Archive for the 'Suchmaschinen' Category

Jugendschutz als Kampagne

Friday, October 28th, 2005

Erik Möller, Autor des Buches “Die heimliche Medienrevolution“, antwortet in einer ausführlichen Replik auf die Besprechung seines Buches bei politk-digital. Er geht dabei auch auf die Frage ein, wie es um Pornographie und Jugendschutz im Internet bestellt ist.

Da diese Themen öfters bei Diskussionen um die Regulierung von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen zweckentfremdet herangezogen werden, möchte ich die Passage zu Pornographie im Internet hier wiedergeben (und sie damit in mein persönliches Wissensmanagement einpflegen).

Auf die Bemerkung der Rezensentin bei politik-digital: “Probleme wie Pornographie und Waffenhandel im Internet werden nur am Rande gestreift”, antwortet Möller - durchaus streitbar - folgendes:

Dann streife ich sie jetzt einmal etwas ausführlicher. Zunächst einmal ist Pornographie für Erwachsene legal. Man kann sie mögen oder nicht, aber unsere moderne Gesellschaft akzeptiert sie schon seit langem. Das gilt sogar in den prüden USA, wo die Zugangsbeschrän-kungen lockerer gehandhabt werden als in Deutschland.

Was die Wirkung von Pornographie auf Kinder und Jugendliche angeht, so habe ich mich bereits in der Vergangenheit intensiv mit der Thematik befasst, unter anderem in Vorträgen vor der Humanistischen Union in Mainz und dem Kongress der European Federation of Sociology in Berlin. Dabei referierte ich auf der Basis einer von mir durchgeführten Analyse die Ergebnisse der Medienwirkungsforschung der vergangenen 30 Jahre. Die Zusammenfassungen können auf meiner Homepage nachgelesen werden (scireview.de/efs/, scireview.de/vortrag/).

Um es kurz zu machen - die Beweislage, dass ein Kind oder ein Jugendlicher durch das Betrachten eines (gewaltfreien) Sexualakts irgendeinen Schaden nimmt, ist mit Verlaub gesagt äußerst dürftig. Insofern weigere ich mich, mir die Problematisierung der Pornographie als Ganzes zu eigen zu machen. Wenn die Autorin an Kinderpornographie dachte und “Pornographie” schrieb (ein häufiger Fehler), ist die Sachlage natürlich anders.

Aber auch hier pflege ich eine differenzierte und kritische Ansicht, die sich z.B. in meinen Artikeln “Computer sind Waffen” und “Kinder sind Pornos” niederschlug, in denen ich über eine Tagung der damals noch “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften” genannten Institution berichtete (Link 1; Link 2).

Zunächst einmal wird das Thema massiv seitens der Politik instrumentalisiert, um Zensur und Kontrollen, gerade im Internet, durchzusetzen. Da es sich um ein Tabuthema handelt, ist es ideal dazu geeignet. Und das Beste: Man kann danach sagen, die Bürger hätten es ja so gewollt — schließlich haben die Medien zuvor durch eine oftmals hysterische und sachlich falsche Berichterstattung für Stimmung gesorgt.

Natürlich ist die sexuelle Misshandlung von Kindern ein grauenvolles Delikt. Das gleiche gilt übrigens für die nichtsexuelle Misshandlung von Kindern, die bis auf wenige Ausnahmefälle weit geringere Aufmerksamkeit erfährt. Weder kriminologische Untersuchungen noch therapeutische Erfahrungen bestätigen jedoch das Vorurteil, die Situation habe sich durch das Internet signifikant verschlimmert. Was sich zweifellos erhöht hat, ist die Verbreitung kinderpornographischer Inhalte. Das hängt aber auch nicht allein mit dem Internet zusammen, sondern insgesamt mit dem technologischen Fortschritt, etwa der Möglichkeit, Tausende von Bildern auf eine DVD zu brennen.

Die These, die Verbreitung von Kinderpornographie führe zwangsläufig zu höheren Inzidenzraten sexueller Delikte, ist bislang ohne Beleg. Man könnte sogar umgekehrt spekulieren, dass die große Verfügbarkeit von kinderpornographischem Material im Gegenteil die Nachfrage nach neuem Material senkt, da die pädophilen Konsumenten nicht wie zuvor direkt mit Produzenten in Kontakt treten müssen, sondern sich z.B. in Peer-to-Peer-Netzen Fotos und Videos herunterladen. Eine Analogie zu anderen Inhalten wäre geschmacklos, aber nicht falsch. Die Probleme mit der “Anfix-Hypothese”, Konsumenten von Kinderpornographie steigerten sich zu immer härteren Materialien, habe ich im Übrigen in den o.g. Artikeln diskutiert.

Schließlich bin ich der Meinung, dass man auch darüber reden können muss, was Kinderpornographie eigentlich ist: Nacktfotos von 13jährigen? Gewalttätige sexuelle Misshandlungen von kleinen Kindern? Virtuelle 3D-Bilder oder Photoshop-Ergebnisse, bei deren Produktion kein Kind zu Schaden kam? Leider werden diese völlig verschiedenen Arten kinderpornographischer Inhalte oft in der Presse gleichgestellt. Wenn man realisiert, dass Pädophile auch eigene Fantasien einfach als Geschichten niederschreiben, oder sich im Katalog Babyfotos ausschneiden können, wird klar, wie absurd diese Vermischung ist.

Natürlich ist es abartig, wenn Erwachsene kleine Kinder sexuell begehren oder gar Gewaltfantasien hegen. Es muss aber doch immer an allererster Stelle die Frage stehen: Wie können Kinder am besten vor sexueller Misshandlung geschützt werden? Ich glaube nicht, dass Medien oder Politik ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach besteht die Antwort nicht in einer verschärften Zensur des Internet.

Wir müssen verstehen, warum Pädophile pädophil sind, und wie sie durch Therapie von der Misshandlung von Kindern abgehalten werden können. Dass die dafür notwendige Versachlichung des Themas nicht stattfindet ist wiederum primär das Verschulden der Medien. Statt dessen fördern sie eine “Schwanz-ab”-Mentalität, die dann wiederum von der Politik mit entsprechenden Gesetzentwürfen nach Schily-Manier beantwortet werden kann.

To exist is to be indexed by a search engine

Friday, October 28th, 2005

Die gestrige Diskussion über Suchmaschinen auf den Münchener Medientagen hat nun auch Niederschlag bei heise gefunden. Stefan Krempl berichtet dabei im wesentlichen über die politischen Aspekte der ansonsten eher Marketing orientierten Diskussion.

Wolfgang Schulz, Direktor des Hans-Bredow-Instituts, hat auf der Diskussion gestern ein Einleitungsstatement zur Bedeutung von Suchmaschinen gehalten: “To exist is to be indexed by a search engine”: Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation. In seinem Resümee ist Schulz dabei leider etwas unklar. Zwar sieht er die enorme Bedeutung von Suchmaschinen, leitet daraus auch einen möglichen Regulierungsbedarf ab, kann aber dann kaum konkrete Brennpunkte benennen. In der Diskussions selbst befand er eine staatliche Regulierung dann auch nicht als zielführend. Bei heise heißt es dazu:

Sein Institut habe daher einige Probleme “mal auf die Tagesordnung setzen wollen”, auch wenn es eine Notwendigkeit für staatliches Eingreifen noch nicht gebe.

Eine Forderung hatte er dann aber doch:

Er schlug die Einrichtung neutraler Schlichtungsstellen vor, falls sich die Auseinandersetzungen rund um die Top-Positionen verschärfen sollten.

Neben einem funktionierenden Wettbewerb legte Schulz den Suchmaschinenbetreibern eine verstärkte Selbstregulierung und die Ausarbeitung berufsethischer Regeln ans Herz.

Als einen ersten großen Erfolg betrachtet Schulz in diesem Sinne die Einigung führender deutscher Suchmaschinenbetreiber auf einen umfangreichen Verhaltenskodex etwa für das Ausfiltern indizierter Inhalte oder die Offenlegung bezahlter Links. Rein rechtlich wäre es hierzulande etwa möglich, die gekauften Verweise bestimmter religiöser oder politische Institutionen nicht zu kennzeichnen, erläuterte Schulz. Die über die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) eingegangene Selbstverpflichtung gehe aber darüber hinaus und schlösse so die Gesetzeslücke. Derartige Initiativen zeigen laut Schulz, dass die Betreiber hierzulande ihre “Verantwortung angenommen” hätten. Von den USA aus würde der von ihm und der Bertelsmann-Stiftung mit angeregte Kodex zwar “merkwürdig angesehen”. Der Medienrechtler geht aber trotzdem davon aus, dass “wir damit einen Schritt weiter als die anderen sind.”

Schulz zeichnet auch für eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW verantwortlich, die den Regulierungsbedarf bei Suchmaschinen analysiert.

Geldmaschine Google

Tuesday, October 25th, 2005

Google verblüfft die Börse, meldete vor wenigen Tagen der Tagesspiegel zu den neuen Quartalszahlen aus Mountain View. Anders als Spiegel Online, schafft es Henrik Mortsiefer aber die Zahlen einzuordnen. So relativiert sich der angeblich versiebenfachte Quartalsgewinn von 381 Mio. Dollar, wenn man weiß, dass Google letztes Jahr im Sommer 201 Mio. Dollar an Yahoo! wegen eines Patentstreites zahlen musste. 39 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Google im Ausland. Einen Großteil davon dürfte auf Deutschland entfallen, ist es doch das zweitumsatzstärkste Google-Land.

Der Aktienkurs von Google liegt nun bei 300 Prozent seines Ausgabewertes. Das Unternehmen ist demnach knapp unter 100 Mrd. Dollar wert und ungefähr so teuer wie Daimler-Chrysler, BMW und VW zusammen.

Unklar ist weiterhin, was Google mit seinen Barmitteln in Höhe von 7,6 Milliarden Dollar plant. Gerüchten zufolge soll sich Google um den Kauf von AOL bemühen. Kooperationen mit der NASA und SUN beflügeln zudem die Phantasie. Auch die Hotspot-Ambitionen in San Francisco sind ein völlig neuer Bereich des Suchmaschinenbetreibers.

Blackbox Suchmaschine (V)

Monday, October 24th, 2005

Prof. Dr. Marcel Machill von der Universität Leipzig hat im Rahmen eines Projekts für die Bertelsmann Stiftung an der Entwicklung eines »Code of Conduct« (CoC) mitgewirkt. Dies ist der zweite Teil eines Interviews für das Buch “Die Google-Gesellschaft” (Teil I hier).

Studien belegen regelmäßig, dass das unreflektierte Nutzerverhalten erheblich zur Situation beiträgt. Wie ist hier Abhilfe zu schaffen?
Mediennutzung muss bereits in den Schulen stärker verankert werden, nicht nur das Internet betreffend, sondern auch im Hinblick auf Bücher, Zeitschriften und den Rundfunk. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, und da gilt mehr denn je: »Wissen ist wissen, wo’s steht«. Hierfür brauchen wir kein neues Fach, aber eine leichte Korrektur aller Fächer – wir müssen den Schülern vernünftiges Recherchieren beibringen.

Wie verhält sich Google als führende Suchmaschine zum CoC?
Aus der Technologieführerschaft von Google ergibt sich automatisch, dass man sich – vor allem im Hinblick auf die Transparenz des Ranking – bedeckt hält. Auch kollidiert die Forderung nach Datensparsamkeit teilweise mit Googles Geschäftsmodellen, bspw. AdSense. Hier besteht großer Nachholbedarf. Andererseits ist Google bei der Kennzeichnung von bezahlten Links, sprich Werbung, sehr vorbildlich zu nennen.

Der CoC plädiert dafür, bestimmtes Wissen auszublenden, indem die Suchergebnisse gefiltert werden. Wie steht es um das Recht auf einen freien Informationszugang?
Es geht vor allem darum, nach geltendem Recht als illegal eingestufte Inhalte auszublenden, bspw. Nazi-Seiten, die Auschwitz leugnen oder Seiten mit Kinderpornographie, also Informationen, auf die sie auch in der Offline-Welt kein Recht auf Informationszugang besitzen. In puncto Jugendschutz muss man fragen, was mehr wiegt: das Recht der Jugend auf eine ungestörte Kindheit oder das der Erwachsenen auf einfache, möglichst kostenlose Triebbefriedigung? Ich plädiere für eine publizistische Verantwortung der Suchmaschinenbetreiber, nicht für Zensur.

Wer entscheidet, welches Wissen für welche Nutzer gesperrt wird?
Die Entscheidung über den Ausschluss bestimmter Seiten sollte eine politisch wie wirtschaftlich unabhängige Kontrollinstanz wie die FSS ausüben. Es müssen im Vorfeld klare Richtlinien gesetzt werden, welche Inhalte ausgeschlossen werden können, und es muss explizit das Recht geben, dass man gegen diese Entscheidung vor Gericht ziehen kann und auf Wiederaufnahme der Seite in den aktiven Suchmaschinenindex klagt.

Lässt sich der Zugang zu Wissen im Netz effizient einschränken?
Wer technisch versiert ist, kann sich immer Zugang zu Informationen beschaffen. Sie können bspw. die deutschen Google-Seiten umgehen, indem sie einfach auf google.com/ncr wechseln, dann steht ihnen nämlich der gesamte US-Index für ihre Suche offen. Das ist aber kein Argument dafür, den Jugendschutz nicht zu verbessern. Sonst müsste man nämlich mit ähnlicher Argumentation jegliche Strafverfolgung einstellen, nur weil es uns nicht gelingt, eine verbrechensfreie Gesellschaft zu schaffen.

Welches Fazit ziehen Sie für den CoC im Jahre 2005? Dient er nicht viel zu sehr als Feigenblatt für die teilnehmenden Suchmaschinen?
Die Idee des CoC war von Anfang an mit der Idee einer unabhängigen Kontrollstelle verbunden, die dessen Einhaltung kontrolliert. Insofern ist der derzeitige Stand nicht befriedigend. So lange es keine FSS gibt, wird auch die Umsetzung des CoC in einigen Fällen nur Lippenbekenntnis bleiben. Hauptproblem bei der Schaffung einer Freiwilligen Selbstkontrolle Suchmaschinen ist wohl die Finanzierung.

Wo sehen Sie die Informationskultur im Jahre 2010?
Die Nutzer werden sich viele Freiräume im Netz, die heute kommerzialisiert sind, zurückerobern. Der Firefox-Browser ist nur ein Beispiel dafür. Die Open-Source-Bewegung wird ihr Pendant auch in der Informationswelt finden. Schon heute wird eifrig an einer Open-Source-Suchmaschine gearbeitet. Das revolutionäre an Google 1998 war ja, dass die riesigen Datenmengen auf einem handelsüblichen Rechner verwertet werden konnten. So wie Tausende Nutzer am Seti@Home-Projekt teilnehmen, ist auch eine dezentrale Suchmaschine denkbar, der die Nutzer dann die freie Rechenzeit ihres Computers spendieren können.

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert. Der erste Teil des Interviews ist hier zu lesen.

Blackbox Suchmaschine (IV)

Wednesday, October 19th, 2005

Prof. Dr. Marcel Machill von der Universität Leipzig hat im Rahmen eines Projekts für die Bertelsmann Stiftung an der Entwicklung eines »Code of Conduct« (CoC) (PDF-Datei) mitgewirkt. Der CoC legt den Betreibern von Suchmaschinen nahe, sich einer Selbstverpflichtung zu unterziehen. Im Rahmen des Buches “Die Google-Gesellschaft” hat Marcel Machill mir ein Interview gegeben, dass ich wegen der Länge in zwei Teilen veröffentliche.

Herr Machill, der Bundestags-Ausschuss »Neue Medien« bezeichnet die Situation am Suchmaschinenmarkt als unbefriedigend. Wie ernst ist es mit der Monopolstellung von Google?

Der Marktanteil von Google am deutschen Suchmaschinenmarkt liegt je nach Erhebungsmethode zwischen 69 und 83 Prozent. Der größte Mitbewerber Yahoo! erreicht in Deutschland gerade einmal knapp zweistellige Marktanteile. Insofern kann man bei Google durchaus von einem Monopol reden – allerdings mit Einschränkungen, denn niemand ist gezwungen, für eine Suche auf Google zurückzugreifen. Die Nutzer verzichten leider allzu oft darauf, Zweit- oder Drittquellen zu befragen. Alternativen gäbe es genug. Googles technologischer Vorsprung schmilzt aber zusammen und die anderen Suchmaschinen werden wieder aufholen. Dies erklärt die vielen Aktivitäten von Google abseits der Websuche; es geht um die Bindung von Nutzern an die Marke. Auf lange Sicht werden wir uns in Deutschland auf Verhältnisse ähnlich wie in den USA einstellen müssen, wo sich einige große Suchmaschinen den Markt teilen.

Welche Stolpersteine birgt der Umgang mit Suchmaschinen?

Zuerst einmal die Annahme, mit einer Suchmaschine könne man sich einen umfassenden Überblick verschaffen. Google hat mittlerweile über acht Milliarden Internetseiten in seinem Index, aber auch dies ist nur ein Bruchteil des gesamten Netzes. Eine annähernd brauchbare Übersicht über ein Thema erhält nur, wer mehrere Suchmaschinen parallel nutzt. Viele Informationen sind im Netz auch gar nicht auffindbar, sondern machen immer noch den Gang in Bibliotheken notwendig.

Den Nutzern fehlt das Wissen für den Umgang mit Suchmaschinen. Viele arbeiten nur mit wenigen, oft sehr allgemein gehaltenen Schlüsselwörtern. Das führt dazu, dass die Suchmaschine eine Masse von Suchergebnissen präsentiert, von denen der Großteil durch Werbung oder Spam nicht relevant ist. Wie man eine Suche sinnvoll eingrenzen kann, haben viele Menschen nicht gelernt. Hinzu kommt, dass sich in den Ergebnislisten Ergebnisse tummeln, die dort überhaupt nicht hingehören, z.B. Werbung oder Spam.

Wie setzt der von Ihnen erarbeitete Code of Conduct (CoC) hier an?

Die Nutzer brauchen vor allem Transparenz bei den Ergebnissen. Es muss klar sein, wie Suchergebnisse zu Stande kommen, etwa wie die Suchmaschine gewichtet und ob ein Link werbefinanziert ist oder aber aus der freien Websuche stammt. Auch ist der Aspekt des Rückkanals zur Suchmaschine von großer Bedeutung: Die Nutzer brauchen einfach Ansprechpartner, bspw. eine Hotline, wenn sie Probleme haben.
Des Weiteren müssen Bewertungsmechanismen für die Suchmaschinen selbst geschaffen werden. Wir hatten hier ein Gütesiegel und eine Freiwillige Selbstkontrolle Suchmaschinen (FSS) angeregt.

Erleichtern transparente Bewertungsverfahren bei Suchmaschinen den Spammern nicht die Arbeit?

Im Gegenteil – mehr Transparenz erschwert Spammern die Arbeit. Notorische Spammer verfügen auch heute schon über umfangreiches Wissen über die Funktionsweise von Suchmaschinen. Es gibt eine ganze Branche, die Search-Engine-Optimizer (SEO), die im Versuch-und-Irrtum-Verfahren die Funktionsweise der einzelnen Suchmaschinen bis ins Detail auskundschaften, um dann ihre Kunden gezielt in den Ergebnislisten zu pushen. Nun sind SEOs nicht automatisch Spammer, aber sie liefern den echten Spammern oftmals das notwendige Wissen.

Wenn nun aber jeder normale Nutzer durch mehr Transparenz weiß, wie die Suchalgorithmen funktionieren, so kann er seine eigene Internetseite entsprechend gestalten, dass sie auch gefunden wird. Gleichzeitig können die Suchmaschinen viel restriktiver gegen Spam vorgehen. Die Schaffung von Transparenz muss einhergehen mit klaren Regeln, wo Spam beginnt – und dann können sie die Spammer auch sanktionieren, sprich aus dem Index löschen. Diese zwei Seiten der Medaille stehen explizit im CoC.

Einige Suchmaschinen haben sich dem CoC schon verpflichtet. Mehr Transparenz ist aber nicht erkennbar. Wie beurteilen Sie die Umsetzung und Effizienz der CoC-Regeln?

Die Regeln des CoC bedürfen einer neutralen Kontrollinstanz, sprich einer Institution à la FSS. Bisher fehlt diese Instanz jedoch, weshalb die Ergebnisse noch nicht so sind, wie sie sein könnten. Es fehlen noch die Anreize, beispielsweise ein marktwirksames Gütesiegel, damit sich diese Regeln im hart umkämpften Markt stärker durchsetzen werden. Hier könnte die (deutsche) Medienpolitik einiges tun, wenn sie nur wollte.

Dieses Interview ist dem Beitrag Blackbox Suchmaschinen entnommen, der in dem Buch Die Google-Gesellschaft erschienen ist. Das Interview wurde zum Jahreswechsel 2005 geführt. Die ersten Teile (I, II, III) dieser Serie wurden für das Weblog aktualisiert.

Endlich: SpamGoogle

Wednesday, October 12th, 2005

Phillipp Lenssen (Google Blogoscoped) präsentiert SpamGoogle: Endlich eine Suchmaschine, bei der man garantiert nichts findet… außer Spam!

www.spamgoogle.com

If you’re also tired of web pages not trying to sell you something, endless explanatory stuff from university servers, or blogs without Google ads, this is for you. You can learn the latest about cheap viagra, poker parties, or download just the spyware you need. Don’t forget to turn on JavaScript in your browser for that little extra some of the pages offer.

Gefunden bei Suchmaschinen News (statt die abonnierten Feeds zu lesen).

Google.org: Don’t be evil

Wednesday, October 12th, 2005

Welcome to Google.org – the philanthropic arm of Google
Das Firmenmotto von Google - Don’t be evil - wird greifbarer: 1 Prozent seiner Gewinne und seines Eigenkapitals will der Suchmaschinenriese aus Mountain View zukünftig zur Verfügung stellen. Eine Stiftung mit 90 Millionen US-Dollar Stiftungskapital wird zukünftig unter google.org über ihre Arbeit und die Wohltaten Googles berichten. In den nächsten drei Jahren sollen insgesamt 175 Mio. US-Dollar für gemeinnützige Projekte ausgegeben werden.

Denn nicht nur mit der Google Foundation, sondern einer Reihe von Engagements starten Sergey Brin und Larry Page “the philanthropic arm of Google“:

We’ve contributed $5 million to support Acumen Fund, a non-profit venture fund that invests in market-based solutions to global poverty. (…)

We’re also working with TechnoServe to build small businesses that create jobs and promote economic growth in the developing world. (…)

In addition, we are working with Alix Zwane and Edward Miguel of UC Berkeley and Michael Kremer of Harvard University to support research in western Kenya to identify ways to prevent child deaths caused by poor water quality.

Google.org also includes projects we manage on our own (…). An example is the Google Grants program, which gives free advertising to selected nonprofits. To date, Google Grants has donated $33 million in advertising to more than 850 nonprofit organizations in 10 countries.

Current Google Grants participants include:
Make-a-Wish Foundation - grants the wishes of children with life-threatening medical conditions. More than 25 percent of their online donations are made as a result of their Google ads.

Doctors Without Borders - delivers emergency medical aid to people affected by armed conflict, epidemics, disasters, and exclusion from health care in nearly 70 countries. Google Grants has assisted them with recruiting experienced doctors and nurses for their field programs, which has helped them increase applications by 30 percent this year.

Grameen Foundation USA - uses microfinance and innovative technology to help the world’s poorest people escape poverty. Google Grants has helped them attract donors and broaden their newsletter subscriber base.

With Google.org, we’ll also support entities with strong social missions which use market-based solutions for sustainable economic development. One example is our recent donation of $2 million to the One Laptop Per Child program.

(Hervorhebungen durch mich, gefunden im Google-Blog.)

Nachtrag:
Die New York Times ordnet Googles Spendensegen ein wenig ein:

Even with the $1 billion commitment, Google.org will be dwarfed by other philanthropic efforts. Twenty foundations nationwide had more than $2 billion in assets through 2003, according to the latest statistic available from the Foundation Center, a group that tracks philanthropy. The list was topped by The Bill & Melinda Gates Foundation, which had $26.8 billion in assets. Microsoft Corp. Chairman Bill Gates, the world’s wealthiest man, bankrolled that foundation.

Blackbox Suchmaschine (III)

Wednesday, October 12th, 2005

Die Sache mit dem Netz und den Suchmaschinen ist wohl mindestens so kompliziert wie das Ding mit den Bienen und Blumen: Beide brauchen einander, kommen aber nicht immer reibungslos zusammen. Dazwischen: wir!

Zwei Unbekannte treiben hier ihr Unwesen und buhlen um die Gunst der Surfer (herrlich 90er, oder?): Weder wissen wir allzu viel über Umfang und Struktur des Netzes (Teil I), noch tragen Suchmaschinen zu mehr Transparenz bei (Teil II).

Verbände, Parteien die Grünen, Stiftungen und Universitäten versuchen deshalb immer wieder, Pfade ins Dickicht zu schlagen und die Verwicklungen von Netz und Maschine zu entwirren. Raus kommen dabei in aller Regel geduldige Papiere.

1. Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation
Noch fast druckfirsch (Juni 2005) und mit einem stark rechtlichen Schwerpunkt ist eine Untersuchung des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung an der Universität Hamburg erschienen. Im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) untersucht die Studie “Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation“,

inwieweit das geltende deutsche Recht die zumindest potentiell gegebene „kommunikative Macht“ von Suchmaschinen adressiert. Dabei ist zu beachten, dass Suchmaschinen sowohl vom Schutzbereich des Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG als auch von dessen Gewährleistungsauftrag erfasst sind, der die Freiheit der Meinungsbildung durch Rundfunk (die auch neue elektronische Angebote einschließt) sichert.

Zu einem eindeutigen Ergebnis, besser noch zu einer Forderung, kommt die Untersuchung leider nicht. Sie zeigt den Lesern lediglich auf, dass die Politiker zwischen einer gesetzlichen Regulierung und einer Selbstregulierung der Anbieter von Suchmaschinen wählen könnten. Eine Tagung zumThema fand auch statt.

2. Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik
Auf die Ergebnisse einer Tagung der Bertelsmann-Stiftung im Mai 2004 greift das Buch “Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik” von Marcell Machill und Norbert Schneider zurück - ebenfalls durch die LfM herausgegeben.

Die auf der Tagung “Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik” im Mai 2004 in Berlin geführte Diskussion über verschiedene Problembereiche, wie Manipulation von Ergebnislisten, Konzentrationstendenzen oder jugendschutzrelevante Fragestellungen, wird in diesem Buch dokumentiert. Darüber hinaus werden aktuelle Ergebnisse der Suchmaschinenforschung zu News-Suchmaschinen und dem Selektionsverhalten von Suchmaschinennutzern vorgestellt.

Leider liegt mir das Büchlein nocht nicht vor. Infos ggf. demnächst an dieser Stelle.

3. Suchmaschinen: Das Tor zum Internet
Im März dieses Jahres erschien eine Broschüre der Fraktion von Bündnis 90/ Die Grünen. Unter dem Titel “Suchmaschinen: Das Tor zum Internet” gibt sich die Untersuchung, die in erster Linie bekannte Ergebnissse zusammenfasst, kämpferisch.

In einem Interview mit netzkritik.de nimmt die Grünen-Abgeordnete Grietje Bettin Stellung zur Rolle Googles.

Netzkritik: Auch beim Datenschutz gibt es noch reichlich Nachholbedarf. Insbesondere der Marktführer Google hat in der Vergangenheit kaum eine Möglichkeit ausgelassen, diesbezüglich auf sich aufmerksam zu machen. Leider nie positiv …

Grietje Bettin: Ja, der Datenschutz ist im Zusammenhang mit Google nicht unproblematisch. Dass sich Google diesen Vorwurf immer und immer wieder gefallen lassen muss, hängt viel mit der Intransparenz des Unternehmens und seiner Firmenstrategie zusammen: Insbesondere den Vorwurf der langen Speicherung von Benutzerdaten muss sich Google deshalb gefallen lassen.

Auf Ihrer Website (und wohl auch Face2Face) sagt Bettin:

Um die Abhängigkeit von einer Meinung zu vermeiden, halten wir es für wichtig, die Alternativen zu Suchmaschinen-Monopolisten zu stärken und zu unterstützen.

4. Wege ins Netz
Mit “Transparenz im Netz” beschäftigte sich ein Projekt der Bertelsmann-Stiftung. Marcel Machill und Carsten Welp haben die Ergebnisse in dem Buch “Wege ins Netz” in die Öffentlichkeit getragen.

[E]ine ausschließlich auf Algorithmen basierende und damit „unbestechliche“ Informationsverarbeitung birgt auch Probleme. Denn Suchmaschinen unterscheiden nicht, ob sich in verlinkten Webangeboten illegale, unmoralische oder anderweitig problematische Inhalte befinden (Pornografie, Gewalt, jugendgefährdende Inhalte, urheberrechtlich bedenkliche Inhalte).

Im Rahmen des Projektes und als folge der Untersuchen formulierte die Bertelsmann-Stiftung dann einen Verhaltencodex für Anbieter von Suchmaschinen. Dieser Code of Conduct (PDF) hat sich bis heute nicht durchgesetzt und wird bisher nur von kleineren Anbietern anerkannt.

Randbemerkungen

Blackbox Suchmaschine (II)

Friday, October 7th, 2005

Mit den Suchmaschinen ist es so eine Sache: Ohne sie finden wir uns im Wust des Internets kaum zurecht; aber mit ihnen “erben” wir auch zahlreiche Ecken und Kanten, blinde Flecken und Kontrollverluste.

Sichtbar ist, wer vorne steht
Denn Suchmaschinen sind nicht nur, wie im ersten Teil beschrieben, lückenhaft in dem, was sie uns präsentieren, sondern auch sehr beschränkend: Sie sind Torwächter zum Internet - und dies in einem doppelten Sinne.

  1. Nur wer es auf die vorderen Plätze eines Suchergebnisses schafft, ist für Nutzer wirklich sichtbar. Kein Nutzer kann - bei aller Kompetenz - mehrere 1.000 Suchtreffer durchforsten. Spätestens auf der dritten Seite der Suchtreffer schaut kaum noch ein Wissenshungriger nach.
  2. Hier hilft nur eine geeignete Suchstrategie - wie das Nutzen von Spezialsuchmaschinen. Es gilt im geringen Anteil von Suchergebnissen, die der Suchende überblicken kann, möglichst passende Treffern zu generieren. Aber nur der Nutzer, der die Suchmaschinen kompetent bedienen kann, die Eigenheiten des Web kennt und sein Suchgebiet beherrscht, entlockt meist der, seltener den Suchmaschine(n) alle gewünschten Geheimnisse. Mögliche Zensur, blinde Flecken und technische Unzulänglichkeiten sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt.

Verschiedene Studien zeigen, dass Info-Hungrige oft einseitig und intuitiv an die Suche herangehen – mit allen Konsequenzen für die gefundenen Ergebnisse: Eine Untersuchung der Universität Karlsruhe hat bei 6.000 Befragten – meist erfahrenen – Nutzern herausgefunden, dass diese zu 70 Prozent nur die ersten fünf Treffer einer Suchmaschine berücksichtigen. Eine aktuelle Studie (PDF) der Cornell-Universität bestätigen diese Zahlen (gefunden bei @-web).

Bei den vielen Mängeln, die die Informationssuche mit sich bringt, wiegt es umso schwerer, dass 70 bis 90 Prozent der Datenreisenden den Marktführer Google – die meisten von ihnen ausschließlich – nutzen. Damit ist der Marktanteil des einstigen Insidertipps erdrückend. (Aktuelle Zahlen für die weltweite Nutzung bei @-web)

Rauschen im Netz
Bei diesen Eigenheiten dürfte deutlich werden, dass das so genannte Spamming von Suchergebnissen oder das Kaufen von guten Positionen in Trefferlisten besonders schwer ins Gewicht fällt: Dubiose Anbieter versuchen mit allen Mitteln die Websites ihrer Kunden auf die vorderen Plätze der Ergebnisse zu katapultieren – mitunter unabhängig vom gesuchten Thema und der Relevanz für den Nutzer.

Auch der Jugendschutz wird gern bemüht, um die mangelnde Qualität der Suchmaschinen zu beklagen: Neben pornografischen Angeboten werden immer wieder rechtsradikale Webseiten als Beispiel angeführt, die insbesondere für Jugendliche gefährlich seien (dazu kritisch).

Aus welchem Blickwinkel Suchmaschinen auch betrachtet werden: Sie spielen in der vom Internet geprägten Gesellschaft eine zentrale Rolle – mit allen positiven und negativen Folgen.

Dieser Beitrag ist ein aktualisierter Textbaustein aus “Die Google-Gesellschaft

Die Technik hinter der Google-Gesellschaft

Monday, October 3rd, 2005

Im Beitrag vorher habe ich es schon kurz angedeutet: Dirk Lewandowski, Informationswissenschaftler und freier Berater zum Thema Suchmaschinen, stellt sein Buch “Web Information Retrival - Technologien zur Informationssuche im Internet” frei zugänglich ins Netz. Wohl auch in der Hoffnung, dass die Leute dann doch das gedruckte Exemplar bevorzugen (so @-web).

Schon Janko Röttgers hat mit seinem Buch “Mix, Burn & R.I.P. Das Ende der Musikindustrie” und einer Veröfentlichung im Internet gute Erfahrungen gemacht. Dieser aber stellt sein Buch zudem unter Creative Commons-Lizenz ins Netz. Nachahmenswert!

Landowskis Werk ist eine umfassende Betrachtung der technischen Hintergründe der Google-Gesellschaft: Er behandelt die strukturellen Eigenheiten des WWW und der Dokumente ebenso wie die Suchmaschinen und deren Logiken. Ein ideales Werk, um immer wieder mal Details zu den Prinzipien der Suchmaschinen nachzuschlagen, um Quellen zu finden und Statistiken zu zitieren.

Eine ausführliche Besprechung zum Buch gibt es bei @-web.