Archive for the 'Politik & E-Rights' Category

Konferenz: SuMa in der Gesetzgebung

Wednesday, August 16th, 2006

“Suchmaschinen in der modernen Kommunikation. Verantwortlichkeit und Haftung von Suchmaschinenanbietern für Inhalte in ihren Ergebnislisten” nennt sich eine Tagung, die am 21. September 2006 in Berlin stattfinden wird.

Ausrichter ist die Selbstkontrolle Suchmaschinen der FSM. In dieser Arbeitsgruppe der Freiwilligen Selbstkontrolle der Multmedia-Dienstleister sind die großen Suchmaschinen organisiert, um gemeinsam reugulative und politische Initiativen abzusprechen oder auf Einwände der Politik zu reagieren.

Neben der Frage der Rolle der Suchmaschinen für das Internet und zukünftigen Suchtrends geht es auch um juristische Bedingungen für Suchmaschinenbetreiber. Abschließend gibt es eine Lobbyrunde Podiumsdiskussion mit Politikern der Großen Koalition und den Juristen der Suchmaschinenbetreiber. Große Erkenntnisse sind hier sicherlich nicht zu erwarten. Vielleicht lässt sich aber Ablesen, welche Gesetze denn demnächst von der FSM und den Suchmaschinenlobbyisten angegangen werden.

Das PDF-Programm gibt es hier.

SuMa-Konferenz in Berlin

Monday, June 26th, 2006

Der Sommer ist gerade angekommen, da wirft der Herbst schon erste (Termin-)Schatten: Der SuMa e.V. veranstaltet am 28. September 2006 in Berlin sein 3. SuMa-ev-Forum:

Die zentrale Rolle der Suchmaschinen in der Informationsgesellschaft hat sich auf hohem Niveau etabliert. Gleichzeitig waechst von vielen Seiten die Kritik an den monopolartigen Strukturen des digitalen Wissenszugangs und der Ruf nach Alternativen wird (endlich) unueberhoerbar lauter.

Im diesjaehrigen Forum werden Trends, Richtungen, Probleme und Alternativen dieser Schluesseltechnologie der Informationsgesellschaft vorstellt und diskutiert. Dabei werden drei Bereiche genauer betrachtet:

- Entwicklungen in der Technik,
- in der Wirtschaft und
- deren Reflexionen in der Medienkunst.

Die Veranstaltung findet in der Landesvertretung Niedersachsen statt. Das Programm und die Anmeldemodalitäten finden sich unter http://suma-ev.de/forum06.

Von China Lernen

Saturday, April 22nd, 2006

Die aktuellen Diskussionen um Googles China-Politik zeigen, welche Rolle Suchmaschinenanbieter für die staatliche Informationskontrolle spielen, namentlich wenn sie ein defacto-Monopol haben, wie heute Google.

Vorweg: Die politisch-moralische Aufregung über Googles Verhalten ist verständlich. „Wir haben ganz einfach keine Wahl“, hat der Google-Chef Eric Schmidt nach einer Meldung der “Welt” unlängst die China-Politik seines Unternehmens legitimiert. Dem kann ethisch leicht begegnet werden: Menschen haben immer eine Wahl. Unternehmen auch. Google ist nicht gezwungen, Märkte um jeden Preis zu erobern. Hinzuzufügen ist allerdings auch, dass andere Portal- und Suchmaschinenbetreiber sich genauso verhalten: „Ungesunde Inhalte“ würde man in Zukunft blockieren, heißt es in einer Erklärung, die 14 Unternehmen kürzlich in China abgegeben haben. Und weiter: „Wir sind eine ernstzunehmende Opposition gegen Online-Inhalte, die die öffentliche Moral, die Kultur und die Traditionen der Menschen in China untergraben“. Besser hätte auch George Orwell die Zurichtung der Wirklichkeit durch Sprachpolitik („Neusprech“) nicht beschreiben können. Die Unternehmen kapitulieren nicht nur vor der Diktatur – sie machen sich auch noch deren Sprache und Wirklichkeitskonstruktion zu Eigen. (more…)

Quaero ergo sum: Ich suche, also bin ich

Monday, February 13th, 2006

„[Quaero] wird die erste echte Multimedia-Suchmaschine sein, die die globale Kampfansage der amerikanischen Giganten Google und Yahoo annehmen wird. Aus diesem Grund rufen wir die europäische Suchmaschine Quaero ins Leben. Heute wird die Karte des Wissens und der Kultur neu gezeichnet. Morgen wird all das, was nicht online verfügbar ist, Gefahr laufen, für die Welt unsichtbar zu werden“.

Mit starkem politischem Gewicht schlug das europäische Suchmaschinenprojekt Quaero (lat., ich suche) im Neuen Jahr auf: Kein geringerer als Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac schrieb sich das Projekt in seiner Neujahrsansprache auf die Fahnen. Quaero ist als Multimedia-Suchmaschine konzipiert und soll ein Gegengewicht zur Dominanz von Google, Yahoo! und MSN bilden.

Quaero wurde zwischen Frankreich und Deutschland initiiert und scheinbar auf deutscher Seite von Siemens und Bertelsmann (über die Tochterfirma Empolis) getragen. Auf französischer Seite sind u. a. Thomson und France Telekom mit an Bord. Die Deutsche Telekom beobachtet lediglich als Juniorpartner das Projekt. Ein umfangreicher Hintergrundartikel findet sich bei Euractiv.

Die politische Dimension einer Suchmaschine
Spannender ist die Frage, was wir für die Google- Quaero-Gesellschaft rausziehen können.

Eines lässt sich festhalten: Die Bedeutung von Suchmaschinen ist endlich auch von europäischen Regierungen akzeptiert.

„Politisch verbirgt sich dahinter wahrscheinlich ein unangenehmes Gefühl, dass der Zugang zu Wissen und die gefilterten Informationen, auf die man über Suchmaschinen Zugriff bekommt, von außerhalb [kommen]. […] Hinzu kommt der Wunsch, Suchtätigkeiten zu bereichern und dies betrifft vor allem multimediale und mehrsprachige Informationen“, sagt Alex Waibel, Direktor des Zentrums InterACT der Universität Karlsruhe laut Euractiv.

Die technologisches Kluft
Auch wenn es zu keinem “Sieg” von Quaero über Google kommen wird, legt das Projekt den Finger in die Wunde:

Technologisch steht Europa bei der Suchtechnologie hintenan: Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. betont, dass es in Europa kein Unternehmen gäbe, dass in der Lage wäre, die Server-Cluster mit mehreren 10.000 Rechnern zu betreiben.

Drei US-Firmen beherrschen momentan 90 Prozent des weltweiten Suchmarktes: Google, Yahoo! und MSN. Dabei sind World Wide Web, Linux und MP3 europäische Erfindungen und zeigen, dass auch innovative Produkte vom alten Kontinent stammen können.

Sander-Beuermann spricht in einem Interview mit der Netzeitung davon, dass Europa das Thema Suchmaschinen völlig verschlafen habe. Quaero, so der Metager-Entwickler und Suchmaschinenexperte, sei die einzige und letzte Chance für Europa, dem Monopol etwas entgegenzusetzen.

“Es ist vier nach zwölf. Wenn wir jetzt nicht anfangen, können wir die USA nicht mehr einholen, und Fernost ebenso wenig. Es ist die letzte Chance, alle vorhandenen Kräfte auf diesem Gebiet zu bündeln.”

Wohin solls gehen?
In Asien gibt es mit den Anstrengungen der japanischen Regierung und Chinas Suchmaschine Baidu eigene Projekte, um Such-Know-how aufzubauen. Damit Quaero ein paar brauchbare Ergebnisse zu Tage fördert, darf es nun nicht in den Mühlen der EU-Bürokratie untergehen, sondern muss schnell und flexibel auf den Markt reagieren können. Wenn dann am Ende kein Sieg über Google dabei herauskommt, aber wenigstens europäisches Know-how, spezialiserte Lösungen und junge Start-Up-Unternehmen, ist viel gewonnen. Im Sinne einer Open Innovation sollte Quaero deshalb sein Wissen teilen und viele Ideen und tatkräftige Menschen befruchten.

Googles Offerte
Google lässt sich von der potenziellen Konkurrenz natürlich nicht aus der Reserve locken. Es belächelt lieber das europäische Projekt, in dem sie es als Nischenangebot deklarieren - wie in einem dpa-Interview geschehen: “Wir möchten gerne mit Spezialanbietern kooperieren, damit die Google-Anwender den bestmöglichen Zugriff auf die Informationen und Inhalte bekommen”, sagte CEO Eric Schmidt (gefunden bei heise online).

Wissen offline - und doch online

Thursday, January 19th, 2006

Ein Aufschrei ging (und geht) durch die Netzwelt: Seit der Nacht vom 17. auf den 18. Januar ging Wikipedia Deutschland scheinbar vom Netz ging. Dabei wurde die Weiterleitung von www.wikipedia.de auf de.wikipedia.org abgeschaltet. Das eigentliche Projekt ist auch weiterhin unter de.wikipedia.org zu erreichen. Stattdessen gibt es nun auf wikipedia.de dieses hier zu lesen:

Liebe Freunde Freien Wissens,

durch eine vor dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg am 17. Januar 2006 erwirkte einstweilige Verfügung wurde dem Verein Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. untersagt, von dieser Domain auf die deutschsprachige Ausgabe der freien Enzyklopädie Wikipedia (wikipedia.org) weiterzuleiten.

Wir lassen derzeit durch unsere Rechtsanwälte alle möglichen Schritte prüfen, um Ihnen schnellstmöglich wieder einen unkomplizierten Zugang zur freien Enzyklopädie Wikipedia zu bieten. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir aus rechtlichen Gründen bis auf Weiteres keine weiteren Stellungnahmen in dieser Sache abgeben werden.

Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.
Berlin, 18. Januar 2006

Neben zahlreichen Verschwörungstheorien gibt es auch inhaltlicheres in zahlreichen Online-Medien wie SPON und tagesschau.de sowie in Weblogs über die wahren Hintergründe zu erfahren: Der Grund ist eine Unterlassungsklage, die einen bestimmten Artikel bzw. die dort auftretende vollständige Namensnennung des Hackers Tron verhindern soll. Weitere Hintergründe bei der deutschsprachigen Ausgabe de.wikipedia.org

So weit, so gut: Der Fall wurde und wird ja in der Netzlandschaft ausgiebig kommentiert werden. Was können wir aber aus Sicht der Google-Gesellschaft darüber lernen?

(1) Prinzipien des Netzes bleiben weiter unverstanden
Einmal ins Netz gestellte Inhalte lassen sich kaum durch richterliche Verfügungen aus dem Netz entfernen. Die Verfügung gegen Wikimedia Deutschland hat letztlich das Gegenteil erreicht: Den Namen ihres Sohnes haben die klagenden Eltern weit in die Google-Gesellschaft hinausgetragen. Als zu zitierendes Beispiel wird der Fall “Wikipedia gegen Tron” ähnliche Popularität erlangen wie der Jamba-Fall.

(2) Werte der Industriegesellschaft treffen auf Werte der Google-Gesellschaft
Deutsche Gerichte glauben immer noch, ein internationales soziales und technisches Gefüge mit nationalem Recht begegnen zu können. Es ist sehr geschickt von den Klägern bzw. dessen Anwalt, die Weiterleitung zu unterbinden. Denn Wikimedia Deutschland kann nicht gezwungen werden, den Beitrag zu entfernen oder ggf. den Namen “zu schwärzen”. Diese Daten liegen irgendwo auf irgendwelchen Servern und unterstehen einem Verein, der in den USA ansässig ist.

Für die Weiterleitung und damit die scheinbare “Verbeitung” in Deutschland glaubt das Gericht aber den Verein haftbar machen zu können. Da hat doch jemand das Internet nicht verstanden.

Bei Spiegel Online wird zu Recht angemerkt: Letztlich also könnte der Streit zu einem regelrechten Präzedenzfall für Wikipedia.de werden, der eine nicht unerhebliche Frage klären könnte: Was ist Wikipedia eigentlich - rein rechtlich? Hier wird deutlich, dass alte soziale Kategorien (wie Presse/keine Presse; Unternehmen/kein Unternehmen) nicht mehr reibungslos funktionieren. Die neue Welt ist eben nicht die alte.

(3) Das Netz hat keine Lobby
Auch wenn dieser Fall wahrscheinlich glimpflich für Wikimedia Deutschland und das gesamte Projekt verlaufen wird, kristalisiert sich doch heraus, dass Netzprojekte (auch wegen des fehlenden Verständnisses) zunehmend mit gerichtlichen Mitteln belangt werden. Hier schießen eben jene alten Werte mit Rechtsmitteln auf die unliebsamen Ausprägungen einer netzwerkmedialen Welt.
Nicht immer sind dabei die Rechtslagen so eindeutig und die Projekte so populär. Schon kleine Strafbescheide über 5.000 Euro können dann Projekte an das finanzielle und tatsächliche Ende bringen.

Dies wird die Netzgesellschaft nicht verhindern, aber in ihrer innovativen Kraft sicherlich behindern und verzögern. Nicht ohne Grund versuchen “alte” Industrien wie die Musik- und Filmbranche ihre Ansichten ins Netz zu pflastern.

Macht Netzluft frei?

Wednesday, January 11th, 2006

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit konnte Leibeigene in manchen Regionen die Freiheit erlangen, wenn Sie sich für ein Jahr und einen Tag in einer Stadt vor ihrem Grundherren verbergen konnten. Aus dieser Zeit stammt wohl der bis heute erhalten Ausspruch „Stadtluft macht frei!“ Gilt etwas ähnliches auch für das Netz? Können wir uns aus der (national-)staatlich reglementieren Sozialwelt in die Welt des Netzes flüchten und dort Freiheit zumindest von geistiger Leibeigenschaft finden?

Manche Nutzer, allen voran die selbstdeklarierten Netizens, hoffen dies. Und die nationalstaatlichen Kontrollinstanzen, wie Polizei und Gerichte und deren Normgeber, suchen ganz genau das zu verhindern. „Das Internet kann und darf kein rechtsfreier Raum sein“, lautet die These, die in diesem Zusammenhang von Politikern, Strafverfolgungsbehören und Gerichten regelmäßig zu hören ist. Nicht nur in autoritären Staaten, sondern gerade auch in traditionellen Demokratien. Folge ist regelmäßig der Versuch, die bisherigen nationalstaatlichen Regelungen – etwa im Bereich des Veröffentlichungsrechts und der ‚Äußerungsdelikte‘ – den neuen Medien ohne Rücksicht auf deren strukturelle Besonderheiten überzustülpen. Ob dies technisch-organisatorisch überhaupt funktionieren kann, ist unter Experten wie engagierten Nutzern seit langem umstritten.

Unumstritten ist hingegen zweierlei: Erstens eröffnen die Netzwerkmedien allen Nutzerinnen und Nutzern Kommunikationsmöglichkeiten, wie sie vorher undenkbar waren. Hinsichtlich der Frage nach dem – im deutschen Grundgesetzes etwa hoch geschätzten – Recht auf Meinungsfreiheit ist dabei insbesondere die Aufhebung der Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten medialer Produkte und der darin enthaltenen Informationen von Bedeutung. Heute kann sich jeder und jede mit eigenen Websites, Postings und Onlinekommentaren an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligen. Eine redaktionelle Kontrolle und die damit regelmäßig verbundene politische und ökonomische Zurichtung von Meinungen findet nicht statt. Eine Nebenwirkungen: Viele traditionelle Formen staatlicher Kontrolle laufen ins Leere. Schöne neue Welt, in der jeder sein eigener Nachrichtenkanal und sein eigener Konstrukteur medialer Wirklichkeit ist. In diesem Sinne macht Netzluft wirklich frei.

Zweitens hat aber auch hier die Freiheit ihren Preis: Es verwischen sich die Grenzen zwischen den Sphären öffentlich und privat (die konstitutiv für die Moderne waren), aus der Möglichkeit kann der (psychische) Zwang zur permanenten Kommunikation entstehen und in der Gier nach Beachtung macht mancher sich abhängig von neuen technischen Normen – etwa Googles Relevanz-Algorithmen. Am schwersten aber wiegt, dass wir uns selbst in mehrfachem Sinne zu gläsernen Nutzern machen. Seit Jahren ist bekannt, dass die Geheimdienste einflussreicher Nationalstaaten, namentlich der USA, permanent große Teile des weltweiten Datenaustausches überwachen. So werden im Rahmen des Programms Echelon von der NSA automatisch sämtliche Emails überwacht, die über internationale Knotenpunkte, Satellitenverbindungen und Kontinentalkabel verlaufen. Das Abhören richtet sich dabei sowohl gegen den Einzelnen wie gegen Unternehmen. Das Echelon-Programm hat nicht nur zu Debatten im EU-Parlament geführt, sondern auch zu Befürchtungen bei manchen westeuropäischen Unternehmen, es ginge hier eben auch um staatliche Wirtschaftsspionage in großem Stil geht. Zu politischen Konsequenzen geführt hat dies bislang nicht.

Ebenso schwerwiegend ist, dass die Teilnahme an der Netzwerkkommunikation permanent Nutzungsdaten erzeugt, die vonverschiedener Seite erfasst und weiterverarbeitet werden können. Solche Datenschatten werden bei weitem nicht nur statistisch, sondern inzwischen auch personen- bzw. unternehmensbezogen ausgewertet. Es entstehen Profile von Nutzern und Nutzerinnen, die eine Vielzahl von Daten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen verknüpfen. Inzwischen ist eine ganze Branche entstanden, die solche Daten systematisch sammelt und für beliebige – legitime wie illegitime – Zwecke weitergibt. Manche Unternehmen und viele Behörden verletzen dabei regelmäßig bestehende Datenschutzbestimmungen. Rechtverletzungen, die in Deutschland von den eigentlich zuständigen Kontrollinstanzen und vom politisch-administrativen System weitgehend ignoriert werden – auch deshalb, weil diese primär damit beschäftigt sind, weltweite Inhalte mit deutschen Moralstandards und Rechtsvorschriften abzugleichen bzw. mit selbstproduzierter Terrorfurcht weitere staatliche Kontroll- und Eingriffsrechte zu legitimieren (vgl. meinen Aufsatz zur Internetkriminatlität).

Die neuen Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheiten des Netzes haben also auch deutliche Schattenseiten. Mehr noch, unter dem Ansturm politischer und ökonomischer Begehrlichkeiten drohen die Gewinne an Freiheit in Verluste an Freiheit umzuschlagen – zumindest hinsichtlich der verfassungsmäßig garantierten Rechte auf freie ‚Rede‘ und informationelle Selbstbestimmung. Am irritierendsten dabei aber ist, dass diese Schattenseite der neuen Freiheit bei der großen Mehrheit der Nutzer und Nutzerinnen kaum auf Interesse stößt. Ob diese spezielle Art von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom seine primäre Ursache in der spezifischen Nutzungslogik des Mediums, in allgemeiner Gleichgültigkeit gegenüber Gefährdungen kollektiver Errungenschaften oder vielleicht auch in klammheimlicher Sehnsucht mancher nach einem fürsorglich-kontrollierenden Staatswesen hat, wäre noch zu untersuchen. Ganz unabhängig von dieser wissenschaftlich zu leistenden Ursachenforschung ist mit politischem Impetus zu mahnen: Auch Freiheit kann zum knappen Gut werden.

Wenn das Netz sich schneller dreht…

Tuesday, November 29th, 2005

…als man selbst!

Zum Jahresende wird es gerne etwas stressig: Projekte wollen abgeschlossen und Weihnachtseinkäufe getätigt sein. Nur Weblogs drängen sich wie ein permant unbeschriebenes Blatt in das schlechte Gewissen: Nach dem Posting ist vor dem Posting.

Und auch das Netz steht nicht still (auch wenn es sich eigentlich gar nicht bewegt - nur in sich höchstens). Anbei eine kleine Zusammenschau über die Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen spannend fand…

Politik Online
Politik Digital hat zu einer Diskussion zum Thema “E-Participation in Election Times - a suitable Tool for Voter Relationship Management”. Jan Schmidt war vor Ort und stellt in seinem Blog die Tools vor, die Tom Steinberg von mysociety.org “mitbrachte”: WriteToThem und Pledgebank. Auch heise online war dort:

“Das Internet taugt ganz schlecht zu Wahlkampfzwecken”, zugleich sei es aber “die einzige Hoffnung zur Rettung der Demokratie, die wir haben”. Auf diese widersprüchliche Formel brachte Tom Steinberg, einer der herausragenden Akteure der britischen e-Democracy-Debatte, auf einer Veranstaltung von Politik-Digital in Berlin den Stand der Erkenntnisse in Sachen Politik und Neue Medien. In Wahlkampfzeiten richteten die Parteimanager alle Anstrengungen darauf, die noch unentschlossenen Wähler zu mobilisieren und auf ihre Seite zu ziehen, “da sind die Massenmedien nicht zu schlagen”, meint der Brite. Denn das Web biete keine Möglichkeiten, die Unentschlossenen gezielt zu erreichen, und auch die Möglichkeiten des Blogging als Gegenöffentlichkeit würden maßlos überschätzt. “Meinung ist billig, Fakten sind teuer”, begründet Steinberg, warum die Weblog-Initiativen einzelner nur in Ausnahmefällen einen Einfluss auf die politischen Auseinandersetzungen ausüben könnten.

Weblogs
Selbiger Jan Schmidt wie oben zeichnet auch für die Sonderausgabe des Online-Journals kommunikation@gesellschaft mitverantwortlich. Thema der Ausgabe: “Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung”

Die europäische Google-Gesellschaft
Eurostat, die Erbsenzähler der EU, haben die Internetnutzung in Europa untersucht (PDF). Wie zu Erwarten war, gibt es eine Digitale Kluft, die vor allem durch Faktoren wie Alter, Stellung im Erwerbsleben und Bildungsniveau bedingt ist. Dies sind insgesamt alte Befunde, die z.B. auch der (N)ONLINER Atlas der Initiative D21 herausgreift. Schön dennoch mal die Unterschiede im europäischen Verleich zu sehen:

Die größte bildungsbedingte Kluft gibt es laut Eurostat in Portugal, wo zwar 84 Prozent der Personen mit hohem, aber nur 13 Prozent der Personen mit geringem Bildungstand das Internet nutzten. Lediglich in Schweden (70 Prozent), Dänemark (64 Prozent), Finnland (54 Prozent) und Deutschland (51 Prozent) habe mehr als die Hälfte der Personen mit geringerem Bildungsstand im ersten Quartal 2004 das Internet genutzt, während der Anteil der Personen mit höherer Bildung nur in Litauen (38 Prozent) und in Griechenland (48 Prozent) unter 50 Prozent gelegen habe. (heise)

In diesem Zusammenhang ein kurzer Hinweis auf den Wettbewerb “Wege ins Netz 2005″, den ich mit Kollegen für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (so hieß es da noch) durchgeführt habe. Der Wettbewerb zeichnet Projekte aus, die eben jene Digitale Kluft überwinden soll, die Studien immer wieder beschreiben.

Politik Online II
Keine Teilhabe ohne Bürgerengagement, meldet Politik Online.

“Kommunikationsexpertin Anna Paucher hat sich mit Informations-, Kommunikations- und Partizipationsleistungen der Bundesregierung im Netz befasst und Vorschläge fuer eine Erweiterung der partizipativen Elemente des Portals bundesregierung.de aufgestellt.”

Die Innovationskraft des Internets

Monday, November 21st, 2005

Warum das Internet so erfolgreich ist und was seinen weiteren Siegeszug gefährden könnte, fragte sich Barbara van Schewick in ihrer Dissertation “Architecture and Innovation: The Role of the End-to-End Arguments in the Original Internet”. Die Wissenschaftlerin im Fachgebiet Telekommunikationsnetze an der Technischen Universität Berlin sieht das Internet am Scheideweg stehen (gefunden via golem.de).

Das Internet sei mit Entwicklungen wie E-Mail oder der Internet-Telefonie ein Tummelplatz für Innovationen - noch, so van Schewick. Denn, so die Wissenschaftlerin laut Pressemeldung, der bisherige Garant des Fortschritts, die Offenheit der Übertragungsnetze, drohe ins Wanken zu geraten:

“Die Offenheit der Netze ist daher die Grundvoraussetzung, um weiterhin eine Vielfalt von Innovationen im Internet zu ermöglichen. Das Internet steht nun am Scheideweg. Wettbewerb alleine ist nicht die Lösung. Es geht darum, welche Architektur sich in Zukunft durchsetzen wird”

Betreut wurde die Dissertation von bekannten Wissenschaftlern wie Bernd Lutterbeck und Lawrence Lessig.

Dies erinnert mich an eine Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung im letzten Jahr zum Thema Open Innovation.

Innovation ist mit der modernen, fortschrittsorientierten Gesellschaft unauflösbar verbunden. Die Politik redet von ihr gerade dann immer, wenn es hakt mit dem Fortschreiten. Doch auch Innovationsmodelle fallen nicht vom Himmel und müssen dem Neuen, das nicht zuletzt durch die technische und mediale Entwicklung möglich geworden ist, Raum geben. Die Konferenz Open Innovation! lotete aus, welche Anregungen für eine zeitgemäße Innovationsoffensive aus dem Geist des Internet zu gewinnen sind, der wichtigsten Basisinnovation der vernetzten, digitalen Gesellschaft.

Hierzu sollte eigentlich längst auch ein Reader unter der Federführung von Stefan Krempl erscheinen…

Digitale Ungleichheit? Tagung am Bielefelder Kompetenzzentrum Informelle Bildung

Friday, November 18th, 2005

Alexandra Klein, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin des Beitrags über Online-Beratung für Jugendliche in der Google-Gesellschaft, bereitet sich derzeit gerade auf die Fachtagung „Grenzenlose Cyberwelt? Digitale Ungleichheit und neue Bildungszugänge für Jugendliche“ vor, die vom 9. bis 11. Februar in Bielefeld stattfinden wird.

„Das Internet gilt heute als zentrale Wissens- und Informationsressource. Damit verbunden ist zunehmend die Vorstellung, dass sich jeder über dieses Medium entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse bedienen kann und soll. Doch ganz so einfach stellt sich dieser Anspruch in der Praxis nicht dar. Es zeigt sich, dass der soziale Hintergrund eine entscheidende Rolle bei der Nutzung des Internet spielt“, heißt es in der Tagungseinladung.

In Bielefeld werden zahlreiche Expertinnen und Experten aus Deutschland, den USA, der Schweiz, Großbritannien, Israel, den Niederlanden und Australien nach dem demokratischen Potenzial des virtuellen Raums fragen und über die Bedeutung der Zugangsmöglichkeiten von Jugendlichen zum Internet sowie die innergesellschaftlichen wie die interkulturellen Ungleichheiten bei der Netznutzung diskutieren.

Die Teilnahme an der Tagung ist noch möglich – nähere Informationen dazu gibt’s auf der Tagungsseite des Kompetenzzentrums Informelle Bildung der Universität Bielefeld.

WSIS läuft

Thursday, November 17th, 2005

Der UN-Gipfel zur Informationsgesellschaft in Tunis hat mehr schlecht als recht begonnen. Repressalien vor Ort gegen Pressevertreter und Aktivisten der Zivilgesellschaft sind mehr als nur an der Tagesordnung.

Vor Ort sind zahlreiche deutsche Netzaktivisten - u.a. Markus Beckedahl, der sehr ausführlich bei netzpolitik.org aus Tunesien berichtet. Deswegen schaut dort in die spannenden Berichte und hört in die Podcasts/Interviews rein. Mehr gibt es nicht zu sagen, oder?

Nun doch, Markus hat es schon beklagt, dass neben dem ICANN-Streit kaum noch ein anderes Thema in der Öffentlichkeit und auf dem Kongress stattfindet. Alexander Svensson von Wortfeld hat sich einmal darüber ausgelassen, was es von diesem Thema hält: Netzmythen in den Medien

Die aktuelle Berichterstattung über WSIS und ICANN ist bislang für weite Teile des deutschen Journalismus kein Ruhmesblatt. “Och, da bleibt ja in Sachen ICANN fast alles beim alten”, tönt es überall. Glückwunsch: In Tunis ging es nur um die Frage, ob alles beim alten bleibt, weil der Kompromiss so lautet oder weil kein Kompromiss gefunden wird. Den Entscheidungskampf um die Internet-Weltherrschaft gibt es nur in den Köpfen von Journalisten — auch die EU zählt zu ICANNs Eltern und will an der Organisation festhalten.