Archive for the 'Politik & E-Rights' Category

AOL: Windbeutel gegen rechts

Wednesday, November 9th, 2005

Mit einer aufgebauschten Aktion schmückt sich AOL dieser Tage: In Kooperation mit dem Jüdischen Museum Berlin (JMB) registriert die AOL Suche, die auf Google-Ergebnisse zurückgreift, bestimmte Begrifflichkeiten und setzt ihnen eine Linkliste des JMB vor. Rund 100 Begriffe aus dem Umfeld des Antisemitismus wie Rassismus, Synagoge und Reichskristallnacht führen so u.a. zu Seiten, die das JMB für besonders informativ zu diesem Thema erachtet.

AOL Deutschland verändert seine Suchfunktionen deshalb so, dass ein Aufklärungsverweis des Jüdischen Museums Berlin angezeigt wird, sobald einer der über 100 ausgewählten Suchbegriffe eingegeben wird. Diese wurden zuvor vom Jüdischen Museum Berlin bestimmt und an AOL übermittelt.

Eine nette, neue Form des Social Sponsoring - mehr aber auch nicht - wäre da nicht die Pressemeldung aus dem Hause AOL: Da ist von einem gemeinsamen Zeichen gegen Rechtsextremismus die Rede und davon, die Medienkompetenz zu fördern. Alles ehrbare Ziele, haben nur gar nichts mit dieser Aktion zu tun. Stattdessen finden wir inszeniertes Handeln vor, dass von den eigentlichen Auseinandersetzungen rund um Medienkompetenz, informationelle Autonomie oder Jugendschutz ablenkt.

Der kritische Punkt ist aber auch dieser: AOL Deutschland verändert seine Suchfunktionen, heißt es in der Pressemeldung. Sicher: Gegen Rassimus sind wir alle, entsprechend unkritisch dürfte das Engagement aufgenommen werden.

Aber bei welchen Begriffen ist so eine Form des Indoktrinierens Besserwisser-Informierens eigentlich wünschenswert? Und wo beginnt es schwierig zu werden?

Ich plädiere daür, für “Atomkraft” auf Greenpeace zu verlinken, bei den Begriffen Metro und Otto Schily auf die Seiten des Big Brother Awards zu verlinken. Und beim Suchbegriff “Bundesregierung” die Seite von Indymedia vorzuschalten.

Und wenn die guten Suchmaschinenanbieter mal eben fünf Links und drei Sponsored-Links vor die eigentlichen Suchergebnisse schalten, dann stoßen die meisten Sucher gar nicht zu den “echten” Ergebnissen vor. Verdrängung durch Informationsflut?

P.S.: Dieser Beitrag ist natürlich meine ganz private Meinung und steht in keinem Zusammenhang mit meiner beruflichen Tätigkeit.

Die Technik von morgen

Friday, November 4th, 2005

Wie möchten wir morgen leben? Diese Frage, die mich ja auch hier, hier und hier schon umtrieb, beschäftigt nun auch die Humboldt-Universität. Im Auftrag des Bundes(noch)forschungsministierums befragt sie via Zeit Online alle diejenigen, die es möchten, zu möglichen Zukunftsszenarien.

Im Interview mit der ZEIT erläutert die leitende Wissenschaftlerin der Untersuchung, Sarah Spiekermann, die Ziele und Hintergründe der Umfrage.

Wir möchten herausfinden, wie die Menschen bestimmte Zukunftsszenarien beurteilen. Was empfinden sie bei der Vorstellung, diese oder jene Dienste zu nutzen, und würden sie diese kaufen und gern in Anspruch nehmen? Darüber hinaus möchten wir Einsichten gewinnen, wie die Technik aus Nutzersicht gebaut werden müsste, damit sie menschenfreundlich ist. Und schließlich wollen wir auch noch etwas besser verstehen, wie heute der Datenschutz in Deutschland gesehen wird, denn dieser ist essenziell für die Gestaltungsmöglichkeiten.

Spiekermann wirft dabei auch Fragen der informationellen Selbstbestimmung auf und thematisiert den Technologiepaternalismus. Was passiert, wenn Technik zu viel Kontrolle auf den Menschen ausübt?

Ähnlich wie ein Vater/Pater immer zu wissen meint, was das Beste für seine Kinder ist. Diese Verluste von Kontrollrechten im Namen eines angeblich höheren Besseren machen den Technologiepaternalismus aus. Die UbiComp-Technologie birgt das Potenzial, solche Beschränkungen an vielen Fronten einzuführen.

Die Untersuchung findet im Rahmen des Projektes Taucis statt. Im Zentrum des Projektes steht vor allem das Thema RFID.

Entscheidend für die Informationelle Selbstbestimmung des Individuums wird die Kontrolle über die von RFID- und Sensorsystemen erfassten Daten und ihre Sicherheit. Welche technischen Lösungsmöglichkeiten deuten sich an, und wo finden sie ihre Grenzen?

Für die Jugend (2)

Thursday, November 3rd, 2005

Telepolis legt noch einmal nach mit einem Beitrag zur Jugendschutz-Debatte auf den Münchener Medientage.

Familienmenü mit Fleischbeilage arbeitet die eigentlichen Übeltäter aus Sicht der Jugendschützer heraus.

Nicht die Pornoseiten sind die Kinderverderber, sondern die Startseiten der Provider

Blackbox Suchmaschine (VII)

Wednesday, November 2nd, 2005

Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. beschäftigt sich mit der Entwicklung von Suchmaschinen und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen im Netz. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft”.

Wie können Alternativen zu Wissensmonopolen aussehen?
Alternativen müssen möglichst unabhängig und frei, und allein durch ihre Organisation und Struktur prinzipiell kaum monopolisierbar sein. Dazu sehe ich drei Möglichkeiten:

1. Die öffentlich-rechtliche Suchmaschine: Unabhängigkeit könnte einerseits der Staat durch eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine etablieren, genauso wie er das seit langen Jahren in den konventionellen Medien tut – es ist eigentlich nahe liegend, dies für die Neuen Medien zu übernehmen. Wesentlich ist dabei jedoch, dass dann nicht »der Staat selbst« wiederum Monopolist wird – also müsste die Unabhängigkeit einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine durch Gremien und Beiräte abgesichert werden, was etliche Folgeprobleme aufwirft.

2. Peer-to-Peer: Auf der anderen Seite eines Spektrums möglicher Alternativen steht das genaue Gegenteil: ein unstrukturiertes Gebilde aus lose kooperierenden kleinen Suchmaschinen, die sich zu einem großen Datenraum zusammenschließen. Technisch kann so eine Lösung durch eine Peer-to-Peer (P2P)-Software realisiert werden; hierzu gibt es auch bereits einen funktionierenden Ansatz, das YACY-Projekt von Michael Christen.

Der Vorteil einer solchen unstrukturiert verteilten Suchmaschinen-Infrastruktur ist seine inhärente Nicht-Monopolisierbarkeit: Niemand kann ein solches Gebilde in seiner Gesamtheit kontrollieren. Der Nachteil ist, dass diese strukturell in ihren Wegen nicht vorab definierten Datenflüsse nicht unbedingt effektiv, also meist zeitaufwändig sind – der Nutzer muss länger auf das Ergebnis warten. Die von Google gewohnten Antwortzeiten unter einer Sekunde sind illusorisch.

3. Kombinationen aus beiden Ansätzen. Sie stehen zwischen den beiden genannten Enden des Spektrums. Am sinnvollsten erscheint mir, ein Verbund aus Hunderten von kleinen Suchmaschinen (Mini-Suchern) teilt den zu erfassenden Datenraum unter sich auf; diese Absprache kann in der Anfangsphase tatsächlich durch verbale Kommunikation geschehen, sollte später aber automatisiert zwischen den beteiligten Rechnern ablaufen. Betreiber solcher Mini-Sucher können nun einerseits Privatpersonen oder Vereine sein, andererseits aber Organisationen des »öffentlich-rechtlichen Raumes«, wie Bibliotheken und Universitäten.

Letztere bieten Verlässlichkeit staatlicher Institutionen, sind aber in Grenzen durchaus unabhängig. Private Betreiber können ihrerseits auch Peer-to-Peer-Datenquellen einspeisen und so die weitere Unabhängigkeit sichern. Um diesen Verbund für den Nutzer zusammenzuführen, und einen einfachen Einstieg zu ermöglichen, können Meta-Sucher als zentrale Einstiegspunkte dienen. Dreh- und Angelpunkt ist die Organisation und das kooperative Zusammenwirken aller Teilnehmer: Jeder kann mitmachen, muss sich aber in Schnittstellen einpassen und kann bei Missbrauch ausgeschlossen werden.

Was ist das Besondere an dem Projekt Nutch?
Nutch ist eines von mehreren Projekten, die freie Suchmaschinensoftware auf Open-Source-Basis entwickeln – neben »Mngosearch« und »Aspseek«, die für bis zu ein paar Millionen Webseiten geeignet sind. In den USA wurde im Umfeld von www.archive.org »Heritrix« entwickelt, mit bereits deutlich höheren Ambitionen. Allein Nutch aber hat das hohe Ziel, eine Alternative zu Google zu werden und viele Milliarden Webseiten zu erfassen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich halte es für unrealistisch, diesen Weg gradlinig verwirklichen zu können: Allein die zu bewegenden Datenströme verlangen immense Ressourcen. Aber Nutch könnte in einem »Konzert von vielen die erste Geige spielen«.

Wo sehen Sie die digitale Informationskultur im Jahre 2010?
Wenn ich einen pessimistischen Tag habe, dann sehe ich das, was an Informationskultur noch übrig bleibt, in der Hand von ein oder zwei globalen Konzernen, die damit unser Denken und unser Weltbild beliebig formen können. Meist aber sehe ich die Welt optimistisch und als eine kooperative Wissensinfrastruktur, an der jeder teilnehmen kann – als Konsument, Lieferant und Mitgestalter. Aber Optimismus allein genügt nicht, um Visionen zu realisieren. Daher habe ich im Juli 2004 den »Gemeinnützigen Verein zur Förderung der Suchmaschinentechnologie und des freien Wissenszugangs« initiiert, kurz SuMa-eV .

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Ein Interview mit Marcel Machill ist hier zu lesen: IV, V. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.

Diese Schweizer…

Tuesday, November 1st, 2005

Die Eidgenossen haben die Nase in Sachen elektronischer Demokratie vorn: In Bülach, der Stadt ohne Hindernisse (so die Stadtwerbung), konnten die Bürger am Wochenende erstmals eine Wahl per SMS oder Internet entscheiden. Natürlich war auch der klassische Gang zur Urne noch möglich.

11 Prozent nutzten dabei das Handy, rund 25 Prozent wählten online. Das sind erstaulich fortschrittliche Zahlen. Die Schweizer eben…

Weniger fortschrittlich: Die zur Wahl stehende flächendeckende Einführung von Tempo-30-Zonen in Bülach wurde abgelehnt.

Gefunden bei heise, nachzulesen bei der NZZ.

Zukunft voraus! (3)

Sunday, October 30th, 2005

Die Datenschutzbeauftragen des Bundes und der Länder haben auf ihrem 70. Kongress, der am Freitag zu Ende ging, sieben Forderungen für eine moderne Informationsgesellschaft Entschließungen benannt. Dabei kommen sie zu dem Schluss:

“Der Weg in eine freiheitliche und demokratische Informationsgesellschaft unter Einsatz modernster Technologie zwingt alle Beteiligten, ein verstärktes Augenmerk auf den Schutz des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung zu legen. Ohne wirksameren Datenschutz werden die Fortschritte vor allem in der Informations- und der Biotechnik nicht die für Wirtschaft und Verwaltung notwendige gesellschaftliche Akzeptanz finden.”

Ich glaube, das hatte ich ja schon hier angedeutet, dass das Problem nicht in der mangelnden Akzeptanz neuer Technologien liegen wird. Dies scheint mir mehr eine schwache Drohgebärde gegenüber den Forderungen der Politik und Wirtschaft zu sein. Vielmehr interessieren sich heutige Nutzer meistens kein Stück für Datenschutz. Wenn man bedenkt, dass die Payback-Teilnehmer für unter ein Prozent ihres Einkaufsvolumens ihre kompletten Daten preisgeben, wird deutlich, dass es nur weniger Anreize bedarf, damit diese die Hosen runterlassen. Jochen Wegner hat dies ja auf den Medientagen auch vertreten: Wenn denn nur mehr Bquemlichkeit geboten wird, lassen die Nutzer vieles, wenn nicht alles mit sich machen.

Was bleibt, sind Datenschutzbeauftragten als Prediger ohne Gemeinde.

Hier die sieben Forderungen der obersten Datenschützer des Landes, die teilweise auf unterschiedlichen Ebenen argumentieren und unterschiedlich konkrete Probleme aufgreifen:

  1. Eine moderne Informationsgesellschaft braucht mehr Datenschutz
  2. Keine Vorratsdatenspeicherung in der Telekommunikation
  3. Gravierende Datenschutzmängel beim Arbeitslosengeld II endlich beseitigen
  4. Telefonbefragungen von Leistungsbeziehern von Arbeitslosengeld II datenschutzgerecht gestalten
  5. Datenschutzgerechtes Telefonieren mit Internettechnologie (Voice over IP)
  6. Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung bei verdeckten Datenerhebungen der Sicherheitsbehörden
  7. Unabhängige Datenschutzkontrolle in Deutschland gewährleisten

Gefunden bei heise.

Wo selbst der Mullah postet

Saturday, October 29th, 2005

Auf Telepolis ist der 2. Teil des Beitrags über Weblogs im Iran erschienen: Wo selbst der Mullah postet. Im Fokus stehen iranische Frauen im Netz und die “kulturelle Invasion” des Westens.

Irans Frauen sind von der politischen Macht weitgehend ausgeschlossen und im Alltag unter Kopftuch oder Tschador verborgen. Umso offener und selbstbewusster präsentieren sich die Webloggerinnen und legen erstmal virtuell den Schleier ab. Neben allerlei eigenwilligen Verteidigungen des Schleierzwangs (”Schleier gilt als Zeichen des Widerstands gegen westliche Werte” oder als Möglichkeit, “sich freier zu bewegen”) ist in einem [extern] Blog zu lesen, dass wenn die Frauen den Tschador nicht mehr trügen, “diese koreanischen Fabriken, die jährlich Millionen von Metern schwarzen Stoff in den Iran exportieren (und sonst nirgendwo hin) werden Bankrott anmelden müssen.”

Jugendschutz als Kampagne

Friday, October 28th, 2005

Erik Möller, Autor des Buches “Die heimliche Medienrevolution“, antwortet in einer ausführlichen Replik auf die Besprechung seines Buches bei politk-digital. Er geht dabei auch auf die Frage ein, wie es um Pornographie und Jugendschutz im Internet bestellt ist.

Da diese Themen öfters bei Diskussionen um die Regulierung von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen zweckentfremdet herangezogen werden, möchte ich die Passage zu Pornographie im Internet hier wiedergeben (und sie damit in mein persönliches Wissensmanagement einpflegen).

Auf die Bemerkung der Rezensentin bei politik-digital: “Probleme wie Pornographie und Waffenhandel im Internet werden nur am Rande gestreift”, antwortet Möller - durchaus streitbar - folgendes:

Dann streife ich sie jetzt einmal etwas ausführlicher. Zunächst einmal ist Pornographie für Erwachsene legal. Man kann sie mögen oder nicht, aber unsere moderne Gesellschaft akzeptiert sie schon seit langem. Das gilt sogar in den prüden USA, wo die Zugangsbeschrän-kungen lockerer gehandhabt werden als in Deutschland.

Was die Wirkung von Pornographie auf Kinder und Jugendliche angeht, so habe ich mich bereits in der Vergangenheit intensiv mit der Thematik befasst, unter anderem in Vorträgen vor der Humanistischen Union in Mainz und dem Kongress der European Federation of Sociology in Berlin. Dabei referierte ich auf der Basis einer von mir durchgeführten Analyse die Ergebnisse der Medienwirkungsforschung der vergangenen 30 Jahre. Die Zusammenfassungen können auf meiner Homepage nachgelesen werden (scireview.de/efs/, scireview.de/vortrag/).

Um es kurz zu machen - die Beweislage, dass ein Kind oder ein Jugendlicher durch das Betrachten eines (gewaltfreien) Sexualakts irgendeinen Schaden nimmt, ist mit Verlaub gesagt äußerst dürftig. Insofern weigere ich mich, mir die Problematisierung der Pornographie als Ganzes zu eigen zu machen. Wenn die Autorin an Kinderpornographie dachte und “Pornographie” schrieb (ein häufiger Fehler), ist die Sachlage natürlich anders.

Aber auch hier pflege ich eine differenzierte und kritische Ansicht, die sich z.B. in meinen Artikeln “Computer sind Waffen” und “Kinder sind Pornos” niederschlug, in denen ich über eine Tagung der damals noch “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften” genannten Institution berichtete (Link 1; Link 2).

Zunächst einmal wird das Thema massiv seitens der Politik instrumentalisiert, um Zensur und Kontrollen, gerade im Internet, durchzusetzen. Da es sich um ein Tabuthema handelt, ist es ideal dazu geeignet. Und das Beste: Man kann danach sagen, die Bürger hätten es ja so gewollt — schließlich haben die Medien zuvor durch eine oftmals hysterische und sachlich falsche Berichterstattung für Stimmung gesorgt.

Natürlich ist die sexuelle Misshandlung von Kindern ein grauenvolles Delikt. Das gleiche gilt übrigens für die nichtsexuelle Misshandlung von Kindern, die bis auf wenige Ausnahmefälle weit geringere Aufmerksamkeit erfährt. Weder kriminologische Untersuchungen noch therapeutische Erfahrungen bestätigen jedoch das Vorurteil, die Situation habe sich durch das Internet signifikant verschlimmert. Was sich zweifellos erhöht hat, ist die Verbreitung kinderpornographischer Inhalte. Das hängt aber auch nicht allein mit dem Internet zusammen, sondern insgesamt mit dem technologischen Fortschritt, etwa der Möglichkeit, Tausende von Bildern auf eine DVD zu brennen.

Die These, die Verbreitung von Kinderpornographie führe zwangsläufig zu höheren Inzidenzraten sexueller Delikte, ist bislang ohne Beleg. Man könnte sogar umgekehrt spekulieren, dass die große Verfügbarkeit von kinderpornographischem Material im Gegenteil die Nachfrage nach neuem Material senkt, da die pädophilen Konsumenten nicht wie zuvor direkt mit Produzenten in Kontakt treten müssen, sondern sich z.B. in Peer-to-Peer-Netzen Fotos und Videos herunterladen. Eine Analogie zu anderen Inhalten wäre geschmacklos, aber nicht falsch. Die Probleme mit der “Anfix-Hypothese”, Konsumenten von Kinderpornographie steigerten sich zu immer härteren Materialien, habe ich im Übrigen in den o.g. Artikeln diskutiert.

Schließlich bin ich der Meinung, dass man auch darüber reden können muss, was Kinderpornographie eigentlich ist: Nacktfotos von 13jährigen? Gewalttätige sexuelle Misshandlungen von kleinen Kindern? Virtuelle 3D-Bilder oder Photoshop-Ergebnisse, bei deren Produktion kein Kind zu Schaden kam? Leider werden diese völlig verschiedenen Arten kinderpornographischer Inhalte oft in der Presse gleichgestellt. Wenn man realisiert, dass Pädophile auch eigene Fantasien einfach als Geschichten niederschreiben, oder sich im Katalog Babyfotos ausschneiden können, wird klar, wie absurd diese Vermischung ist.

Natürlich ist es abartig, wenn Erwachsene kleine Kinder sexuell begehren oder gar Gewaltfantasien hegen. Es muss aber doch immer an allererster Stelle die Frage stehen: Wie können Kinder am besten vor sexueller Misshandlung geschützt werden? Ich glaube nicht, dass Medien oder Politik ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach besteht die Antwort nicht in einer verschärften Zensur des Internet.

Wir müssen verstehen, warum Pädophile pädophil sind, und wie sie durch Therapie von der Misshandlung von Kindern abgehalten werden können. Dass die dafür notwendige Versachlichung des Themas nicht stattfindet ist wiederum primär das Verschulden der Medien. Statt dessen fördern sie eine “Schwanz-ab”-Mentalität, die dann wiederum von der Politik mit entsprechenden Gesetzentwürfen nach Schily-Manier beantwortet werden kann.

Weblogs im Iran

Friday, October 28th, 2005

Auf den Münchener Medientagen wurde, wie bereits erwähnt, auch über Weblogs diskutiert (was wären das sonst für Medientage ;-) ).

Die Diskussion hat dann nicht nur mich, sondern auch Julien Pain von Reporter ohne Grenzen irritiert. Vor allem die Diskussion, ob Weblogs nun Journalismus seien oder nicht, hielt er für typisch deutsch bzw. europäisch. Er empfahl, einmal in den Iran zu schauen und die vielen Weblogs dort zu lesen. Die seien nämlich oft als journalistische Arbeit zu bewerten.

Auf Telepolis gibt es dazu passend einen aktuellen Beitrag: “Ich möchte kotzen, zerspringen, explodieren”

Der NITLE Blog Census von 2004 zählte mehr als 64000 Weblogs in Farsi, der Muttersprache der meisten Iraner. Damit liegt das Land, was die Anzahl der Blogger angeht, deutlich vor Deutschland, Italien und Russland. Das Internet “ist seit 2000 in keinem anderen Land des Nahen Ostens schneller gewachsen als im Iran”, heißt es ergänzend in einem Bericht von “Reporter ohne Grenzen”. Woran liegt das? Fünf Gründe nennt Nasrin Alavi in ihrem teilweise auf Englisch im Netz schon länger kursierenden und nun auf Deutsch erschienenen Buch “Wir sind der Ir@n. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene”

Das digitale Erbe

Tuesday, October 25th, 2005

Vor rund einem Jahr brannte in Weimar das Weltkulturerbe Anna-Amalia-Bibliothek aus. Das Feuer machte Anfang September 2004 deutlich, wie vergänglich Wissensbestände sein können.

Gedruckte Werke können aber noch als recht robust gegenüber den Zeichen der Zeit gelten. Digitalen Daten dagegen sind nämlich alles andere als pflegeleicht zu archivieren. In der aktuellen Ausgabe der c’t beschäftigt sich Jürgen Rink mit der Frage, wie digitale Inhalte erhalten werden können: Digitales für die Ewigkeit. Die unterschiedlichen Datenformate, aber auch die schiere Menge an Material stellen Archive und Bibliotheken vor ziemlichen Herausforderungen.

Digitale Inhalte verlangen nach ständiger Pflege: Datenträger fehlen nach wenigen Jahrzehnten die Lesegeräte, Formate und Plattformen ändern sich, der Zugang zu digitalen Dokumenten ist wegen Rechtefragen ungleich komplizierter. Außerdem wächst die Datenfülle rasant - welche digitalen Dokumente und welche Teile des Web sollen für die Nachwelt aufgehoben werden?

Das Thema ist auch Gegenstand internationaler Politik seit dem die UNESCO es 2003 das erste Mal breit diskutierte und das Programm Digitales Erbe aus der Taufe hob. Und gleich eine Charta verabschiedete: Charta zum Erhalt des Digitalen Kulturerbes 2003.

Das digitale Erbe der Welt ist in Gefahr, für die Nachwelt verloren zu gehen. (…) Die Veränderungen in der professionellen und politischen Haltung haben nicht mit den technologischen Veränderungen Schritt gehalten. Die digitale Evolution war zu schnell und zu kostspielig, als dass Regierungen und Institutionen rechtzeitig intelligente Erhaltungsstrategien hätten entwickeln können. Die Bedrohung für das ökonomische, soziale, intellektuelle und kulturelle Potenzial des Erbes – die Bausteine der Zukunft - ist daher nicht in vollem Umfang erkannt worden.

Zahlreiche Initiativen und Programme existieren mittlerweile, um Strategien für die Langzeitarchivierung zu entwicklen oder konkrete Archivierungen vorzunehmen. In Deutschland koordiniert vor allem das Kompetenznetzwerk Nestor die Bemühungen. Unter www.langzeitarchivierung.de findet sich ein reiches Angebot an Informationen zu konkreten Initiativen.

Wohin geht die Reise? Rink meint:

Viel Geld wird auch die Digitalisierung von Papierbeständen verschlingen. Bevor Unternehmen wie Google und Yahoo, die in den USA Millionen von Büchern scannen wollen, auch in Europa den finanzschwachen Bibliotheken unter die Arme greifen können, sind wohl noch viele Diskussionen notwendig. Public-Private-Partnerships sind Neuland für das europäische Bibliothekswesen, aber eine Alternative dazu ist zurzeit nicht in Sicht.

P.S.: Gestern feierte die Bibliothek ihr Richtfest, der Aufbau geht zügig voran.