Hackers Tron verhindern soll. Weitere Hintergründe bei der deutschsprachigen Ausgabe de.wikipedia.org

So weit, so gut: Der Fall wurde und wird ja in der Netzlandschaft ausgiebig kommentiert werden. Was können wir aber aus Sicht der Google-Gesellschaft darüber lernen?

(1) Prinzipien des Netzes bleiben weiter unverstanden
Einmal ins Netz gestellte Inhalte lassen sich kaum durch richterliche Verfügungen aus dem Netz entfernen. Die Verfügung gegen Wikimedia Deutschland hat letztlich das Gegenteil erreicht: Den Namen ihres Sohnes haben die klagenden Eltern weit in die Google-Gesellschaft hinausgetragen. Als zu zitierendes Beispiel wird der Fall “Wikipedia gegen Tron” ähnliche Popularität erlangen wie der Jamba-Fall.

(2) Werte der Industriegesellschaft treffen auf Werte der Google-Gesellschaft
Deutsche Gerichte glauben immer noch, ein internationales soziales und technisches Gefüge mit nationalem Recht begegnen zu können. Es ist sehr geschickt von den Klägern bzw. dessen Anwalt, die Weiterleitung zu unterbinden. Denn Wikimedia Deutschland kann nicht gezwungen werden, den Beitrag zu entfernen oder ggf. den Namen “zu schwärzen”. Diese Daten liegen irgendwo auf irgendwelchen Servern und unterstehen einem Verein, der in den USA ansässig ist.

Für die Weiterleitung und damit die scheinbare “Verbeitung” in Deutschland glaubt das Gericht aber den Verein haftbar machen zu können. Da hat doch jemand das Internet nicht verstanden.

Bei Spiegel Online wird zu Recht angemerkt: Letztlich also könnte der Streit zu einem regelrechten Präzedenzfall für Wikipedia.de werden, der eine nicht unerhebliche Frage klären könnte: Was ist Wikipedia eigentlich - rein rechtlich? Hier wird deutlich, dass alte soziale Kategorien (wie Presse/keine Presse; Unternehmen/kein Unternehmen) nicht mehr reibungslos funktionieren. Die neue Welt ist eben nicht die alte.

(3) Das Netz hat keine Lobby
Auch wenn dieser Fall wahrscheinlich glimpflich für Wikimedia Deutschland und das gesamte Projekt verlaufen wird, kristalisiert sich doch heraus, dass Netzprojekte (auch wegen des fehlenden Verständnisses) zunehmend mit gerichtlichen Mitteln belangt werden. Hier schießen eben jene alten Werte mit Rechtsmitteln auf die unliebsamen Ausprägungen einer netzwerkmedialen Welt.
Nicht immer sind dabei die Rechtslagen so eindeutig und die Projekte so populär. Schon kleine Strafbescheide über 5.000 Euro können dann Projekte an das finanzielle und tatsächliche Ende bringen.

Dies wird die Netzgesellschaft nicht verhindern, aber in ihrer innovativen Kraft sicherlich behindern und verzögern. Nicht ohne Grund versuchen “alte” Industrien wie die Musik- und Filmbranche ihre Ansichten ins Netz zu pflastern.

Macht Netzluft frei?

Wednesday, January 11th, 2006

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit konnte Leibeigene in manchen Regionen die Freiheit erlangen, wenn Sie sich für ein Jahr und einen Tag in einer Stadt vor ihrem Grundherren verbergen konnten. Aus dieser Zeit stammt wohl der bis heute erhalten Ausspruch „Stadtluft macht frei!“ Gilt etwas ähnliches auch für das Netz? Können wir uns aus der (national-)staatlich reglementieren Sozialwelt in die Welt des Netzes flüchten und dort Freiheit zumindest von geistiger Leibeigenschaft finden?

Manche Nutzer, allen voran die selbstdeklarierten Netizens, hoffen dies. Und die nationalstaatlichen Kontrollinstanzen, wie Polizei und Gerichte und deren Normgeber, suchen ganz genau das zu verhindern. „Das Internet kann und darf kein rechtsfreier Raum sein“, lautet die These, die in diesem Zusammenhang von Politikern, Strafverfolgungsbehören und Gerichten regelmäßig zu hören ist. Nicht nur in autoritären Staaten, sondern gerade auch in traditionellen Demokratien. Folge ist regelmäßig der Versuch, die bisherigen nationalstaatlichen Regelungen – etwa im Bereich des Veröffentlichungsrechts und der ‚Äußerungsdelikte‘ – den neuen Medien ohne Rücksicht auf deren strukturelle Besonderheiten überzustülpen. Ob dies technisch-organisatorisch überhaupt funktionieren kann, ist unter Experten wie engagierten Nutzern seit langem umstritten.

Unumstritten ist hingegen zweierlei: Erstens eröffnen die Netzwerkmedien allen Nutzerinnen und Nutzern Kommunikationsmöglichkeiten, wie sie vorher undenkbar waren. Hinsichtlich der Frage nach dem – im deutschen Grundgesetzes etwa hoch geschätzten – Recht auf Meinungsfreiheit ist dabei insbesondere die Aufhebung der Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten medialer Produkte und der darin enthaltenen Informationen von Bedeutung. Heute kann sich jeder und jede mit eigenen Websites, Postings und Onlinekommentaren an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligen. Eine redaktionelle Kontrolle und die damit regelmäßig verbundene politische und ökonomische Zurichtung von Meinungen findet nicht statt. Eine Nebenwirkungen: Viele traditionelle Formen staatlicher Kontrolle laufen ins Leere. Schöne neue Welt, in der jeder sein eigener Nachrichtenkanal und sein eigener Konstrukteur medialer Wirklichkeit ist. In diesem Sinne macht Netzluft wirklich frei.

Zweitens hat aber auch hier die Freiheit ihren Preis: Es verwischen sich die Grenzen zwischen den Sphären öffentlich und privat (die konstitutiv für die Moderne waren), aus der Möglichkeit kann der (psychische) Zwang zur permanenten Kommunikation entstehen und in der Gier nach Beachtung macht mancher sich abhängig von neuen technischen Normen – etwa Googles Relevanz-Algorithmen. Am schwersten aber wiegt, dass wir uns selbst in mehrfachem Sinne zu gläsernen Nutzern machen. Seit Jahren ist bekannt, dass die Geheimdienste einflussreicher Nationalstaaten, namentlich der USA, permanent große Teile des weltweiten Datenaustausches überwachen. So werden im Rahmen des Programms Echelon von der NSA automatisch sämtliche Emails überwacht, die über internationale Knotenpunkte, Satellitenverbindungen und Kontinentalkabel verlaufen. Das Abhören richtet sich dabei sowohl gegen den Einzelnen wie gegen Unternehmen. Das Echelon-Programm hat nicht nur zu Debatten im EU-Parlament geführt, sondern auch zu Befürchtungen bei manchen westeuropäischen Unternehmen, es ginge hier eben auch um staatliche Wirtschaftsspionage in großem Stil geht. Zu politischen Konsequenzen geführt hat dies bislang nicht.

Ebenso schwerwiegend ist, dass die Teilnahme an der Netzwerkkommunikation permanent Nutzungsdaten erzeugt, die vonverschiedener Seite erfasst und weiterverarbeitet werden können. Solche Datenschatten werden bei weitem nicht nur statistisch, sondern inzwischen auch personen- bzw. unternehmensbezogen ausgewertet. Es entstehen Profile von Nutzern und Nutzerinnen, die eine Vielzahl von Daten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen verknüpfen. Inzwischen ist eine ganze Branche entstanden, die solche Daten systematisch sammelt und für beliebige – legitime wie illegitime – Zwecke weitergibt. Manche Unternehmen und viele Behörden verletzen dabei regelmäßig bestehende Datenschutzbestimmungen. Rechtverletzungen, die in Deutschland von den eigentlich zuständigen Kontrollinstanzen und vom politisch-administrativen System weitgehend ignoriert werden – auch deshalb, weil diese primär damit beschäftigt sind, weltweite Inhalte mit deutschen Moralstandards und Rechtsvorschriften abzugleichen bzw. mit selbstproduzierter Terrorfurcht weitere staatliche Kontroll- und Eingriffsrechte zu legitimieren (vgl. meinen Aufsatz zur Internetkriminatlität).

Die neuen Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheiten des Netzes haben also auch deutliche Schattenseiten. Mehr noch, unter dem Ansturm politischer und ökonomischer Begehrlichkeiten drohen die Gewinne an Freiheit in Verluste an Freiheit umzuschlagen – zumindest hinsichtlich der verfassungsmäßig garantierten Rechte auf freie ‚Rede‘ und informationelle Selbstbestimmung. Am irritierendsten dabei aber ist, dass diese Schattenseite der neuen Freiheit bei der großen Mehrheit der Nutzer und Nutzerinnen kaum auf Interesse stößt. Ob diese spezielle Art von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom seine primäre Ursache in der spezifischen Nutzungslogik des Mediums, in allgemeiner Gleichgültigkeit gegenüber Gefährdungen kollektiver Errungenschaften oder vielleicht auch in klammheimlicher Sehnsucht mancher nach einem fürsorglich-kontrollierenden Staatswesen hat, wäre noch zu untersuchen. Ganz unabhängig von dieser wissenschaftlich zu leistenden Ursachenforschung ist mit politischem Impetus zu mahnen: Auch Freiheit kann zum knappen Gut werden.

Das Borg-Syndrom voraus?

Friday, December 9th, 2005

Vorgestern erschien bei Telepolis ein zwar launiger, aber im Kern vielleicht doch ernst gemeinter Essay: Telekommunikativ Überfordert?
Wolf-Dieter Roth berichtet darin über die neue Furcht vor der Kommunikationssucht, die sich – wie sollte es anders sein – in den USA auszubreiten scheint:

„Die New York Times [extern] verkündet dieser Tage, dass zwischen sechs und zehn Prozent der etwa 189 Millionen Internetnutzer in den USA einer Abhängigkeit von diesen Kommunikationsmedium entwickelt haben, die so zerstörerisch sein kann wie Alkohol oder Drogen.

Die Entzugsymptome ähneln denen anderer Süchte, so die Medizinerin Dr. Cash, die eine Klinik für Internet- und Computersüchtige betreibt: Von Schwitzen über Angstzustände bis zu ausgewachsener Paranoia sei alles vertreten. Ebenso Schlaflosigkeit ([local] Wenn die Nächte nicht enden wollen…), dafür bleierne Müdigkeit am Tag und Antriebslosigkeit bis zur Depression. Nicht ohne Grund wird der PDA [extern] Blackberry ja auch gerne [extern] Crackberry genannt, doch auch mit ganz gewöhnlichen Handys wird regelmäßig heimlich unter Schulbank oder Bürotisch gesimst.

Diejenigen, die einsehen, dass sie ein Problem haben und sich deswegen in Behandlung begeben, haben dabei das Problem, dass Kommunikations- beziehungsweise Internetsucht bislang nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist und deswegen die Krankenversicherungen auch nicht die Kosten für die Behandlung übernehmen, so die New York Times.“

Diese ‚Gefahrenwahrnehmung‘ ist nicht neu. Und sie stammt tatsächlich aus den USA, wo der Psychiater Ivan Goldberg 1994 in einer Mailinglist einen scherzhaft gemeinten Beitrag über eine neue von im „Internet Addiction Disorder“ genannte Krankheit lieferte. Zu seiner eigenen Überraschung nahmen viele Leser und Leserinnen seinen Scherz jedoch überaus ernst: die Internetsucht war geboten. Diese und andere Details finden sich in dem Aufsatz „Internetsucht – eine konstruktionistische Fallstudie“, die Susanne Walter und ich im Jahre 2003 für die Zeitschrift Soziale Probleme verfasst hatten (ist leider immer noch nicht online zugänglich).

Auf den ersten Blick also: nichts Neues. Jenseits der ‚konstruktionistischen Fallstudie‘ darf man natürlich trotzdem fragen: Was ist dran an der These der kommunikativen Überforderung? Kommt zur Möglichkeit permanenter Kommunikation nun der Zwang hinzu, diese auch zu nutzen?

Richtig ist sicherlich, dass wir uns heute selbst in ein immer lückenloseres Kommunikationsnetz einbinden, das uns kontinuierlich mit anderen Menschen, aber auch mit Programmen und Maschinen verlinkt. Aktuell beobachten wir den Siegeszug der mobilen Kommunikatoren. Mit ihnen wird der Informationsaustausch völlig unabhängig von Orten und sozialen Situationen. Zumindest wahrscheinlich ist, dass diese neuen Möglichkeiten auch einen sozialen Zwang zur Kommunikation hervorbringen werden. Wer seine Emails nur unregelmäßig beantwortet, keinen Anrufbeantwortet besitzt oder sein Handy ausgeschaltet lässt, hat bereits heute schnell den Ruf weg, unkommunikativ, möglicherweise sogar unsozial zu sein. Er wird auch immer häufiger von seinem sozialen Umfeld gerügt oder anderweitig abgestraft. Was wir beobachten ist zweifellos die Entstehung einer sozialen Norm, nach der jedes Mitglied der Google-Gesellschaft jederzeit ‚online‘ zu sein hat – erreichbar in jeder Lebenssituation, am Tage und in der Nacht.

Mit dieser Norm korrespondiert allerdings auch der innige Wunsch vieler, gerade aber der jugendlichen Gesellschaftsmitglieder, dieser Norm zu folgen. Diesen Wunsch, jederzeit auch mit weit entfernten Mitmenschen via Handy und SMS, Email und Chat verbunden zu sein, beschreibt Roth in seinem Artikel.

Aber bringt uns dieser Wunsch nach permanentem Austausch gleich einer Kollektiv-Zivilisation näher, wie wir sie bislang nur aus der Science-Fiction kennen? Wird diese so aussehen müssen, wie das Kollektiv der „Borg“, das die Fernsehserie Startrek einst als negativen Gegenhorizont zur menschlichen Individualität zeichnete? Und gilt auch hier: Widerstand ist zwecklos? Fraglich ist, ob ein Wunsch immer gleich zum inneren Zwang erklärt werden sollte und gesellschaftliche Besorgnis auslösen muss. Krankhafter Drang zur medial vermittelten Kommunikation? Ich bin kein Anhänger solcher Pathologisierungen. Und an all die in den letzten Jahren ausgerufen und mit dem Suffix ‚Sucht‘ gebildeten sozialen Probleme mag ich ohnehin nicht so recht glauben. Ich gebe allerdings zu, dass ich (leider) auch nicht zur Berufsgruppe gehöre, die mit immer neuen Alarmmeldungen und Therapievorschlägen ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Aber, liebe Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Psychiater, wenn Ihr denn meint, eine neue psychosoziale Gefahr ausrufen zu müssen, lasst mir wenigstens den Ruhm der Namensgebung: Nieder mit der Kommunikationssucht – es lebe das „Borg-Syndrom“ … nach Schetsche (2005) .
;-)

Wenn das Netz sich schneller dreht…

Tuesday, November 29th, 2005

…als man selbst!

Zum Jahresende wird es gerne etwas stressig: Projekte wollen abgeschlossen und Weihnachtseinkäufe getätigt sein. Nur Weblogs drängen sich wie ein permant unbeschriebenes Blatt in das schlechte Gewissen: Nach dem Posting ist vor dem Posting.

Und auch das Netz steht nicht still (auch wenn es sich eigentlich gar nicht bewegt - nur in sich höchstens). Anbei eine kleine Zusammenschau über die Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen spannend fand…

Politik Online
Politik Digital hat zu einer Diskussion zum Thema “E-Participation in Election Times - a suitable Tool for Voter Relationship Management”. Jan Schmidt war vor Ort und stellt in seinem Blog die Tools vor, die Tom Steinberg von mysociety.org “mitbrachte”: WriteToThem und Pledgebank. Auch heise online war dort:

“Das Internet taugt ganz schlecht zu Wahlkampfzwecken”, zugleich sei es aber “die einzige Hoffnung zur Rettung der Demokratie, die wir haben”. Auf diese widersprüchliche Formel brachte Tom Steinberg, einer der herausragenden Akteure der britischen e-Democracy-Debatte, auf einer Veranstaltung von Politik-Digital in Berlin den Stand der Erkenntnisse in Sachen Politik und Neue Medien. In Wahlkampfzeiten richteten die Parteimanager alle Anstrengungen darauf, die noch unentschlossenen Wähler zu mobilisieren und auf ihre Seite zu ziehen, “da sind die Massenmedien nicht zu schlagen”, meint der Brite. Denn das Web biete keine Möglichkeiten, die Unentschlossenen gezielt zu erreichen, und auch die Möglichkeiten des Blogging als Gegenöffentlichkeit würden maßlos überschätzt. “Meinung ist billig, Fakten sind teuer”, begründet Steinberg, warum die Weblog-Initiativen einzelner nur in Ausnahmefällen einen Einfluss auf die politischen Auseinandersetzungen ausüben könnten.

Weblogs
Selbiger Jan Schmidt wie oben zeichnet auch für die Sonderausgabe des Online-Journals kommunikation@gesellschaft mitverantwortlich. Thema der Ausgabe: “Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung”

Die europäische Google-Gesellschaft
Eurostat, die Erbsenzähler der EU, haben die Internetnutzung in Europa untersucht (PDF). Wie zu Erwarten war, gibt es eine Digitale Kluft, die vor allem durch Faktoren wie Alter, Stellung im Erwerbsleben und Bildungsniveau bedingt ist. Dies sind insgesamt alte Befunde, die z.B. auch der (N)ONLINER Atlas der Initiative D21 herausgreift. Schön dennoch mal die Unterschiede im europäischen Verleich zu sehen:

Die größte bildungsbedingte Kluft gibt es laut Eurostat in Portugal, wo zwar 84 Prozent der Personen mit hohem, aber nur 13 Prozent der Personen mit geringem Bildungstand das Internet nutzten. Lediglich in Schweden (70 Prozent), Dänemark (64 Prozent), Finnland (54 Prozent) und Deutschland (51 Prozent) habe mehr als die Hälfte der Personen mit geringerem Bildungsstand im ersten Quartal 2004 das Internet genutzt, während der Anteil der Personen mit höherer Bildung nur in Litauen (38 Prozent) und in Griechenland (48 Prozent) unter 50 Prozent gelegen habe. (heise)

In diesem Zusammenhang ein kurzer Hinweis auf den Wettbewerb “Wege ins Netz 2005″, den ich mit Kollegen für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (so hieß es da noch) durchgeführt habe. Der Wettbewerb zeichnet Projekte aus, die eben jene Digitale Kluft überwinden soll, die Studien immer wieder beschreiben.

Politik Online II
Keine Teilhabe ohne Bürgerengagement, meldet Politik Online.

“Kommunikationsexpertin Anna Paucher hat sich mit Informations-, Kommunikations- und Partizipationsleistungen der Bundesregierung im Netz befasst und Vorschläge fuer eine Erweiterung der partizipativen Elemente des Portals bundesregierung.de aufgestellt.”

Globales Gehirn?

Thursday, November 24th, 2005

„Können wir das Internet als eine Art globales Gehirn verstehen?“ Dies war eine der Fragen, über die ich vor zwei Tagen ausführlich mit dem Neurobiologen Prof. Dr. Gerhard Roth (Direktor des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen und gleichzeitig Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs) diskutieren konnte.

Das Gespräch unter dem Motto „Soziologie trifft Neurobiologie“ hatte die Zeitschrift GALORE organisiert. Weitere Themen des Gesprächs waren die Folgen der Internetnutzung für Individuum und Gesellschaft, die mögliche Rolle der Kommunikation bei der menschlichen Evaluation und die Veränderungen der Produktion wissenschaftlichen Wissens durch die Netzwerkmedien.

Der Interview-Dialog zwischen dem Neurobiologen und dem sozialwissenschaftlichen Cyberforscher erscheint in einem Sonderheft der Zeitschrift GALORE über „Technikwelten“ – allerdings erst im März nächsten Jahres.

Bis dahin sei über die Ergebnisse des langen Gesprächs nur etwas hinsichtlich der Eingangsfrage verraten: Neurobiologe und Soziologe waren sich einig darüber, dass manche ‚hübsche‘ Analogien das Denken eher in die Irre führen. Ansonsten bitte ich um Geduld bis März…