Archive for the 'Suchmaschinen' Category

Von China Lernen

Saturday, April 22nd, 2006

Die aktuellen Diskussionen um Googles China-Politik zeigen, welche Rolle Suchmaschinenanbieter für die staatliche Informationskontrolle spielen, namentlich wenn sie ein defacto-Monopol haben, wie heute Google.

Vorweg: Die politisch-moralische Aufregung über Googles Verhalten ist verständlich. „Wir haben ganz einfach keine Wahl“, hat der Google-Chef Eric Schmidt nach einer Meldung der “Welt” unlängst die China-Politik seines Unternehmens legitimiert. Dem kann ethisch leicht begegnet werden: Menschen haben immer eine Wahl. Unternehmen auch. Google ist nicht gezwungen, Märkte um jeden Preis zu erobern. Hinzuzufügen ist allerdings auch, dass andere Portal- und Suchmaschinenbetreiber sich genauso verhalten: „Ungesunde Inhalte“ würde man in Zukunft blockieren, heißt es in einer Erklärung, die 14 Unternehmen kürzlich in China abgegeben haben. Und weiter: „Wir sind eine ernstzunehmende Opposition gegen Online-Inhalte, die die öffentliche Moral, die Kultur und die Traditionen der Menschen in China untergraben“. Besser hätte auch George Orwell die Zurichtung der Wirklichkeit durch Sprachpolitik („Neusprech“) nicht beschreiben können. Die Unternehmen kapitulieren nicht nur vor der Diktatur – sie machen sich auch noch deren Sprache und Wirklichkeitskonstruktion zu Eigen. (more…)

Googles Herausforderung

Tuesday, March 28th, 2006
Googles HerausforderungRund ein Jahr, nachdem das französische Original erschienen ist, kam dieser Tage mit “Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek” die deutsche Übersetzung Jean-Noel Jeanneneys Streitschrift heraus. Mit einer Buchpräsentation in der französischen Botschaft in Berlin stellte der Präsident der französischen Nationalbibliothek seine Sicht vom Kampf der Digitalisierung von Büchern dar. Eine kurze Zusammenfassung der Buchvorstellung findet sich bei Face2Net.
Bei Googles Herausforderung geht es um die zentrale Frage, wie wir zukünftig unser kulturelles Gedächtnis definieren; wie wir es aufbereiten, speichern und zugänglich machen wollen. Mit Googles Ankündigung, 15 Millionen Bücher einschannen zu wollen, bekam die erlahmte Diskussion um die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen in Europa neue Fahrt. Mit Google Book Search gibt es ein konkretes Angebot, Bücher digital zu durchsuchen.

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Der kleine Unterschied - ist weg

Tuesday, February 14th, 2006

tiananmen, tianamen oder Tiananmen (Platz des Himmlischen Friedens) - das ist war hier die Frage.

Rund um den Start des chinesischen Google-Ablegers gab und gibt es viele Diskussionen zum Buckeln der Mountain Viewer vor dem schnöden Mammon der chinesischen Regierung und ihrer Bereitstellung gefilterter, staatskonformer Ergebnisse. Während unterschiedliche Schreibweisen (groß/klein z.b.) in der letzten Woche noch unterschiedliche Ergebnisse brachten, sind diese nun harmonisiert, wie man im Politikdeutsch sagen würde.

Peter Schlegel hat es in seinem Kommentar zum entsprechenden Beitrag auf Netzpolitk.org vorhergesehen:

Die hier oefters geaeusserte Freude darueber, dass Googles Filter (und die von anderen Anbietern ja auch) noch nicht “zufriedenstellend” funktionieren, ist schon ein bisschen naiv…das wird sich aendern. Deshalb sind solche Filter generell zu aechten.

Rund 400 Treffer sind bei Google.cn’s Bildersuche zum Stichwort tiananmen zu finden. Im US-amerikanischen Angebot von Google sind es rund 22.000 Bilder und Grafiken.

Die Initiative OpenNet, die Filter und Zensur im Netz anpragert, veranschaulicht die Ergebnisse der schizophrenen Google-Philosophie: Unter http://opennet.net/google_china/lassen sich die chinesische und die amerikanische Google-Datenbank vergleichend durchforsten. Hier die Beispiele für den Begriff Tibet. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Dont’t be evil
Google zieht damit mit der Konkurrenz MSN und Yahoo! gleich. Bisher waren Suchergebnisse von us-amerikanischen Google-Servern zwar ebenfalls eingeschränkt, aber deutlich weniger umfangreich. Der Wechsel erfolgt nun wegen der Performance-Probleme. Chinesische Nutzer können nun wesentlich schneller nichts finden.

Google rechtfertigt sein Verhalten damit, dass es besser sei, den chinesischen Nutzern nur Teile von Informationen zur Verfügung zu stellen als gar keine. Welchen Teil diese aber bekommen und welchen nicht, bleibt für die Nutzer im Unklaren. Zudem argumentiert Google immer wieder damit, dass das Unternehmen nationale Gesetzgebung zu befolgen habe.

Wie weit diese Logik gehen kann, blieb auch auf der Buchpräsentation der Google-Gesellschaft offen: Google-Pressesprecher Stefan Keuchel wurde auf dem Podium gefragt, inwieweit das Unternehmen mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hätte. Auch wenn dies damals mit einem Raunen des Publikums beantwortet wurde, legt die Frage doch den Finger in die Wunde: Wie universell sind Menschenrechte?

Googles Argument, lediglich ein Technologieunternehmen zu sein und nicht politisch zu handeln, trägt offensichtlich nicht. Technik ist aber nie unpolitisch - und auch nicht per se gut. Zum Revoltionspotenzial des Internets schrieb das Handelsblatt im September 2005:

Zwar wird das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung im Internet theoretisch realisiert. Jeder kann sich in Blogs und Chaträumen allen anderen Interessierten mitteilen. Doch allein durch sein Vorhandensein, das zeigt sich derzeit in China, löst das World Wide Web keine Demokratisierungsprozesse aus. Es ist ein neutrales Medium, das demokratische Werte und Normen zwar transportieren, aber bei entsprechendem Handeln der Akteure auch in genau die andere Richtung wirken kann.

Um Politik dürfte es Google aber in der Tat nicht gehen, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg. Immerhin hängt Google auf dem so genannten Zukunftsmarkt China deutlich hinter dem lokalen Favoriten Baidu hinter her, wie heise online zu berichten weiß.

Dagegen mag die Debatte um die Herausgabe aggregierte Daten an die US-Regierung wie ein PR-Gag wirken. Denn hierbei sind weit aus weniger sensible Daten angefragt worden, als sie in der Regel von allen Suchmaschinenbetreibern und Internet-Service-Providern bei Ermittlungsfällen längst tagtäglich an die Behörden weitergegeben werden. Der Kern ist ein anderer: Sowohl bei Google China und den Daten in den USA geht es um das Geschäft. Googles Kapital sind die nämlich eben diese aggregierten Daten über das Nutzungsverhalten von Milliarden Menschen weltweit. Dass sie diese nicht rausrücken wollen, hängt sicherlich nicht mit dem schrägen Datenschutzverständnis der Mountain Viewer zusammen.

Technik beschränkt, Technik beflügelt
Peter Schlegel ergänzt zu Googles Filterungen bei netzpolitik.org:

Der einzig gangbare Weg scheint sich in den USA anzubahnen, naemlich den Suchmaschinenbetreibern den Einsatz von Filtertechniken / Zensur zu verbieten. Dieses Verbot ist auch auf Tochtergesellschaften im Ausland auszudehnen. Vergleichbare Gesetze existieren z.B. beim Handel mit Kriegsmaterial, der nicht einfach ueber Tochtergesellschaften in im Ausland abgewickelt werden kann, wenn es dem Mutterhaus nicht erlaubt ist, direkt zu liefern.

Durch ein solches Verbot waeren auch Google und Yahoo fein raus und koennten sich nicht mehr durch repressive Regimes erpressen lassen.

Dass China einfach auf den Gebrauch von Suchmaschinen “verzichten” wuerde, ist kaum anzunehmen. Auch die chin. Wirtschaft und Forschung ist auf diese mehr und mehr angewiesen, sonst waeren sie schnell mal weg vom Fenster. Natuerlich versuchen solche Regimes, eigene Suchmaschinen zu entwickeln, deren Effizienz wird aber noch lange hinter Google hinterherhinken.

Im uebrigen lassen sich Filter einfach umgehen, auch in D-Land: Anleitung Zensur und Ueberwachung umgehen

Welche Lücken und Nischen de chinesischen Bürgerinnen und Bürger in der Zukunft finden, wird sich zeigen. Ideale Voraussetzungen für eine demokratische Bewegung sind das jedenfalls nicht.

Quaero ergo sum: Ich suche, also bin ich

Monday, February 13th, 2006

„[Quaero] wird die erste echte Multimedia-Suchmaschine sein, die die globale Kampfansage der amerikanischen Giganten Google und Yahoo annehmen wird. Aus diesem Grund rufen wir die europäische Suchmaschine Quaero ins Leben. Heute wird die Karte des Wissens und der Kultur neu gezeichnet. Morgen wird all das, was nicht online verfügbar ist, Gefahr laufen, für die Welt unsichtbar zu werden“.

Mit starkem politischem Gewicht schlug das europäische Suchmaschinenprojekt Quaero (lat., ich suche) im Neuen Jahr auf: Kein geringerer als Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac schrieb sich das Projekt in seiner Neujahrsansprache auf die Fahnen. Quaero ist als Multimedia-Suchmaschine konzipiert und soll ein Gegengewicht zur Dominanz von Google, Yahoo! und MSN bilden.

Quaero wurde zwischen Frankreich und Deutschland initiiert und scheinbar auf deutscher Seite von Siemens und Bertelsmann (über die Tochterfirma Empolis) getragen. Auf französischer Seite sind u. a. Thomson und France Telekom mit an Bord. Die Deutsche Telekom beobachtet lediglich als Juniorpartner das Projekt. Ein umfangreicher Hintergrundartikel findet sich bei Euractiv.

Die politische Dimension einer Suchmaschine
Spannender ist die Frage, was wir für die Google- Quaero-Gesellschaft rausziehen können.

Eines lässt sich festhalten: Die Bedeutung von Suchmaschinen ist endlich auch von europäischen Regierungen akzeptiert.

„Politisch verbirgt sich dahinter wahrscheinlich ein unangenehmes Gefühl, dass der Zugang zu Wissen und die gefilterten Informationen, auf die man über Suchmaschinen Zugriff bekommt, von außerhalb [kommen]. […] Hinzu kommt der Wunsch, Suchtätigkeiten zu bereichern und dies betrifft vor allem multimediale und mehrsprachige Informationen“, sagt Alex Waibel, Direktor des Zentrums InterACT der Universität Karlsruhe laut Euractiv.

Die technologisches Kluft
Auch wenn es zu keinem “Sieg” von Quaero über Google kommen wird, legt das Projekt den Finger in die Wunde:

Technologisch steht Europa bei der Suchtechnologie hintenan: Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. betont, dass es in Europa kein Unternehmen gäbe, dass in der Lage wäre, die Server-Cluster mit mehreren 10.000 Rechnern zu betreiben.

Drei US-Firmen beherrschen momentan 90 Prozent des weltweiten Suchmarktes: Google, Yahoo! und MSN. Dabei sind World Wide Web, Linux und MP3 europäische Erfindungen und zeigen, dass auch innovative Produkte vom alten Kontinent stammen können.

Sander-Beuermann spricht in einem Interview mit der Netzeitung davon, dass Europa das Thema Suchmaschinen völlig verschlafen habe. Quaero, so der Metager-Entwickler und Suchmaschinenexperte, sei die einzige und letzte Chance für Europa, dem Monopol etwas entgegenzusetzen.

“Es ist vier nach zwölf. Wenn wir jetzt nicht anfangen, können wir die USA nicht mehr einholen, und Fernost ebenso wenig. Es ist die letzte Chance, alle vorhandenen Kräfte auf diesem Gebiet zu bündeln.”

Wohin solls gehen?
In Asien gibt es mit den Anstrengungen der japanischen Regierung und Chinas Suchmaschine Baidu eigene Projekte, um Such-Know-how aufzubauen. Damit Quaero ein paar brauchbare Ergebnisse zu Tage fördert, darf es nun nicht in den Mühlen der EU-Bürokratie untergehen, sondern muss schnell und flexibel auf den Markt reagieren können. Wenn dann am Ende kein Sieg über Google dabei herauskommt, aber wenigstens europäisches Know-how, spezialiserte Lösungen und junge Start-Up-Unternehmen, ist viel gewonnen. Im Sinne einer Open Innovation sollte Quaero deshalb sein Wissen teilen und viele Ideen und tatkräftige Menschen befruchten.

Googles Offerte
Google lässt sich von der potenziellen Konkurrenz natürlich nicht aus der Reserve locken. Es belächelt lieber das europäische Projekt, in dem sie es als Nischenangebot deklarieren - wie in einem dpa-Interview geschehen: “Wir möchten gerne mit Spezialanbietern kooperieren, damit die Google-Anwender den bestmöglichen Zugriff auf die Informationen und Inhalte bekommen”, sagte CEO Eric Schmidt (gefunden bei heise online).

Münchener Kreis: Vorträge online

Thursday, February 9th, 2006

Der Münchener Kreis lud am 1. Februar zu einer Konferenz zum Thema “Suchen und Finden im Internet”. Mit von der Partie waren u.a. Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. und Prof. Dr. Hendrik Speck von der Fachhochschule Kaiserslautern - beides Buchautoren der Google-Gesellschaft.

Erfreulicherweise sind alle Vorträge als Videoclips mit Folienpräsentation dokumentiert. Vorbildlich! Also, wer nicht dabei sein konnte: Anschauen.

Ein Recht auf Existenz? Der Fall BMW

Monday, February 6th, 2006

Ein wenig Schadenfreude schwingt hier und dort schon mit, wenn die Blogosphäre über BMWs Rauswurf aus dem Google-Index berichtet. Die “Manipulaton” der eigenen Website, um Google besser zugefallen, wird dabei immer wieder als Old-Economy vs. New Economy gedeutet. Dabei dürfte Google durchaus als Gegner auf Augenhöhe gelten und sollte langsam in den Kommentaren sein Garagen-Image verlieren.

Spannend bei diesem Beispiel ist die Frage: Besitzen Unternehmen, Personen oder Themen ein digitales Existenzrecht? Denn wer bei Google nicht erscheint, existiert nicht. Das hat auch schon der französische Staatspräsident Jaques Chirac begriffen:

Heute entsteht eine neue Geographie des Wissens und der Kulturen. Was morgen nicht online verfügbar ist, läuft Gefahr, unsichtbar zu werden”, so Chirac in seiner Neujahransprache.

Gibt es ein einklagbares Recht, bei Monopolführer Google gelistet werden zu müssen?

Natürlich glaubt niemand daran, dass dieses “Aussperren” von langer Dauer sein wird. Doch was ist mit den vielen kleinen Unternehmen, die sich keine teure Optimierung leisten können? Was mit denen, die auf Platz 100 landen? Machen die schlechtere Arbeit?

Die PR-Inszenierung von Google zeigt dagegen, wie relevant es heutzutage ist, bei Google gelistet zu sein. Warum hat Google eigentlich nicht einfach die BMW-Site auf Platz 1.000 gesetzt. Das wäre der gleiche Effekt, aber weniger Spektakel. In Sachen Guerillia-Marketing hat Google damit wieder mal gepunktet.

AOL: Windbeutel gegen rechts

Wednesday, November 9th, 2005

Mit einer aufgebauschten Aktion schmückt sich AOL dieser Tage: In Kooperation mit dem Jüdischen Museum Berlin (JMB) registriert die AOL Suche, die auf Google-Ergebnisse zurückgreift, bestimmte Begrifflichkeiten und setzt ihnen eine Linkliste des JMB vor. Rund 100 Begriffe aus dem Umfeld des Antisemitismus wie Rassismus, Synagoge und Reichskristallnacht führen so u.a. zu Seiten, die das JMB für besonders informativ zu diesem Thema erachtet.

AOL Deutschland verändert seine Suchfunktionen deshalb so, dass ein Aufklärungsverweis des Jüdischen Museums Berlin angezeigt wird, sobald einer der über 100 ausgewählten Suchbegriffe eingegeben wird. Diese wurden zuvor vom Jüdischen Museum Berlin bestimmt und an AOL übermittelt.

Eine nette, neue Form des Social Sponsoring - mehr aber auch nicht - wäre da nicht die Pressemeldung aus dem Hause AOL: Da ist von einem gemeinsamen Zeichen gegen Rechtsextremismus die Rede und davon, die Medienkompetenz zu fördern. Alles ehrbare Ziele, haben nur gar nichts mit dieser Aktion zu tun. Stattdessen finden wir inszeniertes Handeln vor, dass von den eigentlichen Auseinandersetzungen rund um Medienkompetenz, informationelle Autonomie oder Jugendschutz ablenkt.

Der kritische Punkt ist aber auch dieser: AOL Deutschland verändert seine Suchfunktionen, heißt es in der Pressemeldung. Sicher: Gegen Rassimus sind wir alle, entsprechend unkritisch dürfte das Engagement aufgenommen werden.

Aber bei welchen Begriffen ist so eine Form des Indoktrinierens Besserwisser-Informierens eigentlich wünschenswert? Und wo beginnt es schwierig zu werden?

Ich plädiere daür, für “Atomkraft” auf Greenpeace zu verlinken, bei den Begriffen Metro und Otto Schily auf die Seiten des Big Brother Awards zu verlinken. Und beim Suchbegriff “Bundesregierung” die Seite von Indymedia vorzuschalten.

Und wenn die guten Suchmaschinenanbieter mal eben fünf Links und drei Sponsored-Links vor die eigentlichen Suchergebnisse schalten, dann stoßen die meisten Sucher gar nicht zu den “echten” Ergebnissen vor. Verdrängung durch Informationsflut?

P.S.: Dieser Beitrag ist natürlich meine ganz private Meinung und steht in keinem Zusammenhang mit meiner beruflichen Tätigkeit.

Blackbox Suchmaschine (VII)

Wednesday, November 2nd, 2005

Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. beschäftigt sich mit der Entwicklung von Suchmaschinen und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen im Netz. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft”.

Wie können Alternativen zu Wissensmonopolen aussehen?
Alternativen müssen möglichst unabhängig und frei, und allein durch ihre Organisation und Struktur prinzipiell kaum monopolisierbar sein. Dazu sehe ich drei Möglichkeiten:

1. Die öffentlich-rechtliche Suchmaschine: Unabhängigkeit könnte einerseits der Staat durch eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine etablieren, genauso wie er das seit langen Jahren in den konventionellen Medien tut – es ist eigentlich nahe liegend, dies für die Neuen Medien zu übernehmen. Wesentlich ist dabei jedoch, dass dann nicht »der Staat selbst« wiederum Monopolist wird – also müsste die Unabhängigkeit einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine durch Gremien und Beiräte abgesichert werden, was etliche Folgeprobleme aufwirft.

2. Peer-to-Peer: Auf der anderen Seite eines Spektrums möglicher Alternativen steht das genaue Gegenteil: ein unstrukturiertes Gebilde aus lose kooperierenden kleinen Suchmaschinen, die sich zu einem großen Datenraum zusammenschließen. Technisch kann so eine Lösung durch eine Peer-to-Peer (P2P)-Software realisiert werden; hierzu gibt es auch bereits einen funktionierenden Ansatz, das YACY-Projekt von Michael Christen.

Der Vorteil einer solchen unstrukturiert verteilten Suchmaschinen-Infrastruktur ist seine inhärente Nicht-Monopolisierbarkeit: Niemand kann ein solches Gebilde in seiner Gesamtheit kontrollieren. Der Nachteil ist, dass diese strukturell in ihren Wegen nicht vorab definierten Datenflüsse nicht unbedingt effektiv, also meist zeitaufwändig sind – der Nutzer muss länger auf das Ergebnis warten. Die von Google gewohnten Antwortzeiten unter einer Sekunde sind illusorisch.

3. Kombinationen aus beiden Ansätzen. Sie stehen zwischen den beiden genannten Enden des Spektrums. Am sinnvollsten erscheint mir, ein Verbund aus Hunderten von kleinen Suchmaschinen (Mini-Suchern) teilt den zu erfassenden Datenraum unter sich auf; diese Absprache kann in der Anfangsphase tatsächlich durch verbale Kommunikation geschehen, sollte später aber automatisiert zwischen den beteiligten Rechnern ablaufen. Betreiber solcher Mini-Sucher können nun einerseits Privatpersonen oder Vereine sein, andererseits aber Organisationen des »öffentlich-rechtlichen Raumes«, wie Bibliotheken und Universitäten.

Letztere bieten Verlässlichkeit staatlicher Institutionen, sind aber in Grenzen durchaus unabhängig. Private Betreiber können ihrerseits auch Peer-to-Peer-Datenquellen einspeisen und so die weitere Unabhängigkeit sichern. Um diesen Verbund für den Nutzer zusammenzuführen, und einen einfachen Einstieg zu ermöglichen, können Meta-Sucher als zentrale Einstiegspunkte dienen. Dreh- und Angelpunkt ist die Organisation und das kooperative Zusammenwirken aller Teilnehmer: Jeder kann mitmachen, muss sich aber in Schnittstellen einpassen und kann bei Missbrauch ausgeschlossen werden.

Was ist das Besondere an dem Projekt Nutch?
Nutch ist eines von mehreren Projekten, die freie Suchmaschinensoftware auf Open-Source-Basis entwickeln – neben »Mngosearch« und »Aspseek«, die für bis zu ein paar Millionen Webseiten geeignet sind. In den USA wurde im Umfeld von www.archive.org »Heritrix« entwickelt, mit bereits deutlich höheren Ambitionen. Allein Nutch aber hat das hohe Ziel, eine Alternative zu Google zu werden und viele Milliarden Webseiten zu erfassen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich halte es für unrealistisch, diesen Weg gradlinig verwirklichen zu können: Allein die zu bewegenden Datenströme verlangen immense Ressourcen. Aber Nutch könnte in einem »Konzert von vielen die erste Geige spielen«.

Wo sehen Sie die digitale Informationskultur im Jahre 2010?
Wenn ich einen pessimistischen Tag habe, dann sehe ich das, was an Informationskultur noch übrig bleibt, in der Hand von ein oder zwei globalen Konzernen, die damit unser Denken und unser Weltbild beliebig formen können. Meist aber sehe ich die Welt optimistisch und als eine kooperative Wissensinfrastruktur, an der jeder teilnehmen kann – als Konsument, Lieferant und Mitgestalter. Aber Optimismus allein genügt nicht, um Visionen zu realisieren. Daher habe ich im Juli 2004 den »Gemeinnützigen Verein zur Förderung der Suchmaschinentechnologie und des freien Wissenszugangs« initiiert, kurz SuMa-eV .

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Ein Interview mit Marcel Machill ist hier zu lesen: IV, V. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.

Google demnächst

Tuesday, November 1st, 2005

Randy Siegels Version von Google 2084 (Copyright NYT)
Ob nun Generation G oder Google Society: Strittig unter den recht zynischen Beiträgen zur Zukunft Googles, der Medien und der Welt ist lediglich das Datum, an dem Google die Weltherrschaft übernimmt.

Anfang Oktober hat Googles CEO Eric Schmidt die offizielle Version verkündet. Danach werde es noch gut 300 Jahre dauern, bis Googles Mission, die Informationen der Welt zu organisieren, erreicht sein wird. Wie dies aussehen kann, hat das Satire-Magazin The Onion schon mit Google Purge auf die Schippe genommen. Wer da noch lachen kann, schluckt spätestens dann, wenn er Schmidts Zitat im Manager Magazin entdeckt (wiedergefunden bei Yahoo!):

Sämtliche Informationen auf dem Planeten sollen googelbar gemacht werden.

Also doch Die Weltherrschaft? Alles wird googlebar gemacht und der Rest vernichtet?

Einen Blick auf Google 2084, also nach nicht einmal einem Drittel des noch ausstehenden Weges, hat Randy Siegel in der New York Times vom 10. Oktober geworfen (gefunden bei if:book).

Bisher noch nicht eingetreten sind die Visionen, die The Onion für 2005 vorhersagte:

- Launch Google Good Man, as good man have historically been hard to find
- Google Apartment, which will let users search for shoes, wallets, and keys
- Patent the idea of looking for something

und vieles mehr…

Was sagt The Onion doch so schön zu Googles Zukunft?

Until yesterday’s news conference, the company’s unofficial slogan had been “Don’t be evil.” The slogan has now been expanded to “Don’t be evil, unless it’s necessary for the greater good.”

Blackbox Suchmaschine (VI)

Monday, October 31st, 2005

Wolfgang Sander-Beuermann vom SuMa e.V. beschäftigt sich mit der Entwicklung von Suchmaschinen und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen im Netz. Dies ist der erste Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft”.

Herr Sander-Beuermann, wie bewerten Sie die Stellung von Google im Internet? Ist der freie Zugang zu Wissen gefährdet?
Der freie Zugang zum digitalen Weltwissen ist durch jedes De-facto-Wissensmonopol gefährdet. Eine solche Situation ist vergleichbar derjenigen, bei der es in den Print-Medien nur noch eine einzige Zeitung oder nur noch eine Bibliothek auf der Welt gäbe. Dabei ist es gleichgültig, wie der De-facto-Monopolist gerade heißen mag. Derzeit ist es Google, aber die Situation würde durchaus nicht besser, wenn bspw. der Erzkonkurrent Microsoft diese Position übernähme.

Der Code of Conduct versucht, Suchmaschinen zur Eigeninitiative anzuregen. Für wie erfolgversprechend halten sie diesen Ansatz?
Dieser Ansatz geht in eine andere Richtung: Es geht dabei nicht um Monopole, sondern um eine freiwillige Selbstverpflichtung von Suchmaschinenbetreibern hinsichtlich der findbaren Inhalte; für Deutschland spielt das Jugendschutzgesetz bspw. eine wesentliche Rolle. So etwas ist bei der Globalität des Internet und der Regionalität der unterschiedlichen Rechtsnormen sicherlich noch schwieriger – der vorgeschlagene Code of Conduct der Bertelsmann Stiftung blieb erfolglos. Die FSM (Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia) versucht jetzt in dieser Frage zu praktikableren Lösungen zu kommen.

Oft werden die intransparenten Bewertungskriterien der Suchmaschinen kritisiert – allen voran »PageRanking« von Google, weil es auf Masse statt Klasse setzt. Welche Vor- und Nachteile sehen sie?
Das PageRank-Verfahren von Google war vor Jahren ein bahnbrechender Erfolg. Es ist im Prinzip auch heute noch nicht völlig verkehrt, selbst wenn es mittlerweile eine Art »Sport« von Suchmaschinen-Optimierern geworden ist, das Verfahren auszutricksen. Das Problem liegt woanders: Wenn es fast nur noch eine einzige Suchmaschine gibt, dann entscheidet allein deren Ranking-Verfahren über Sein oder Nicht-Sein im Web. Wenn es hingegen eine Vielfalt von Informationsanbietern gibt, dann gibt es auch eine Vielzahl an Ranking-Verfahren (die auch nicht alle gleichzeitig technisch austricksbar sind). Das Ziel muss also sein, hier wieder eine Vielfalt herzustellen.

Verglichen mit der großen Kritik an Google, gibt es in Deutschland kaum Gegenwind für den Marktführer. Traut sich niemand?
Ich denke, es ist eher so, dass die meisten Nutzer hier noch gar kein Problembewusstsein entwickelt haben: »Ich nehme immer Google, die sind doch gut«, so das häufige Credo. Dass sie vielleicht doch nicht so gut sind, zeigen dann erst Berichte wie »Google zugemüllt« (c’t, Heft 20, 2003) oder Pressemeldungen wie »Suchmaschinenbetreiber ist Komplize der Zensoren in Peking«. Wenn sich jemand tatsächlich nicht trauen sollte, gegen Google Initiative zu ergreifen, dann müsste er schon die »tiefe Einsicht verinnerlicht« haben, dass dann Google eventuell seine Existenz im WWW auslöschen könnte. Aber diese Einsicht ist noch so selten, dass dies kaum der Grund sein wird.

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Ein Interview mit Marcel Machill ist hier zu lesen: IV, V. Der zweite Teil des Interviews ist hier in den kommenden Tagen zu lesen.